Essen
Wegen Recycling: Spuren von Erdöl im Nudelkarton

Viele Lebensmittel, die in Recycling-Kartons verpackt oder transportiert werden, enthalten Spuren von Mineralölen. Diese werden für den Druck von Zeitungen verwendet und gelangen durch die Verpackung in das Essen und den menschlichen Körper

Anna Wepfer
Drucken
Teilen
Aus gesundheitlicher Sicht sind Kartonverpackungen für Lebensmittel nicht immer unbedenklich.

Aus gesundheitlicher Sicht sind Kartonverpackungen für Lebensmittel nicht immer unbedenklich.

Pasta, Reis, Cornflakes – sie alle gehören zu jenen Lebensmitteln, die in Kartonschachteln im Ladenregal stehen. Das ist aus ökologischer Sicht sinnvoll, da die Verpackung aus wiederverwertbarem Material hergestellt wird. Doch aus gesundheitlicher Sicht sind die Kartons nicht immer unbedenklich.

Studie aus dem kantonalen Labor: Situation mit Gemüse aus Asien schon lange untragbar

Insgesamt 20 000 Lebensmittel, Gebrauchsgegenstände und
Badewasserproben hat das
kantonale Labor im Jahr 2012
genauer unter die Lupe
genommen und auf Mängel überprüft. Unter anderem haben die Chemiker untersucht, ob auf pflanzlichen Esswaren Rückstände von Pestiziden zu finden sind.
Insgesamt lagen 836 Gemüse und Früchte aus aller Welt auf dem Labortisch, sie wurden nach 450 verschiedenen Pflanzenschutzmitteln abgesucht.
Von den Schweizer Produkten beanstandeten die Fachleute
lediglich 1,1 Prozent. Ganz anders jedoch die Importwaren: Insbesondere die Proben aus
Asien schnitten unbefriedigend ab: Hier überschritt jedes vierte der insgesamt 89 Produkte den zulässigen Grenzwert - und zwar oft um ein Vielfaches. Sehr schlecht schnitt etwa das
Thailändische Kohlgewächs «Cantonese Lettuce» ab, bei dem Spuren des Pflanzenschutzmittels Prothiofos gefunden wurden, die 1900 Mal höher waren als der Referenzwert. Sehr besorgniserregend waren laut Bericht auch die getesteten Curryblätter: Neun von elf Proben wurden wegen Pestizidrückständen in «teilweise unglaublichen Mengen» beanstandet, heisst es im Jahresbericht.
Laut kantonalem Labor ist die
Situation bei Gemüse aus Asien schon lange «untragbar».
Dessen Import wird in Zukunft deshalb noch strenger überprüft, wobei auch Strafanzeigen
nicht ausgeschlossen sind.
Allerdings sei es aufgrund der verworrenen Importwege oft
schwierig, die Verantwortlichen für die schlechte Qualität ausfindig zu machen.

Noch keine Auswirkungen bekannt

Wie das kantonale Labor in seinem Jahresbericht schreibt, stecken in einem Teil der Kartons Verunreinigungen, die sich schon in kurzer Zeit auf die verpackten Lebensmittel übertragen. Beim Essen gelangen sie dann in den menschlichen Körper. Im Fokus stehen vor allem Mineralöle, die für den Druck von Zeitungen und Magazinen verwendet werden und deshalb auch im rezyklierten Karton enthalten sind.

Laut Kantonschemiker Rolf Etter ist schon seit längerem bekannt, dass sich im menschlichen Körper im Laufe der Zeit erdölartige Stoffe ansammeln. In einem gross angelegten Projekt mit drei deutschen Partnerteams hat das kantonale Labor nun erstmals minutiös darlegen können, dass zumindest ein grosser Teil dieser Mineralöle aus Lebensmittelverpackungen stammen muss. «Das ist problematisch», sagt Etter. Denn bisher ist weder klar, wie sich Mineralöl auf die Gesundheit auswirkt, noch gibt es einen verbindlichen Grenzwert. Hinzu kommt, dass die Kartons noch Hunderte weitere Substanzen enthalten, die ebenfalls schädlich sein könnten.

Fazit: Verbesserungsbedarf

Wie schnell sich die Stoffe übertragen, hat das kantonale Labor in neunmonatigen Tests nachgewiesen. Lebensmittel, die direkt mit dem Karton in Berührung kamen, wiesen bereits nach einem Tag einen Mineralölgehalt von einem Milligramm pro Kilo auf. Das ist etwa jene Menge, welche die Forscher als unbedenklich einstufen. Bei Produkten, die länger in Schachteln gelagert und transportiert werden, liegt der Mineralölgehalt schnell viel höher.

Für Etter ist deshalb klar: Die heutigen Verpackungen müssen dringend verbessert werden. Die naheliegendste Lösung wäre, für Lebensmittel auf Recyclingmaterial zu verzichten und auf Frischfaserkarton umzusteigen.

Welche Materialen sinnvoll?

Das wiederum ist ökologisch weniger sinnvoll. Etter kommt deshalb zum Schluss, dass Esswaren im Karton durch einen zusätzlichen Innenbeutel oder eine Beschichtung des Kartons geschützt werden müssen. Das kantonale Labor hat hierfür verschiedene Materialien getestet. Dabei hat sich gezeigt, dass bisher häufig benutzte Materialien wie Papier oder Polyethylen zu wenig dicht sind und Mineralöle passieren lassen.

Entwicklungen im Ausland wichtig

Auch wenn die Ergebnisse der Studie eindeutig sind: Strengere gesetzliche Anforderungen an die Hersteller sind laut Etter bisher nicht in Sicht. Trotzdem ist er zuversichtlich. Allein die Ergebnisse der Studie und die Diskussionen mit der Industrie hätten Verbesserungen gebracht. So hätten einzelne Nahrungsmittelproduzenten in der Schweiz ihre Verpackungen bereits ganz oder teilweise umgestellt. Hersteller von Babynahrung setzen aufgrund früherer Studien schon seit längerem auf dichte Verpackungen. Und im vergangenen Winter hat der Skandal um mineralölhaltige Schokolade in Adventskalendern dazu geführt, dass einzelne Firmen in Deutschland die Produktion ihrer Kartons überprüfen.

Dass sich auch im Ausland etwas bewegt, ist laut Etter von zentraler Bedeutung. Massnahmen, die sich auf die Schweiz beschränken, erreichten angesichts der vielen Importe nichts. Er hofft, dass das Thema dank seiner Studie nun auch im umliegenden Europa mehr Beachtung findet.

Aktuelle Nachrichten