Kantonsrat
Was die Amtsältesten den Grünschnäbeln raten

Gabi Petri (Grüne) und Willy Haderer (SVP) gehören seit 1991 dem Zürcher Kantonsrat an und sind die Amtsältesten. Sie berichten über Veränderungen des Ratsbetriebes und über Sternstunden und Ablöscher

Thomas Schraner
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Sie sind die Amtsältesten im Zürcher Kantonsrat: Gabi Petri (Grüne) und Willy Haderer (SVP). (Archivbild)

Sie sind die Amtsältesten im Zürcher Kantonsrat: Gabi Petri (Grüne) und Willy Haderer (SVP). (Archivbild)

Marc Dahinden

Limmattaler Zeitung: Was ist heute anders im Parlament als 1991?

Gabi Petri: Früher waren die Debatten geprägt durch Zuhören und einen politischen Dialog, bei dem man sich oft erst am Schluss eine Meinung bildete. Heute sitzen viele hinter ihrem Computer, und die Meinungen sind oft schon vor der Debatte gemacht.

Willy Haderer: Man kämpfte damals noch nicht mit derart harten Bandagen wie heute. Ruhiger war es aber nicht, und man hat einander auch nicht besser zugehört.

Ist die Qualität der Parlamentsarbeit gestiegen oder gesunken?

Willy Haderer, SVP

Willy Haderer, SVP

Limmattaler Zeitung

Haderer: Schwierig zu sagen. Heute wird die Gesetzesarbeit oft recht oberflächlich gemacht, wie sich derzeit am Gemeindegesetz zeigt. Das war früher weniger der Fall. Heute ist zudem die Regulierungswut viel grösser. Man will alles bis ins Detail regeln. So beim Datenschutzgesetz, das viel zu weit geht.

Petri: Ich masse mir kein Urteil an. Das muss das Volk bei Wahlen oder Abstimmungen entscheiden. Sicher werden wir heute besser betreut durch die Verwaltung und die Parlamentsdienste.

Wie hat sich die Arbeitsbelastung verändert?

Petri: Für mich als Langjährige ist sie eher gesunken, weil ich auf Erfahrung und auf ein Netzwerk zurückgreifen kann. Ich kann Fragestellungen rasch einordnen und erkennen, was relevant oder was nur für die Politbühne ist. Neulinge ohne Vorwissen werden da mehr Mühe und Arbeit haben.

Haderer: Der Zeitaufwand hat massiv zugenommen, wenn einer sein Mandat ernst nimmt und die Papierberge liest und verarbeitet. So viel Papier schlug man uns vor 24 Jahren nicht um die Ohren

Geben Sie dem Parlament eine Note mit Kurzbegründung.

Haderer: Ich gebe die Note 4,5, weil oft Oberflächlichkeit vorherrscht, viel in unstabilen Mehrheiten entschieden wird und das Parlament in neun Fraktionen zersplittert ist. Zu jedem Kleinkram schwatzen mindestens neun Leute.

Petri: Ich gebe eine «bis 5». Ganz gut ist es noch nicht. Weil oft Wesentliches von Unwesentlichem nicht unterschieden wird.

Hat die Bedeutung des Kantonsparlamentes zu- oder abgenommen?

Gabi Petri, Grüne

Gabi Petri, Grüne

Limmattaler Zeitung

Petri: Was ich feststelle ist, dass der Kanton Zürich den Spielraum, den er hätte, oft nicht wahrnimmt. Man wartet gern auf Bern, sitzt das Problem aus oder gibt sich mit Minimallösungen zufrieden.

Das sieht man in verschiedensten Bereichen, nicht nur beim Bahnhof Stadelhofen. Das dynamische Zürich als Wirtschaftsmotor sollte häufiger eine Pionierrolle übernehmen.

Haderer: Weder das eine noch das andere. Das Kantonsparlament ist ein wichtiges Scharnier zwischen Gemeinden und Kanton. Eigentlich würde ich von ihm erwarten, dass es mehr Entscheide fällt fürs grosse Ganze, was aber wegen der Zersplitterung und Unberechenbarkeit zu wenig der Fall ist.

Was haben Sie beachtenswertes erreicht im Parlament?

Haderer: Ich bin in der Fraktion der unangefochtene Leader in Gesundheits- und Sozialfragen und konnte viel im Sinne meiner Partei bewirken. Mein Wort hat Gewicht, und ich kann mich durchsetzen.

Petri: Vor 20 Jahren war der Verkehr eine heilige Kuh, und es brauchte Mut, ihn zu kritisieren. Das ist heute nicht mehr so. Strassen werden nicht mehr als Wohlstandsachsen, sondern als Problem für Mensch und Natur wahrgenommen. Ausserdem habe ich mit der VCS-Intitiative für die neue Durchmesserlinie gesorgt.

Was haben Sie nicht erreicht?

Petri: Dass sich die politischen Gegner allzu oft nur als Feinde statt als Menschen wahrnehmen. Es kommt leider je länger je mehr zu erbitterten Schaukämpfen auf der Politbühne.

Haderer: Ich kann nicht sagen, dass ich etwas nicht erreichte, was ich erreichen wollte.

Wären Sie gern Mitglied des Nationalrates geworden?

Haderer: Wenn ich sehe, was im Nationalrat läuft und ich vom Frust der Kollegen höre, bin ich froh, dass ich nicht in Bern bin. Im Kantonsparlament hat man mehr Einfluss. Ich kandidierte früher zwei Mal für den Nationalrat.

Das erste Mal machte ich trotz schlechtem Listenplatz ein gutes Resultat. Beim zweiten Mal wurden neue Leute vor mir auf die Liste gesetzt, sodass ich chancenlos blieb.
Petri: Nein, ich wollte wegen meiner Familie nicht länger von zu Hause weg sein. Man muss übrigens nicht im Nationalrat sein, um politisch etwas bewegen zu können.

Haben sich Ihre politischen Positionen im Laufe der Jahre verändert?

Petri: Verändert nicht, aber akzentuiert. So etwa im Bereich Umwelt und Klima.

Haderer: Ich wurde 1986 als Parteiloser zum Gemeindepräsidenten gewählt. Als ich 1991 für die SVP in den Kantonsrat gewählt wurde, war für mich Parteiarbeit noch Nebensache. Ich fand, für die Gemeindepolitik brauche es nicht unbedingt die Partei.

Das finde ich grundsätzlich noch immer. Mir wurde aber klar, dass auf Stufe Kanton ohne Partei nichts zu erreichen ist. Heute bin ich auch im kantonalen Parteivorstand.

Gab es für Sie eine Sternstunde im Kantonsrat?

Haderer: Als Verena Diener Spitäler schliessen wollte, sträubte sich die FDP anfänglich dagegen. Mit einem flammenden Votum zugunsten der Schliessungen gelang es mir, die FDP umzustimmen. Die Vorlage kam durch. Verena Diener bedankte sich bei mir mit einem Handschlag.

Petri: Beim Gerichtsorganisationsgesetz konnte ich durch einen Spontanantrag die Mehrheitsverhältnisse kippen. Zum Ärger von Regierungsrat Markus Notter. Er fand, ich hätte ihn vorher informieren sollen. Ich entgegnete: Wenn man einen Teich austrocknen will, muss man zuvor weder die Frösche noch den Froschkönig fragen.

Gab es einen grossen Ablöscher?

Petri: Kein Einzelereignis, aber eine Tendenz. Ich goutiere nicht, wenn jemand meine Meinungs- und Gewissensfreiheit einschränken will, egal wer. Manchmal habe ich den Eindruck, es herrsche ein gewisser Meinungsstalinismus. Wer für seine Meinung hinsteht, hat meinen Respekt.

Haderer: Bei der umstrittenen Frage der Medikamentenabgabe zwischen Ärzten und Apothekern brachte ich einen Kompromiss, die Lex Haderer, zustande. Leider torpedierten ihn Leute meiner eigenen Partei.

Gibt es eine Anekdote aus dem Parlament, die Sie Ihren Enkeln erzählen würden?

Haderer: Mir fällt keine ein.

Petri: Zum Stillen unserer zweiten Tochter durfte ich jeweils das Regierungsratszimmer im Rathaus benutzen. Deswegen verpasste ich zu meinem Schrecken meine eigene Vereidigung beim Legislaturbeginn 1995 und musste sie nachholen.

Was geben Sie den Neuen auf den Weg, die ins Parlament gewählt werden?

Petri: Wer etwas bewirken will muss glaubwürdig und verlässlich sein. Mehrheiten erreicht man nicht allein mit persönlicher Inszenierung auf der Politbühne.

Haderer: Die Neuen sollen zuerst einmal zuhören und dann bei der Gesetzesarbeit immer prüfen, ob etwas zweckmässig und nötig ist. Mein Grundsatz lautet: Lieber zu wenig als zu viel regulieren, sonst hat am Schluss keiner mehr den Durchblick.

Was denken Sie über die Arbeit Ihres Gegenübers?

Haderer: Gabi Petri hat ihre Ziele als VCS-Geschäftsführerin immer glänzend vertreten und eine konsequente und klare Haltung an den Tag gelegt, die ich respektiere. Sie hat einen guten Leistungsausweis. Darum fand ich es sehr kleinkariert, als man ihr mit einer zum Glück gescheiterten Amtszeitbeschränkung das Mandat wegnehmen wollte.

Petri: Willy Haderer ist ein fester Wert im Parlament. Ich weiss, wie er tickt und kann ihn einordnen. Er ist oft anderer Meinung, aber berechenbar und verlässlich, was wichtig ist. Die Leute von der SVP gelten oft als stur, aber sie sind redlich und ihr Handschlag gilt. Das schätze ich.