Der Somalische Kulturverein lädt ein zu einer Begegnung mit der Polizei. Rund zwei Dutzend somalische Männer finden sich zu dem Anlass ein. Vorgesehener Beginn: 19 Uhr. Eine Viertelstunde vorher sind schon alle Stühle besetzt. Thomas Gerber und Petrin Gattlen werden gebeten, mit dem Kurs zu beginnen. Die beiden sind Zürcher Kantonspolizisten, als solche stehen sie unter anderem auch als «Brückenbauer» im Einsatz. Den zweistündigen Kurs, den sie nun geben werden, halten sie unter anderem im Rahmen von Deutschkursen in Zentren der Asylorganisation Zürich (AOZ). Aber auch Vereine und andere Einrichtungen können anfragen, wie das nun der Somalische Kulturverein SomaliSwiss Diaspora getan hat.

Gerber stellt sich vor – KV, Polizeischule, verheiratet, drei Kinder – und fordert die Teilnehmer auf, es ebenfalls zu tun. Praktisch alle sind verheiratet und in der Schweiz seit vier, sieben, zwölf bis 20 Jahren. Praktisch alle haben Kinder: zwei bis fünf. Es werden diverse Berufe genannt: bei der Cablecom, im Spital, im Service. Ein beliebtes Hobby ist Fussball, generell Sport (selber oder am TV). Genannt werden auch: Golf, Billard, Politik oder Lernen.

Zertifikat zum Schluss

Die Männer reden recht leise, fliessend Deutsch spricht kaum jemand. Die in der Vorstellungsrunde genannten Lebenssituationen lassen aber doch auf eine gelungene Integration schliessen. «Schon», sagt dazu einer später in der Pause, «aber in was für Jobs?» Ein Bedauern ist da herauszuhören, aber auch Bildungshunger. Deshalb seien sie alle hier, sagt er. Der Abend ist Teil eines Integrationskurses ihres Kulturvereins in 18 Blöcken zu verschiedenen Themen. Die erfolgreiche Teilnahme wird am Schluss mit einem Zertifikat beglaubigt.

In ihrem Herkunftsland wären die Kursteilnehmer wohl Mittelstand, staatstragend – aber Somalia war lange kein Staat mehr. Es herrschte Bürgerkrieg, teils bis heute, es gibt radikalislamische Anschläge und Überfälle. Immerhin gelang es 2012, nach mehr als 20 Jahren, wieder eine Regierung für das ganze Land zu installieren.

Nachdem nun einige auch noch pünktlich erschienen sind, ist die Kursgruppe auf mehr als 30 Personen angewachsen. Es gibt unter ihren Landsleuten auch zwielichtige Gestalten, sind sich die Anwesenden bewusst. Einer fragt: Was, wenn er im HB nach dem Weg gefragt werde von einem ihm unbekannten Landsmann, er mit diesem dann ein Stück mitgehe, sie in eine Kontrolle gerieten und sich der andere als Dieb entpuppe? Kontrollen durch die Polizei geben Anlass zu mehr als einer Frage an diesem Abend.

Vom Verhalten hängt es ab

Gerber gibt Tipps: ruhig stehen bleiben; abwarten, was verlangt wird; sagen, dass man nicht so gut Deutsch kann, und die Polizisten bitten, langsam zu sprechen. Von Vorteil hat man einen Ausweis dabei, auch wenn es nicht Vorschrift ist. Gerber erklärt: Ob die Polizei jemanden kontrolliere, hänge vor allem vom Verhalten dieser Person ab. Wer zum Beispiel am Morgen früh um 7 Uhr im Bahnhof nur herumstehe, falle auf. Kein Grund für eine Polizeikontrolle dürfe die Hautfarbe sein, betont er auf eine entsprechende Zwischenfrage hin. Sollte es trotzdem vorkommen, verurteile er das.

Für Gerber sind dies die Momente, auf die es ankommt an diesem Abend. Er will aufzeigen, was die Polizei darf, aber auch, was man von ihr erwarten kann. So hatte er es eingangs dargelegt. Das Ziel: gegenseitiger Respekt.

Somalia ist ein muslimisches Land. Gerber kommt auf die Gleichstellung zu sprechen. Auch den Anweisungen einer Polizistin ist Folge zu leisten, sagt er. Das ¬etwas verdrückte Gelächter im Publikum deutet an, dass man ¬alles andere auch komisch fände.

Wo scheitert die Integration?

Gerber erklärt, dass die Polizei bei häuslicher Gewalt eingreifen kann und muss. Einer kritisiert, dass sie sich dabei stets auf die Seite der Frau schlage. Gerber verneint dies. Jedoch sprächen oft praktische Gründe für eine Wegweisung des Mannes statt der Frau, vor allem wenn auch Kinder im betroffenen Haushalt leben.

Wo sind eigentlich die Frauen an diesem Abend? Zu Hause, sagt einer in der Pause. Für die Frauen gebe es einen anderen Kurs. Mal ganz direkt gefragt: Wo scheitert die Integration? Bei den ganz grossen Familien, sagt einer. An die komme man schlecht heran. Warum eigentlich so viele Kinder? «Kinder sind unser Reichtum», sagt ein anderer.

Es kämen nun weniger Somalier in die Schweiz, weiss der Kursteilnehmer zu berichten, der am längsten hier ist. Nicht nur wegen des mittlerweile beschwerlichen Weges über das Mittelmeer sei dies so («Früher konnte man einfach ins Flugzeug steigen»). Es habe sich herumgesprochen, dass hier auch nicht das Paradies sei.

Viel Geld in Couvert

Wieder im Plenum erzählt ein Kursteilnehmer von einem Somalier, der kontrolliert und länger festgehalten wurde, weil er 2000 Franken auf sich getragen habe. ¬Er verstehe das nicht. So viel Geld ¬dabei zu haben, ist hier nicht üblich, erklärt ihm Gerber. Ein anderer sagt, dass er einen grösseren Betrag eingeschrieben versandt habe und das Couvert leer angekommen sei. Was er da tun könne? Gerber gibt den Rat, Anzeige zu erstatten. Er weist darauf hin, dass es geeignetere Möglichkeiten gibt, Geld zu transferieren.

Zum Auftakt des Kurses hatte er die Teilnehmer gebeten, Stichworte zum Thema Polizei aufzuschreiben. An der Pinnwand standen dann neben Begriffen wie «Friede» und «Sicherheit» auch solche wie «Rassismus» und «Angst». Zumindest für den ¬Moment scheinen die negativen Gefühle nun aber überwunden. Der Kurs ist zu Ende und ein Gruppenbild ist erwünscht. Die Stimmung ist gelöst; die Kursteilnehmer drängeln sich um die zwei Polizisten, die sie in ihre Mitte ¬geholt haben.