Hardturm

Was kostet das Stadion wirklich?

Am 25. November wird über das Stadionprojekt «Ensemble» abgestimmt. Die SP als stärkste Partei ist dagegen. Der Zürcher Stadtrat kontert die SP-Kritik am Hardturmprojekt. Vor allem die Angaben zu den Kosten seien völlig falsch.

Der nächste Zürcher Stadion-Abstimmungskampf hat begonnen. Am 25. November entscheidet das Stadtzürcher Stimmvolk über das Projekt «Ensemble», mit dem auf dem Hardturmareal ein neues Fussballstadion entstehen soll. Die SP bekämpft das Projekt, der rot-grün dominierte Stadtrat befürwortet es. Gestern legte der Stadtrat seine Sicht der Dinge dar. Es geht um viel Geld, Wohnungen – und die Frage, ob die Grossklubs GC und FCZ doch noch ein «richtiges Fussballstadion» erhalten, wie Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) vor den Medien sagte.

Eine Milliarde oder 224 Millionen

Was die Kosten betrifft, gehen die Berechnungen der SP und des Stadtrats weit auseinander. Der Streit dreht sich um die beiden 137 Meter hohen Hochhäuser, mit denen das Stadion finanziert werden soll – daher der Name «Ensemble». Das Geschäft, das der Stadtrat zusammen mit den privaten Investoren HRS Real Estate AG, Credit-Suisse-Immobilienanlagegefässe und Allgemeine Baugenossenschaft Zürich (ABZ) geplant hat, sieht so aus: Die Stadt überlässt den Investoren das 55 000 Quadratmeter grosse Hardturmareal für maximal 92 Jahre im Baurecht. Diese bezahlen dafür einen vergleichsweise günstigen Baurechtszins von jährlich 1,2 Millionen Franken.

Im Gegenzug erstellen sie ein Fussballstadion, eine Genossenschaftssiedlung mit 174 Wohnungen sowie die beiden Hochhäuser. Letztere würden durch marktübliche Mieten im mittleren Preissegment mit einer Rendite von 4,5 Prozent genug Gewinn abwerfen, um auch das Stadion zu finanzieren. Die Monatsmiete für eine 4,5-Zimmer-Wohnung in den Hochhäusern läge im Schnitt bei 3200 Franken.

Nach Ablauf des Baurechtsvertrags, also nach maximal 92 Jahren, käme das sogenannte Heimfallrecht zur Geltung. Das heisst: Die Stadt würde die Hochhäuser in spätestens 92 Jahren für 80 Prozent ihres dann zu errechnenden Marktwerts erwerben. Nach Berechnungen der SP wären dies inklusive Teuerung rund eine Milliarde Franken.

Laut Stadtrat ist diese Zahl viel zu hoch gegriffen. Finanzvorstand Daniel Leupi (Grüne) sagte gestern, der Heimfallpreis in 92 Jahren dürfte 224 Millionen Franken betragen – allerdings ohne Einbezug der Teuerung. Letztere sei über einen derart langen Zeitraum ohnehin nicht genau vorauszusagen. Und: Da die Stadt nur 80 Prozent des Markwerts bezahlen müsste, hätte sie sowieso einen Gewinn von 20 Prozent respektive 56 Millionen Franken. Hinzukämen aus den 92 Jahren resultierende Baurechtszinsen in Höhe von 110 Millionen Franken.

299 gemeinnützige Wohnungen

Umstritten ist auch das Thema Wohnungen. Nach den Vorstellungen der SP brächte es der Stadt mehr, anstelle gewinnorientierten Hochhäuser gemeinnützige, also zur Kostenmiete vermietete Wohnungen zu erstellen. Der Stadtrat argumentiert, das für die Hochhäuser vorgesehene Areal neben der Autobahn sei dafür ungeeignet. Zudem würden mit dem «Ensemble»-Projekt fast doppelt so viele gemeinnützige Wohnungen entstehen, wie ursprünglich vorgesehen, sagte Mauch.

Die Stadtpräsidentin bezieht sich dabei auf die letzte Stadionabstimmung von 2013. Das damalige Projekt hatte neben dem Stadion eine durch die ABZ zu erstellende Genossenschaftssiedlung vorgesehen. Das Volk lehnte das städtisch finanzierte Stadion damals knapp ab, nahm das ABZ-Siedlungsprojekt aber an. Mit dem «Ensemble» würde die ABZ-Siedlung nun 174 günstige Wohnungen umfassen. Ausserdem habe die CS im Zuge der Verhandlungen zugesagt, der Stadt fünf weitere Gebäude in der Stadt zu verkaufen, die gemeinnützig vermietet würden. Insgesamt kämen so 299 gemeinnützige Wohnungen zusammen.

Der Kaufpreis für die CS-Häuser beliefe sich auf rund 90 Millionen Franken, wie Finanzvorstand Leupi gestern auf Anfrage sagte. Die Quadratmetermiete für die Wohnungen in den CS-Häusern läge durchschnittlich bei 270 Franken pro Jahr – und damit nur wenig über den für Genossenschaftswohnungen üblichen Preisen. Die ABZ rechnet mit Monatsmieten von total 1650 Franken für eine 4,5-Zimmer-Wohnung in ihrer beim Stadion geplanten Genossenschaftssiedlung. Mauchs Fazit: «Die Stadt gibt fürs Stadion kein Geld aus, und erhält deutlich mehr gemeinnützige Wohnungen, als 2013 vorgesehen.» Das Projekt «Ensemble» erreiche nun einen Anteil von 34 Prozent gemeinnütziger Wohnungen.

Ersatz für die Stadionbrache

Neuigkeiten gibt es zum Thema Stadionbrache. Auf einem 10 000 Quadratmeter grossen Teil des Hardturmareals ist in den letzten Jahren eine Zwischennutzung mit Gemeinschaftsgärten, Skateranlage, Kletterwand, Holzbackofen und einem Fussballplatz entstanden. Nun bietet der Stadtrat dem Verein Stadionbrache als Ersatz ein rund 2000 Quadratmeter grosses Gelände bei der Containersiedlung Basislager an der Aargauerstrasse an, wie Leupi gestern sagte.

Ein weiteres Argument, das die SP gegen das «Ensemble» vorgebracht hat, nahm Hochbauvorstand André Odermatt (SP) ins Visier: Es sei mit Einsprachen gegen die 137-Meter-Hochhäuser zu rechnen. Das «Ensemble» würde dadurch um Jahre verzögert oder gar verhindert, warnte die SP. Sie hat bereits eine Volksinitiative für ein städtisch finanziertes Stadion für 130 Millionen Franken lanciert.

Odermatt hielt dagegen: «Das SP-Stadion würde mindestens sechs Jahre später fertig als das ‹Ensemble›.» Er vertraue darauf, dass Letzteres auch vor Gericht bestand hätte. Wenn das Volk am 25. November Ja sagt und sonst nichts dazwischen kommt, würde das «Ensemble» 2022 eröffnet.

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