Urteil 
Weil sie eine geschützte Wiese geschädigt hatten: Stadtreben wären illegal

Ein Rebberg am Kirchrain in Zürich Fluntern hätte eine geschützte Wiese geschädigt und wäre daher widerrechtlich gewesen. Das geht aus einem gestern publizierten Urteil des Zürcher Baurekursgerichts hervor.

Patrick Gut
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Der Streit um den Rebberg zog sich über Jahre hin. (Symbolbild)

Der Streit um den Rebberg zog sich über Jahre hin. (Symbolbild)

Keystone

Im lang anhaltenden Streit um einen Rebberg unterhalb der reformierten Kirche Fluntern hat das Baurekursgericht einen ersten materiellen Entscheid gefällt. Die Schutzverordnung «Kirchrain Fluntern», die der Zürcher Stadtrat im Juli 2013 erlassen hat, ist demnach widerrechtlich. Die Verordnung sah vor, dass zwischen Gloriastrasse und Kirche Fluntern auf einer Fläche von rund 2600 Quadratmetern Reben angepflanzt worden wären.

Dies entsprach einem Wunsch des Quartiervereins, der Zunft und der reformierten Kirchgemeinde. Sie waren 2011 an Grün Stadt Zürich herangetreten mit der Idee, wieder einen Rebberg anzulegen. Bis in die 1930er-Jahre bestand am Kirchrain ein Rebberg. Später wurde die Fläche – total sind es 4700 Quadratmeter – beweidet. Es entstand eine Magerwiese, die seit 1990 im Inventar der kommunalen Natur- und Landschaftsschutzobjekte verzeichnet ist.

Die Freude über die Schutzverordnung «Kirchrain Fluntern» war bei den Rebenfreunden von kurzer Dauer. Nur wenige Monate nach dem ersten Erlass machte der Zürcher Stadtrat nämlich eine Kehrtwende. Er zog den ersten Erlass zurück und ersetzte ihn im November 2013 durch die Schutzverordnung «Fluntern». Sie beinhaltete den Verzicht auf den Rebberg. Der Stadtrat begründete seinen Gesinnungswandel damit, dass Anwohner einen Rekurs gegen die erste Schutzverordnung eingereicht hatten und dass deren Chancen auf Erfolg gross seien. Ausserdem verursache der Rebberg Umsetzungskosten von 200 000 bis 300 000 Franken, und die Stadtkassen seien leer.

Einzelinitiative war ungültig

Der Rückwärtssalto des Stadtrats brachte die Rebenbefürworter in die Sätze. Es wurden Unterschriften für eine Petition gesammelt, eine Einzelinitiative und ein Rekurs gegen die neue Schutzverordnung eingereicht. Die Einzelinitiative wurde vom Stadtzürcher Parlament für ungültig erklärt und hat sich in der Zwischenzeit erledigt. Der Entscheid zum Rekurs liegt nun vor.

Das Baurekursgericht hat entschieden, dass der Stadtrat seine erste Schutzverordnung zu Recht aufgehoben hat. Einerseits war sie noch nicht rechtskräftig, andererseits – und das ist entscheidend – war die erste Anordnung «materiell unrichtig»: Das Baurekursgericht bestätig – gestützt auf die Berichte von Sachverständigen – die Schutzwürdigkeit der bestehenden Magerwiese.

Seltene Nachtfalter geschützt

Hervorgehoben wird die «grosse Population des selten gewordenen Gewöhnlichen Widderchens». Dabei handelt es sich um einen tagaktiven Nachtfalter. Das Widderchen trete auf der Wiese in einer Dichte auf, die ihresgleichen suche und für zentrumsnahe Gebiete des Schweizer Mittellandes «absolut aussergewöhnlich sei», schwärmte ein Experte.

Das Gericht kam zum Schluss, dass die Schutzverordnung «Fluntern» – also jene ohne Reben – ihren Zweck erfüllt. Ganz anders die Variante mit Rebberg; die Wiese würde «unweigerlich grösstenteils zerstört». Der Einsatz von Fungiziden und Dünger hätte auf Flora und Fauna «aller Voraussicht nach einen nachteiligen Effekt». Für das Gericht sei es schwer nachvollziehbar, wie der ökologische Wert der Wiese mit einem Rebberg erhalten oder gar gesteigert werden könnte, wie der Rekurrent behauptet.

Die Schutzverordnung, die der Stadtrat zunächst erlassen hatte, ist für das Gericht aus diesen Gründen «widerrechtlich». Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Bleibt es dabei, ist die Magerwiese geschützt, die Widderchen fliegen ungestört weiter und der Rebberg ist endgültig passé.