Eyub krallt sich in der Wand fest. Wie ein Frosch klebt er mit angezogenen Beinen am überhängenden Stück. Dann schnellt er nach oben, packt zu – und strahlt. Unten auf der Matte klatschen und johlen seine Kollegen. Zurück auf sicherem Boden, hält er den Daumen hoch. «Ich mag das», sagt er und knetet seinen Oberarm. Tuts weh? «Ein bisschen. Braucht viel Kraft.» Beat Baggenstos klopft Eyub auf die Schulter, gut gemacht habe er es, sehr gut. «Und das gleich beim ersten Mal.»

Eyub ist 18 Jahre alt und kommt aus Eritrea. Zum ersten Mal in seinem Leben ist er eine Kletterwand hoch, ungesichert. Fällt er, purzelt er auf eine dicke Matte. Bouldern nennt sich das. Beat – hier in der Halle «Minimum» in Zürich nennen sich alle beim Vornamen – streckt Eyub den Sack mit dem Magnesium hin. «Noch einmal?», fragt er.

Einst war Beat (34) Banker in Zürich, trug zur Arbeit Hemd und Krawatte. Heute klettert er mit Flüchtlingen, trägt atmungsaktive Leibchen und weite Hosen, seine nackten Füsse stecken in Kletterfinken. Er hat sein Leben auf den Kopf gestellt. Und der gebürtige Aargauer will noch mehr: Er will Berge versetzen.

Alles hinter sich gelassen

Der Auslöser für diesen Lebenswandel waren Zigaretten: «Ich habe mit dem Rauchen aufgehört und musste mich bewegen», sagt Beat. Er lief los. Und lief und lief und lief. Bis zu 51 Kilometer am Stück, über Berg und Tal. Aber das Rennen war nichts gegen das Klettern.

«Das macht süchtig», sagt er. «Du stehst vor einer Wand und überlegst dir, wie du da hochkommst, wie du das Problem löst.» Je schwieriger die Wand, desto genauer, kraftsparender und fokussierter müsse man sich bewegen. «Du weisst in jedem Moment, ob du deine Sache gut machst. Denn wenn nicht, fällst du. So lernt man, dass Scheitern zum Leben gehört. Aber du stehst auf und versuchst es von Neuem.» Und wenn man oben sei, die Wand bezwungen habe, überkomme einen ein gewaltiges Erfolgsgefühl. «Dieses Ganzheitliche, dieses Fokussieren hat etwas Meditatives, etwas ganz und gar Einnehmendes.»

Vor einem Jahr liess Beat sein altes Leben in Zürich hinter sich. Er kündigte seinen Job bei der Deutschen Bank und brach auf, in seinem Rucksack nicht mehr als Schlafsack, Zelt und Kletterzeug, und flog nach Argentinien, nach Patagonien. «Dieses Abschütteln und Aufbrechen war absolut befreiend», sagt er. Vier Monate lang kletterte er in der argentinischen Wildnis und vergass dabei alles um sich herum. Eigentlich hatte er nach ein paar Wochen weiter nach Indien und Nepal reisen wollen, doch er verpasste alle Flüge. Dafür reiste er via Mexiko nach Äthiopien. Das war im letzten Frühling. Der Frühling, in dem die Flüchtlingsströme anschwollen.

Beat reiste in den Libanon und schloss sich einer Flüchtlings-Organisation an, half im Management und im Aufbau der Organisation. Doch die Idee, die er bereits in Äthiopien gehegt hatte, ging ihm nicht aus dem Kopf: «Ich wollte mit den Flüchtlingskindern klettern, ihnen so eine Abwechslung ermöglichen, eine Ablenkung vom Erlebten.» Von Klettern als Therapieform hatte er viel gelesen und entsprechende Projekte studiert, auch eines im Libanon.

Doch es gab ein Problem: «Es ist praktisch unmöglich, die Kinder in das Klettergebiet zu bringen. Häufig fehlen ihnen gültige Papiere, ohne die man die vielen Checkpoints nicht passieren kann.» Die Kinder zum Berg zu bringen, schien unmöglich. Also drehte Beat den Spiess um: «Wenn ich die Kinder nicht zum Berg bringen kann, bringe ich den Berg zu den Kindern. Ganz einfach», sagt er und lacht.

Ganz einfach? Tatsächlich. Beat will ein Boulder-Mobil bauen: Einen Truck, auf dessen Ladeflächen Kletterwände montiert werden, und mit dem man von Flüchtlingssiedlung zu Flüchtlingssiedlung fahren kann. «Das gemeinsame Klettern stärkt das Selbstvertrauen der Kinder und hilft ihnen, ihre Resilienz und Problemlösekompetenz zu stärken, um mit ihrer Situation zurechtzukommen und sich in diesem Umfeld zu behaupten», sagt Beat.

Grosser Batzen fehlt

Eine tolle Idee, doch auch eine teure. Ende September hat Beat gemeinsam mit Erlin Agich die Organisation «ClimbAid» gegründet, in der sich bereits über 20 Kletterer ehrenamtlich engagieren, und sammelt Spenden. 50 000 Franken brauchen sie, um den fahrenden Berg, den «Rolling Rock», umzusetzen und zu betreiben und um die Kletterausrüstung für die Kinder zu besorgen.

Noch fehlt ein grosser Batzen. Aber Beat glaubt an seinen Traum. Im kommenden Sommer will er zurück in den Libanon und den Truck bauen. Bis dahin klettert er zwei Mal pro Woche mit jungen Asylsuchenden im «Minimum» in Zürich, dank der Unterstützung von Geschäftsleiter Adi Schiess kostenlos. Ein grossartiges Erlebnis für Beat: «Diese Freude, die diese jungen Leute am Klettern haben, hat alle meine Erwartungen übertroffen.» Diese Freude auch den Jungen im Libanon ermöglichen zu können, dafür gibt Beat alles. «Dafür versetze ich Berge.»