Die Zuschauer sitzen bereits auf den Bänken entlang des Limmatquais. Die ersten Pferdeäpfel auf der Strasse sind plattgetreten. Das Tram nimmt sich eine Auszeit. Das letzte seiner Art stand zehn Minuten lang vollbepackt zwischen zwei Haltestellen. Ein Pferdefuhrwerk hatte es am Weiterfahren gehindert.

Wenn Zürichs Altstadt nach Pferdemist riecht, ist das nicht pfui, sondern eine jener wunderbaren Traditionen, die selbst das Schweizer Fernsehen aus dem Leutschenbach lockt und zu einer Direktübertragung ermuntert: Der Umzug der Zünfte am Sechseläuten, hin zum Böögg, der - so viel vorweg - dieses Jahr locker Zeit gehabt hätte, vom Scheiterhaufen runterzusteigen und sich eine Bratwurst und ein Bier zu holen, bis die ersten Flammen seinen Unterleib kitzelten.

Es ist sonnig und Nachmittag. Noch ist nicht einmal die Frauenzunft die Route entlang marschiert, die Vorhut, die vorne mitmarschiert, weil sie hinten nicht darf. Während ein grosser Teil des Volkes wartet, füllen sich in den Zunfthäusern kostümierte Herren die Bäuche. Doch sie sind nicht allein, sie haben Gäste. Zwei Kategorien davon existieren: die einfachen Gäste und die Ehrengäste. Letztere werden öffentlich verkündet. Es sind Bundes- und Regierungsräte, hohe Militärs, Professoren, Unternehmer, Kulturschaffende, Ex-Missen und selbst Roger Köppel durfte winkend mitmarschieren.

Einer der Ehregäste: Martin Klöti. Der Tag des St. Galler Regierungsrates und Vorstehers des Departements des Innern begann früh. Um halb sechs Uhr morgens brach er vom Bodensee auf und versammelte sich mit seinen Regierungskolleginnen und -kollegen im Zug nach Zürich, wo der Regierungsrat aus dem Osten zum Frühstück auf sein Zürcher Pendant traf. St. Gallen ist dieses Jahr Gastkanton an der sogenannten Zürcher Strumpfhosenfastnacht. Bereits am vergangenen Freitagabend fuhren die St. Galler auf dem Boot in Zürich ein, landeten am Ufer und kämpften sich durch bis zum Lindenhof, wo sie ihr Lager errichteten. «Züri iineh!», hiess ihr militaristisches Motto. Es wurde nur teilweise verstanden. «Züri ine?», fragte manch ein Hiesiger und wunderte sich, was ihm die aus dem Osten genau sagen wollten.

Klöti ist dieses Jahr Gast der Constaffel, der einzigen Zunft, die keine ist. Sie besteht aus altem Zürcher Adel, respektive dem, was in Zürich dem Adel am nächsten kommt. Viele der grossen alten Familien haben ihren Sitz längst in steuergünstigere Gemeinden versetzt. Aber der alte Glamour von damals klebt noch immer an ihren historischen Kostümen.

Im Rüden, ihrem Zunfthaus, sitzt also Ehrengast Klöti und wartet auf seinen Auftritt. Ein Ehrengast hat nicht nur die Ehre, sondern auch die Verpflichtung eine Rede zu halten. Staatssekretär Michael Ambühl hat es schon hinter sich, ebenso ein welscher Dreisternegeneral, der an gewissen sprachlichen Barrieren scheiterte, und Rolf Soiron, ein Basler, der einen Hauch von Fasnacht nach Zürich trug.

Angesichts der hochwohlgeborenen Gastgeber wühlt der St. Galler Regierungsrat in seiner Familiengeschichte. Er ist immerhin ein Verwandter des damaligen Zürcher Stadtpräsidenten Emil Klöti. Und obwohl er Gast ist, ist Martin Klöti kein Fremder. «Nach dem Frühstück hatte ich etwas Zeit, da bin ich durch die Gassen spaziert», sagt Klöti, und ergänzt: «ich kenne jede einzelne davon.» Der St. Galler Kulturminister ist an der Goldküste aufgewachsen. Vor über dreissig Jahren verschlug es ihn ins Toggenburg, wo er an einer Primarschule unterrichtete und nebenher Rinder züchtete und Lachs räucherte. Später wurde er in Rapperswil Landschaftsarchitekt, dann Stadtrat, dann Hotelier. Nach einem Zwischenhalt als Stadtammann in Arbon wählten die St. Galler Klöti vergangenes Jahr in die Regierung, als Nachfolger von Karin Keller-Sutter, die ein paar Zünfte vor Klöti das Limmatquai runterschritt.

Also ein Gast, der gar keiner ist? «Nein», sagt Klöti, «ich fühle mich zu hundert Prozent als Gast am Sechseläuten.» Und damit meint er auch die Pflichten. Die witzige Rede, der Marsch, die Winkerei.

Das Mittagessen ist längst passé (Weinbegleitung: ein guter Bordeaux), der lange Marsch ebenso. Die Meute versammelt sich rund um den Böögg, der bereits den ganzen Nachmittag auf sein Ende gewartet hat. Doch mit dem lauten Knall hat das Fest für die Zünfte und ihre Gäste noch längst nicht sein Ende gefunden.

Denn nach dem Mittagessen und dem Gang durch die Massen folgt das Abendessen. Und im Nachgang ein gepflegtes Trinkgelage und der Gang mit der Laterne in der Hand zum Zunfthaus der Konkurrenz, wo Reden auf Gegenreden folgen. Die Gäste und Ehrengäste sind auch dort mit von der Partie, auch wenn sie längst zu Statisten geworden sind. Je später der Abend, desto mehr gehört er den «Zoiftern». Am Ende, so gegen zwei Uhr, tauchen die einen oder anderen Gattinnen in der Stadt auf, sammeln ihre Männer ein und verfrachten sie ins Auto. Die St. Galler Regierung legt sich derweil in einem Hotel im Niederdorf aufs Ohr. Am nächsten Morgen gehts zurück in die Heimat.