Zürich

Was, wenn das Baby weder Mädchen noch Bub ist? – Dies ist im Kispi bis zu 100 Mal pro Jahr der Fall

Bub oder Mädchen? Eltern von Intersex-Kindern sind oft überfordert mit der schwerwiegenden Entscheidung. Am Kispi unterstützt sie ein interdisziplinäres Team. (Symbolbild)

Bub oder Mädchen? Eltern von Intersex-Kindern sind oft überfordert mit der schwerwiegenden Entscheidung. Am Kispi unterstützt sie ein interdisziplinäres Team. (Symbolbild)

Auf Anfrage von vier Kantonsräten publiziert die Regierung erstmals Details zum Umgang des Kinderspitals mit intersexuellen Patienten.

Wird heute im Universitäts-Kinderspital Zürich ein Kind geboren, bei dem nicht klar ist, ob es ein Mädchen oder ein Bub ist, werden die Familien von Teams mit Urologen, Psychologinnen, Ethikern und anderen Spezialistinnen betreut. In gemeinsamen Gesprächen sollen die Fachleute mit den Eltern herausfinden, wie und ob das Kind überhaupt behandelt werden soll.

Das Kindeswohl gebe den Ausschlag, schreibt der Regierungsrat in einer Antwort auf eine Anfrage von vier Kantonsräten. Auch wenn für die Eltern eine Operation oft das Hauptthema sei, könnten diese medizinisch nicht indizierte Operationen nicht einfordern. Dies ist eine andere Position, als sie noch Mitte des 20. Jahrhunderts von den meisten Medizinern vertreten wurde. Vielfach wurde den kleinen Patienten operativ ein Geschlecht zugeteilt. Einfachheitshalber wurden sie zu Mädchen umoperiert – so auch am Kinderspital Zürich (Kispi).

80 Prozent der Akten vernichtet

Ende 2018 warfen Betroffene von Intersexualität dem Kinderspital vor, Akten vernichtet zu haben. Im Rahmen eines ­Forschungsprojekts erarbeitet das Kispi, wie zwischen 1945 und 1970 mit intersexuellen Kindern verfahren wurde. Bei der Aufarbeitung wurden die Kispi-Akten dem Staats­archiv übergeben, jedoch nur gut 20 Prozent davon wurden archiviert – wie dies der ­Praxis des Staatsarchivs entspricht.

Anfang 2019 rief dieser Disput Brigitte Röösli auf den Plan. Die SP-Kantonsrätin aus Illnau-Effretikon und Co-Präsidentin der Patientenstelle Zürich reichte mit zwei Kantonsrätinnen eine Anfrage ein. Mit der Antwort sei sie nicht zufrieden gewesen, sagt Röösli heute. «Mir schien, der Regierungsrat hat sich für die Antwort gar nicht beim Kinderspital um die entsprechenden Informationen bemüht.»

Deshalb hakte Röösli nach, mit einer weiteren Anfrage und einem detaillierten Fragenkatalog: «Mir ist wichtig, dass das Thema enttabuisiert wird und der Umgang mit dieser Minderheit in einem öffentlichen Papier festgehalten wird.»

In seiner kürzlich veröffentlichten Antwort schreibt der Regierungsrat, dass in der Schweiz jedes Jahr schätzungsweise zwischen 20 und 100 Kinder mit nicht eindeutigen Varianten der Geschlechtsentwicklung zur Welt kommen. Genauere Zahlen gebe es nicht, da kein Konsens existiere über die Definition von Intersexualität.

Operationen finden noch statt

Wenn immer möglich versuchten die Ärztinnen des Kispi, Operationen auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben, damit die betroffenen Kinder selbst mitentscheiden könnten. Dennoch werden am Kispi Kleinkinder am Geschlecht operiert. Etwa wenn bei Buben eine Hypospadie vorliegt, die Harnröhre also nicht in die Eichel mündet, oder wenn bei Mädchen die Harnröhre in die Vagina führt. Bei diesen rund 120 Eingriffen pro Jahr sei die Mehrzahl der Kinder aber nicht von einer Intersexualität betroffen, schreibt der Regierungsrat weiter.

Die Betroffenen und ihre Eltern werden im Kispi von den Teams eng betreut und möglichst bis zur Volljährigkeit begleitet. Die individuellen Entscheidungsprozesse werden dokumentiert, der Kontakt zu Betroffenenorganisationen sei hergestellt, und auch die Aufarbeitung der historischen Fälle in der erwähnten Studie sei bald abgeschlossen. Die Ergebnisse sollen im Herbst vorliegen. Mehrere Studien zum Thema liessen ein Spektrum von widersprüchlichen Bedürfnissen erkennen, schreibt der Regierungsrat weiter. Gemäss einer noch nicht publizierten Studie wünsche eine knappe Mehrheit der Betroffenen nach wie vor Operationen im frühen Kindesalter, während dies eine Minderheit ablehne.

Brigitte Röösli ist diesmal zufrieden mit der sorgfältigen und differenzierten Antwort des Regierungsrats. Denn sie zeige auf, wie mit dem Thema im Kispi umgegangen werde, und wo allenfalls Handlungsbedarf bestehe. Laut Einschätzung des Kispi kann die psychiatrische Betreuung von Intersex-Patienten noch verbessert werden. Auch müsse das Thema noch besser in die medizinische Aus-, Weiter- und Fortbildung integriert werden.

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