Sieben Kandidaten für sieben Sitze: Im Frühling sah die Wahl des reformierten Kirchenrats noch nach einer klaren Sache aus. Für die zurücktretende Irene Gysel hat die religiös-soziale Fraktion die Schwamendinger Pfarrerin und SP-Kantonsrätin Esther Straub vorgeschlagen. Für den Sitz der Liberalen von Fritz Oesch kandidiert die Zolliker Gemeindepräsidentin und FDP-Kantonsrätin Katharina Kull-Benz.

Jetzt lancieren drei Fraktionspräsidenten eine achte Kandidatin. Marlies Petrig aus Gutenswil ist Geschäftsleitungsmitglied des Kompetenzzentrums Pflege und Gesundheit in Bassersdorf und Co-Präsidentin des Stiftungsrates der Sozialwerke Pfarrer Sieber. Sie wird explizit gegen Esther Straub aufgestellt und soll verhindern, dass mit Straub die Pfarrer in der Exekutive zu viert und damit in der Mehrheit sind.

Motion abgelehnt

Dieses Anliegen ist nicht neu. Im März versuchte Willi Honegger, Präsident der evangelisch-kirchlichen Fraktion und Pfarrer in Bauma, mit einer Motion in der Kirchensynode zu erreichen, dass die Pfarrermehrheit im Kirchenrat verunmöglicht wird. Die Motion wurde abgelehnt. Für Honegger war das Thema aber nicht erledigt: «Wir haben gemerkt, dass dies vielen Synodalen ein Anliegen ist.» Es könne nicht angehen, dass der Berufsstand, der jetzt schon am meisten zu sagen habe, sich selber regiere. Sonst gerate der Kirchenrat a priori unter Verdacht, Pfarrer zu bevorzugen.

Marlies Petrig

Marlies Petrig

Esther Straub sei für ihn grundsätzlich wählbar, sagt Honegger. Aber nicht in dieser Konstellation mit drei Pfarrern unter den Bisherigen. Den Unmut in den übrigen Fraktionen über ihre Kandidatur habe man der religiös-sozialen Fraktion mitgeteilt. Diese hielt aber an Straub fest.

Dass Marlies Petrig kurz vor der Wahl und mitten in den Ferien lanciert werde, sieht Matthias Reuter, Präsident der religiös-sozialen Fraktion, als «Affront». Zwar sei eine weitere Kandidatin legitim. «Dass, die anderen Fraktionen uns aber vorschreiben wollen, wen wir zu nominieren haben, geht gegen jegliche demokratische Kultur», sagt der Pfarrer in Zürich Höngg.

Esther Straub

Esther Straub

Hinzu kommt, dass Marlies Petrig von der Findungskommission der religiös-sozialen Fraktion als Nachfolgerin von Irene Gysel geprüft worden war. «Wir haben uns aber für Esther Straub als gut vernetzte Politikerin und Kirchenfrau entschieden», sagt Reuter. Dass sie nun auf ihren Beruf reduziert werde, befremde ihn.

Argumente irritieren

Esther Straub schätzt ihre Wahlchancen als «völlig intakt» ein. «Marlies Petrig ist eine Konkurrenz für alle Kandidaten.» Sie irritieren die Argumente der Gegenseite: «Es ist absurd, zu meinen, ein Kirchenrat mit mehrheitlich Pfarrpersonen würde nur noch Klientelpolitik betreiben.» Die Synode habe signalisiert, dass eine solche Konstellation vorübergehend möglich sein soll.

Marlies Petrig versteht, dass ihre späte Kandidatur von den Religiös-Sozialen nicht goutiert wird. Dennoch habe sie motiviert, dass sie mit ihrem Hintergrund zu einer echten Auswahl beitragen könne: «Pfarrerinnen und Pfarrer sind in einer lebendigen Kirche wichtig, aber auch andere wirken mit und sollen sich einbringen können.»

Würde sie gewählt, würde sie sich am ehesten in der religiös-sozialen Fraktion aufgehoben fühlen, am wenigsten in der evangelisch-kirchlichen. Reuter schliesst Petrigs Aufnahme aber aus. Es sei auch unwahrscheinlich, dass die religiös-soziale Fraktion sie an die Hearings einlade, an denen sich die offiziellen Kandidatinnen nach den Sommerferien bei den Fraktionen vorstellen können.

Ob der Synodalverein Petrig in die Fraktion aufnehmen würde, dazu will deren Präsidentin Wilma Willi noch nichts sagen. Petrig habe sie persönlich nicht nur überzeugt, weil sie keine Pfarrerin sei, sondern vor allem durch ihre Führungskompetenzen und Erfahrungen als Ehrenamtliche. Durchaus vorstellen könnte sich Thomas Maurer, Präsident der Liberalen und Pfarrer in Knonau, dass Petrig in seine Fraktion aufgenommen würde. Neben Willi, Honegger und Maurer unterstützen weitere Synodalen Petrig. «Wir sind eine schöne zweistellige Zahl», sagt Honegger.

«Vor den Kopf gestossen»

Auch die Gegenseite hat Unterstützung bekommen: Die beiden jüngsten Synodalen, Katja Vogel vom Synodalverein und Manuel Amstutz von den Religiös-Sozialen, fühlen sich von der «wilden Kandidatur vor den Kopf gestossen», wie sie in einem offenen Brief schreiben. Die «einträchtige Zusammenarbeit» in Synode und Kirchenrat werde gefährdet. Bis zum 15. September haben die 120 Synodalen Zeit, sich zu entscheiden, welche sieben Namen sie auf die Wahlliste der Kirchenräte setzen wollen.