Schweizweit wächst die Bevölkerung in den urbanen Gegenden am stärksten, wie das Bundesamt für Statistik schreibt. Doch kaum irgendwo ist das Wachstum krasser als in Zürich-West. Genauer: im Stadtkreis 5, im Escher-Wyss-Quartier zwischen Bahnviadukt und Hardturm-Stadionbrache. Die Bevölkerung hat sich hier innert 20 Jahren verdreifacht – von unter 2000 auf gegen 6000 Einwohner.

Was hat der Boom mit dem Quartier gemacht? Tina Schmid, Soziologin bei Statistik Stadt Zürich, und Andrea Büchi, Projektleiterin bei Stadtentwicklung Zürich, sind dieser Frage nachgegangen. Gestern präsentierten sie im Rahmen der Veranstaltungsreihe «Statistik um 12» Antworten. Die Kernaussagen:

Wohnen hat sich im Boomquartier Escher-Wyss noch stärker verteuert als im Gesamt-Stadtgebiet. Kostete eine 3-Zimmer-Wohnung im Escher-Wyss-Quartier im Jahr 2000 noch um die 975 Franken pro Monat, so sind es jetzt im Mittel 2370 Franken. Zum Vergleich: Im Stadtzürcher Mittel stiegen die Mieten derweil von 1211 auf 1590 Franken. Hauptgründe für den stärkeren Anstieg im Boomquartier, das grossteils von Privatgesellschaften auf Industriebrachen erbaut wurde: Neubauten sind generell teurer – und die Wohnungen darin grösser. So bewohnt ein Mensch im Escher-Wyss-Quartier im Durchschnitt 48 Quadratmeter; gesamtstädtisch sind es pro Kopf lediglich 39 Quadratmeter.

Die Bevölkerungszusammensetzung in Zürich-West hat sich stark verändert. So sank der Ausländeranteil im schon früher dicht besiedelten Gewerbeschulquartier, das vom Hauptbahnhof bis zum Bahnviadukt reicht, im Laufe der letzten 20 Jahre von 48 auf gut 30 Prozent. Und über das westlich daran angrenzende Escher-Wyss-Quartier, wo vor 20 Jahren noch kaum jemand wohnte, sagt Soziologin Tina Schmid: «Es gibt dort praktisch keine Alten und nur wenige Kinder, dafür vor allem 25- bis 40-Jährige.» Zwar sei Zürich insgesamt in den letzten 20 Jahren jünger geworden, weil die Zahl der 25- bis 40-Jährigen stieg, während jene der Alten sank. Im Boomquartier sei diese Entwicklung aber noch ausgeprägter.

Dort sind auch die Einkommen im Schnitt höher, was mit daran liegt, dass dort weniger Rentner leben. So beträgt das steuerbare Einkommen eines Escher-Wyss-Quartierbewohners im Mittel 60 000 Franken – und ist damit auf gleichem Niveau wie im Seefeld sowie höher als am Zürichberg. Gesamtstädtisch liegt das mittlere Einkommen eines Zürchers oder einer Zürcherin bei 42 000 Franken im Jahr. Fazit: Im Boomquartier wohnen überdurchschnittlich viele kinderlose Paare im Alter von 30 bis 50 Jahren mit hohen Einkommen und hoher Bildung.

Doch wie gefällt es den Bewohnern im Boomquartier? Dieser Fragen ging Andrea Büchi nach, indem sie die seit 1999 alle zwei Jahre von der Stadt Zürich durchgeführten Bevölkerungsbefragungen auswertete. Ihr Fazit: Verkehrs- und Wohnungsprobleme, die in der gesamten Stadt gegenwärtig meistgenannten Probleme, werden im Kreis 5 stärker gewichtet als im Stadtzürcher Durchschnitt.

Das Thema Drogen hingegen, um 2000 noch das zweitmeistgenannte Problem im Kreis 5, wird jetzt kaum noch wahrgenommen. «Die Drogenszene war früher viel sichtbarer», so Schmid. Bis 1995 tolerierte die Stadt die offene Drogenszene beim Letten. Die Folgen von deren Auflösung waren im Kreis 5 lange spürbar.

Zufriedenheit gestiegen

Insgesamt ist die Zufriedenheit der Stadtzürcher Bevölkerung mit ihrer Wohnumgebung in den letzten 20 Jahren gestiegen, so auch im Kreis 5. Allerdings findet eine Mehrheit, viele Renovationen und Neubauten seien zu luxuriös: Gesamtstädtisch waren zuletzt 68 Prozent der Befragten dieser Ansicht, im Kreis 5 gar 74 Prozent. Auch punkto Ruhe, Verkehr und Grünräume ist die Bevölkerung des Boomquartiers deutlich weniger zufrieden als der Stadtzürcher Durchschnitt.

Nicht erfasst sind in der Statistik jene, die aus dem Boomquartier weggezogen sind – zum Beispiel, weil sie es sich nicht mehr leisten können.