Die Affäre um Misswirtschaft bei Entsorgung und Recycling Zürich (ERZ) weitet sich aus. Laut einem Stadtratsprotokoll vom 29. März, das die «NZZ» nun publik gemacht hat, wurden bei Kreditabrechnungen die Fristen «über Jahre hinweg und in einem nicht tolerierbaren Ausmass» verletzt. Die Abrechnungen wiesen Unregelmässigkeiten auf. So sei beim Projekt «Schlammtrocknung», das bereits vor 25 Jahren gestoppt wurde, die Hälfte von insgesamt acht Millionen Franken Investitionskosten abgeschrieben worden.

Was aus der anderen Hälfte wurde, bleibe unklar – es fehlten wichtige Belege. Ebenso sei unklar, warum die Änderung des Projekts ohne Bewilligung des Parlaments durchgeführt wurde. Als Grund, warum das damalige Geschäftsgebaren nicht mehr nachvollziehbar sei, wird angegeben, dass ein Zugriff auf das seinerzeit benutzte EDV-System nicht mehr möglich sei. Der Stadtrat rügt die Unregelmässigkeiten und verlangt, die missachteten Vorschriften «inskünftig ausnahmslos einzuhalten», wie die «NZZ» schreibt.

Zitiert wird auch ein zwei Wochen älteres Stadtratsprotokoll, wonach die Verbuchungspraxis bei ERZ nicht den Vorgaben entsprach. So sei die Erneuerung von Kanälen jahrelang auf das falsche Konto abgerechnet worden.

Unstimmigkeiten bei ERZ hatte Stadtrat Filippo Leutenegger (FDP), dem das Entsorgungsamt unterstellt ist, bereits im Dezember 2015 eingeräumt. Damals ging es um eine Kostenüberschreitung beim Bau des neuen Logistikzentrums für das Kehrichtheizkraftwerk Hagenholz in Höhe von 15 Millionen Franken. Leutenegger ordnete eine Untersuchung an. In der Folge kam auch zutage, dass diverse Dokumente unauffindbar verschollen waren. Die damals kritisierten Verfehlungen ereigneten sich unter Leuteneggers Vorgängerin Ruth Genner (Grüne). Der Stadtrat bescheinigte ihr aber, keine Sorgfaltspflichten verletzt zu haben.

In die Kritik geriet insbesondere Urs Pauli, der seit 2008 ERZ-Direktor ist und vorher ab 1997 für die Stadtentwässerung arbeitete. Leutenegger sprach ihm nach Bekanntwerden der Verfehlungen sein Vertrauen aus, sagte aber, es vertrage nun nichts mehr. Ob es für Pauli nun eng wird, liess Leuteneggers Sprecher Pio Sulzer gegenüber der «NZZ» offen.

Das Kontrollsystem von ERZ sei inzwischen angepasst worden. So müssten die Dienstabteilungen dem Departement alle Bau- und Kreditabrechnungen unaufgefordert melden. Diese überprüfe sie dann stichprobenartig. Und: «Neu werden auch alle Projekte während der gesamten Dauer durch eine unabhängige Kontrolle begleitet und überwacht», so Sulzer. Ausgestanden ist die Affäre damit noch nicht: Ein Bericht der Geschäftsprüfungskommission des Stadtparlaments soll im Sommer erscheinen. Und: Die AL kritisiert die angesichts chronischer Überbudgetierung unnötig hohen Gebühren, die ERZ den Konsumenten verrechne. Zudem fordert sie «neue Schlüsselfiguren», wie AL-Gemeinderat Andreas Kirstein zitiert wird.