Wahlen 2011
Was aus den Jungtalenten geworden ist

Vor vier Jahren waren sie die Jungtalente ihrer Partei, jetzt treten sie wieder an. Was haben sie in Bundesbern bewirkt? Natalie Rickli (SVP), Bastien Girod (Grüne) und Tiana Angelina Moser (GLP) über vier Jahre Politik und zwei Wahlkämpfe.

Sarah Jäggi
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Tiana Angelina Moser (GLP) sieht intakte Wahlchancen. zvg
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Wahlen 2011: Was aus den Jungtalenten geworden ist
Natalie Rickli (SVP) ist etabliert und schweitweit bekannt. key Portrait von Natalie Rickli, Product Managerin aus Winterthur, SVP-Nationalraetin des Kantons Zuerich, aufgenommen am 1. Dezember 2009 in Bern. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Tiana Angelina Moser (GLP) sieht intakte Wahlchancen. zvg

Limmattaler Zeitung

Als sie vor vier Jahren auf Anhieb in den Nationalrat gewählt wurde, war Natalie Rickli überrascht. «Eigentlich dachte ich, meine Wahl sei erst in vier Jahren realistisch», sagte sie damals gegenüber dieser Zeitung. Inzwischen sind vier Jahre vergangen, die SVP-Frau ist etabliert, schweizweit bekannt und würde die Frage, ob sie am 23. Oktober mit einer Wiederwahl rechnet, eigentlich mit Ja beantworten. Würde, denn sie will sich in entscheidungsnahen Zeiten keine Arroganz vorwerfen lassen und sagt darum nach einigem Hin und Her: «Ich habe in den letzten vier Jahren hart gearbeitet und mich engagiert. Die Feedbacks lassen darauf schliessen, dass ich die Wiederwahl schaffen dürfte.»

Abwahl von Blocher war «grosser Schock»

Während der vier Jahre in Bundesbern hat sich die 34-Jährige 35-mal zu Wort gemeldet und 68 Vorstösse lanciert. Mehrheiten konnte sie im Parlament damit keine finden, «dank meiner Hartnäckigkeit ist es mir aber gelungen, neue Themen auf die politische Agenda zu bringen», sagt sie. So kämpft sie für härtere Strafen bei Sexualverbrechen und tiefere SRG-Gebühren und will «nicht lockerlassen, auch weil ich einen starken Rückhalt in der Bevölkerung spüre.»

Als ungeduldiger Mensch habe sie sich, als sie 2007 ihr Amt antrat, an die Langsamkeit der politischen Prozesse in Bern gewöhnen müssen. Nicht gewöhnen will sie sich an die «übermächtige Verwaltung» in Bern, die sie anfänglich unterschätzt habe und die für sie die «grosse, negative Überraschung» gewesen sei. Auch an schlaflose Nächte erinnert sie sich, wenn sie politische Probleme wälzte. Der «grössten Schock» ihrer Politkarriere war die Abwahl von Christoph Blocher.

Was rät sie heutigen Jungpolitikerinnen und Jungpolitikern, wenn sie den Sprung ins Parlament schaffen? «Dass sie mit beiden Beinen auf dem Boden bleiben und nur das tun, wovon sie überzeugt sind. Denn, Politiker, die meinen, auf allen Hochzeiten tanzen zu müssen, sind unglaubwürdig.»

«Neu ist der Bisherigen-Bonus»

Bastien Girod, seit vier Jahren für die Grünen im Nationalrat, ist sich «zu 70 Prozent sicher», dass er die Wiederwahl schafft. «Vor vier Jahren habe ich vom Jungpolitiker-Bonus profitiert, nun ist es der Bisherigen-Bonus, der mir eine gewisse Bekanntheit gibt.» Heute muss er nicht mehr mit wilden Aktionen auf sich aufmerksam machen und sich halb nackt ausziehen, um sich Gehör zu verschaffen, sondern kann seine Forderungen einfacher unter die Leute bringen.

Das Image des jungen Rebellen hat ihm anfänglich in Bern wenig geholfen. «Ich wurde von vielen gestandenen Politikern nicht ernst genommen, sie hatten sich ihre Meinung schon gebildet, bevor ich überhaupt den Mund aufgemacht habe», sagt er rückblickend. «Das war schwierig.» Im Laufe der Legislatur wurde aus dem Jungpolitiker ein Sachpolitiker, dem man mit Respekt begegnet. 48 Voten und 40 Vorstösse hat er in den letzten vier Jahren lanciert. Nach Erfolgen gefragt, nennt er den Gegenvorschlag zur Offroader-Initiative und die Klimapolitik, die in ihrer heutigen Ausgestaltung Resultate «jahrelanger Überzeugungsarbeit der Grünen» sei.

Was kommt ihm in den Sinn, wenn er an seine Anfänge im Nationalrat denkt? «Die Nervosität, wenn ich vor dem Parlament redete.» Heute sind seine Voten nicht mehr einstudiert, er redet frei und merkt, «dass es erst noch besser ankommt» sagt der 30-Jährige.

Was rät er den diesjährigen Neulingen, wenn sie ihr Amt in Bern antreten? «Dass sie neugierig bleiben, Dinge ausprobieren, auf Leute zugehen und die eigene Meinung immer reflektieren.»

Hoher Geräuschpegel im Ratssaal

Die jüngste Frau im Nationalrat ist die Zürcher Grünliberale Tiana Angelina Moser (32). Viel von ihr gehört hat man in den vergangenen vier Jahren nicht. Wie schätzt sie ihre Wahlchancen ein? «Mit dem zweiten Listenplatz dürften meine Chancen intakt sein; wir hoffen auf drei bis vier Sitze.» Moser brachte sich in der vergangenen Legislatur mit 46 Voten und 28 Vorstössen aktiv in die Ratsdebatte ein, Themen des Konsumentenschutzes und der Toxikologie gehörten dabei zu ihren Schwerpunkten. Als Mitglied der Aussenpolitischen Kommission und der Kommission für Wirtschaft, Bildung und Kultur habe sie «Akzente setzen» können. Welches sind ihre Erinnerungen an die erste Zeit in Bern? «Als junge Parlamentarierin musste ich mich mit all den ungeschriebenen Dynamiken erst vertraut machen. Auch der unglaublich hohe Geräuschpegel im Nationalratssaal war gewöhnungsbedürftig», sagt sie. Künftigen Neulingen rät sie, «die eigenen Werte und Ziele stets vor Augen zu halten, das Gleichgewicht zwischen Politik, Familie, Freunden und dem Berufsleben zu wahren und – ganz wichtig – sich getrauen, bei gestandenen Politikern nachzufragen und sich Unterstützung zu holen.»