Eine 78-jährige Lenkerin steuert ihr Auto in Herblingen SH aufs Trottoir und fährt zwei Fussgänger an. Die beiden werden mittelschwer bis schwer verletzt: Es sind Unfälle wie jener am Donnerstag vor einer Woche, welche die Frage aufwerfen, ab wann man Seniorinnen und Senioren den Fahrausweis entziehen sollte. Angeheizt wurde die Diskussion durch den Beschluss, das Alter für die medizinische Fahreignungsabklärung von 70 auf 75 anzuheben.

Ausserdem können speziell ausgebildete Verkehrsmediziner seit dem 1. Juli 2016 Fahrausweise mit Einschränkungen ausstellen: Indem der Lenker oder die Lenkerin beispielsweise nur noch am Tag, in einem bestimmten Rayon oder in einem Fahrzeug mit einer Höchstgeschwindigkeit von 45 km/h fahren darf. Möglich ist auch ein Autobahn-Verbot. Das Bundesamt für Strassen bezweckt damit, die Mobilität von über 70-jährigen Automobilisten so lange wie möglich aufrecht zu erhalten.

Max Homberger, Kantonsrat der Grünen, hält nichts von der Alterserhöhung. Ebenso skeptisch war er, als die Sonderausweise eingeführt wurden. Unter dem Titel «Senioren am Steuer – Zeitbomben» wollte der 69-jährige Wetziker vom Regierungsrat wissen, wie viele dieser Spezialbillette seit dem 1. Juli 2016 im Kanton Zürich ausgestellt wurden.

Laut der nun vorliegenden Antwort waren es 43. Das sind mehr als in anderen Kantonen. Die Regierung hält jedoch fest: «Angesichts der vielen Zehntausend Seniorinnen und Senioren, die sich im Kanton alljährlich der periodischen medizinischen Altersuntersuchung stellen müssen, ist dieser Anteil verschwindend klein.»

Dieser Meinung kann sich auch der sonst bezüglich «Senioren am Steuer» kritische Homberger anschliessen. Er hatte eine largere Praxis und mehr Fälle befürchtet. «Die Zahlen entschärfen diese Thematik nun», sagt er. Erst recht, wenn man beachte, dass die 43 Fahrausweise häufig Personen betrafen, die ohnehin nur noch zum Lenken eines Motorrads (Kategorie M), landwirtschaftlichen Fahrzeugs (G) oder eines Fahrzeugs mit Höchstgeschwindigkeit 45 km/h (F) berechtigt sind.

In manchen der 43 Fälle wurden mehrere Einschränkungen angeordnet. Unter anderem dürfen 35 Lenker nur tagsüber fahren, 2 nur im Umkreis ihres Wohnorts, 9 müssen Autobahnen meiden. Die Inhaber der Sonderausweise stammen aus städtischen und aus ländlichen Gebieten, eine regionale Tendenz ist nicht erkennbar.

Im Dorf am gefährlichsten

Homberger sieht daher vorerst keinen Handlungsbedarf. Die Zahl der betroffenen Lenkerinnen und Lenker sei überschaubar. Und er könne sich vorstellen, dass die wenigen Ausnahmen berechtigt seien. Etwa dann, wenn eine ältere Person abgelegen wohne und für den Einkauf ins nächste Dorf müsse.

Das sehen nicht alle so. Genau die Beschränkung auf einen bestimmten Rayon hält der Verkehrsmediziner Rolf Seeger für unsinnig. Gegenüber dem «Tages-Anzeiger» sagte er: «Personen mit kognitiven Einschränkungen sind an ihrem Wohnort am gefährlichsten.» Zum Beispiel dann, wenn sie aus Parkflächen herausfahren.