Jubiläum
Was Sie zur 25. Street Parade wissen sollten

Bis zu einer Million Teilnehmer werden heute an der grössten Technoparty der Welt in Zürich erwartet.

Matthias Scharrer
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Angetrieben von den Bässen der Love Mobiles erleben Hunderttausende entlang dem Zürcher Seebecken die Street Parade. Petrus ist ihnen meistens wohlgesinnt. Keystone

Angetrieben von den Bässen der Love Mobiles erleben Hunderttausende entlang dem Zürcher Seebecken die Street Parade. Petrus ist ihnen meistens wohlgesinnt. Keystone

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  1. Die Street Parade findet heute zum 25. Mal statt. Bei der Erstausgabe 1992 kamen rund 1000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Die Behörden hatten mit weniger gerechnet und den Veranstaltern empfohlen, den Umzug am Rand des damals noch nicht autofreien Limmatquais zu halten. Fernsehbilder von damals zeigen Polizisten, die mit hektischen Armbewegungen scheinbar im Technorhythmus den Autoverkehr dann doch noch eiligst umleiten. Von sieben Love Mobiles funktionierte nur eines richtig.
  2. Im Jahr 1994 wollte der Zürcher Stadtrat die Street Parade verbieten. Zu laut, zu dreckig und eigentlich unnötig sei sie, meinte der damalige Polizeivorsteher Robert Neukomm (SP). Nach öffentlichen Protesten bewilligte der Stadtrat die Parade dann doch.
  3. Die Teilnehmerzahlen stiegen in den ersten Jahren der Street Parade rasant, vor allem nach dem Beinahe-Verbot 1994. Bei der zehnten Street Parade 2001 wurde die Millionengrenze erreicht. Seither tanzten meistens zwischen 800 000 und 1 000 000 Leute an – ausser an den drei verregneten Paraden.
  4. Aufgrund des häufigen Wetterglücks der Street Parade wurde der Spruch «Petrus muss ein Raver sein» zum geflügelten Wort. An 21 von bisher 24 Street Parades schien die Sonne. So auch heute, gemäss Prognose.
  5. Von der ersten Street Parade an deklarierten die Veranstalter ihre Strassenparty als Demonstration für Liebe, Frieden, Grosszügigkeit, Freiheit und Toleranz. Was anfangs ein geschickter Schachzug war, um eine Bewilligung zu kriegen, ist inzwischen Tradition.
  6. Jeweils einen Toten gab es an den Street-Paraden 2004 wegen Drogenkonsums und 2007 aufgrund einer Messerstecherei zu beklagen.
  7. Nach den jüngsten Terrorakten in Frankreich und Deutschland haben die Street-Parade-Veranstalter ihr Sicherheitskonzept überarbeitet. Die Polizei wird mit einem Grossaufgebot in Uniform und in Zivil präsent sein. Videoüberwacht ist die Parade entlang ihrer Route am Seebecken ohnehin schon seit Jahren.
  8. Die Street Parade lockt jeweils viele Besucher aus der ganzen Schweiz und dem benachbarten Ausland an. Die Zürcher Hotels profitieren davon. Doch auch Teile des Seeufers werden zu Übernachtungszwecken genutzt. So ist der Vorplatz des Strandbads Mythenquai bei Parade-Besuchern als wilder Campingplatz beliebt.
  9. Der wirtschaftliche Gesamtumsatz, der im Zusammenhang mit der Street Parade in Zürich anfällt, wird auf 100 Millionen Franken geschätzt.
  10. Einen Abfallrekord erreichte die Street Parade 2015: Insgesamt 129 Tonnen Abfall entsorgten Angestellte von Entsorgung und Recycling Zürich (ERZ) mit etwa 60 Fahrzeugen. Sie brauchten dafür acht Stunden. Die Rechnung bezahlte der Verein Street Parade.
  11. Alle DJs auf den 31 Love Mobiles und 8 Bühnen der Street Parade spielen ohne Gage. Geld verdienen viele von ihnen an den zahlreichen Partys im Anschluss an die Parade. Zu den Top-DJs der 25. Street Parade zählen Carl Cox, Chris Liebing und Audiofly.
  12. Auf der Jubiläumsbühne am Hechtplatz legen DJs aus den Urzeiten der Street Parade auf, unter anderem Dr. Motte, Street-Parade-Gründer Marek Krynski und DJ Gogo.
  13. Die Kosten der Street Parade beziffert der Verein Street Parade Zürich auf 1,8 Millionen Franken. Drei Viertel davon entfallen auf Sicherheit, Sanität, Organisation, Reinigung und Abgaben an die Stadt Zürich, ein Viertel auf Werbung. Haupteinnahmequellen sind Sponsoren und Catering. Der Verein Street Parade ist nicht gewinnorientiert. Allfällige Gewinne werden in die nächste Parade investiert.
  14. Um aus einem Lastwagen ein Love Mobile, also eine fahrbare Disco, zu machen, sind Investitionen in Höhe von rund 25 000 Franken nötig. 31 Love Mobiles rollen an der 25. Street Parade vom Seefeld rund ums Zürcher Seebecken bis zum Hafen Enge, betrieben von Veranstaltern aus der Techno- und House-Szene.
  15. Drogen werden – wen wunderts bei einem Anlass dieser Dimension – an der Street Parade auch konsumiert und gehandelt. Die städtische Jugendberatung Streetwork ist mit einem Drogentestlabor während der Street Parade auf dem Bürkliplatz und ab 22 Uhr an der Lethargy-Party in der Roten Fabrik präsent. Im Labor können Substanzen analysiert werden, ehe man sie einnimmt. Streetwork warnt: «Auch dieses Jahr werden sehr hoch dosierte Ecstasy-Pillen verkauft. Das birgt für Konsumenten enorme gesundheitliche Risiken.» Zudem würden an der Parade viele falsch deklarierte Drogen verkauft.
  16. 16Gesund bleiben: Die Street Parade mit den Partys danach dauert lange. Die wichtigsten Überlebenstipps lauten: Genug Wasser trinken (mindestens einen halben Liter pro Stunde), Sonnenschutz und geeignete Schuhe tragen (keine Flip-Flops, wegen Schnittwundengefahr). Auch Gehörschutz empfiehlt sich.
  17. Abkühlung verspricht ein Bad im See. Aber Achtung: Je nach Alkohol- oder sonstigem Drogenpegel kann dies gefährlich sein. Die gefahrlose Variante: Auf dem Bürkliplatz stehen Duschen bereit, platziert von der Feuerwehr.
  18. Eine Anreise mit dem Auto empfiehlt sich definitiv nicht: Parkplätze sind Mangelware und das Durchkommen in der Stadt gestaltet sich bei bis zu einer Million Street-Parade-Besuchern schwierig. Dafür leisten die öffentlichen Verkehrsmittel Sonderschichten mit Extrazügen, S-Bahnen, Tram- und Busbetrieb bis in die frühen Morgenstunden am Sonntag. Anders als beim Züri-Fäscht ist in der Street-Parade-Nacht im Netz des Zürcher Verkehrsverbundes ab 1 Uhr der Nachtzuschlag zu bezahlen.
  19. Uringestank ist eine der ätzendsten Nebenwirkungen der Street Parade. Besonders konzentriert anzutreffen ist er in der Unterführung der Quaibrücke beim Bellevue. Doch falls kein Regen Abhilfe schafft, breitet sich der Gestank in der ganzen Innenstadt entlang der Paraderoute aus. Entsorgung und Recycling Zürich geht dagegen mit einem Zitronenduftmittel vor.
  20. Die wahren Coolen in Zürich lassen die Street Parade links liegen und begeben sich gleich an die Lethargy-Party, die am Parade-Wochenende jeweils in der Roten Fabrik stattfindet.
  21. Der halbe Liter Bier kostet an den offiziellen Ständen entlang der Paraderoute acht Franken. Der lukrative Auftrag ging an die Brauerei Heineken. Der Halbliter Mineralwasser kostet fünf Franken.
  22. Die Mode an der Street Parade hat Wandlungen durchgemacht. Heute wird vor allem viel Haut gezeigt. Bei der ersten Street Parade, die am 5. September 1992 bei kühlen 18 Grad stattfand, zeigte sich die Techno-Szene noch weitgehend angezogen. In den Anfangsjahren waren Schnuller und Trillerpfeifen angesagt, die heute verpönt sind. Zu den klassischen Street-Parade-Accessoires zählen Federboas. Die breite Masse verzichtet jedoch mehrheitlich auf fantasievolle Outfits.
  23. Der Pavillon of Reflections, die für die Kunstbiennale Manifesta erbaute schwimmende Insel aus Holz beim Bellevue, ist auch während der Street Parade geöffnet. Allerdings darf jeweils nur eine beschränkte Anzahl Personen auf die Holzkonstruktion.
  24. Über 2500 Personen sind für einen reibungslosen Ablauf der Street Parade beschäftigt. Organisiert wird die Parade vom Verein Street Parade Zürich, präsidiert von Joel Meier. Das OK umfasst 17 Personen.
  25. Bei der Gründung 1992 war die Street Parade der Berliner Loveparade nachempfunden. 1997 fand sie selbst eine Nachahmerin mit der Lakeparade in Genf. Die Loveparade fand von 1989 bis 2006 in Berlin statt, danach in wechselnden Städten im Ruhrgebiet. Bei der Loveparade 2010 in Duisburg kam es zu einer Massenpanik, bei der 21 Menschen starben. Die Loveparade wurde daraufhin abgeschafft. Die Genfer Lakeparade findet dieses Jahr zum ersten Mal seit 1997 nicht statt. Die Street Parade in Zürich ist somit die einzige verbliebene grosse Technoparade. Das Motto der 25. Ausgabe lautet denn auch «unique».