Zeichen der Freundschaft
Warum der Abt von Einsiedeln Ehrenbürger des reformierten Zürichs ist

1389 räumte das Kloster Einsiedeln den Zürchern das Recht ein, seine Festung in Pfäffikon zu benutzen, während die Zürcher ihrerseits verpflichteten das Kloster zu schützen und den Abt von Einsiedeln auch in der Stadt Zürich einzubürgern.

Alfred Borter
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Hat Zürich einmal humorvoll als «wichtigsten Vorort von Einsiedeln» betitelt: Abt Martin Werlen. zvg

Hat Zürich einmal humorvoll als «wichtigsten Vorort von Einsiedeln» betitelt: Abt Martin Werlen. zvg

Der Abt von Einsiedeln, Martin Werlen, ist Ehrenbürger der Stadt Zürich – andere Ehrenbürger kennt Zürich nicht. Wie kommt es, dass einem katholischen Würdenträger von ausserhalb Zürichs ausgerechnet die Ehrenbürgerschaft der reformierten Zwinglistadt zuerkannt wird?

Wie aus Urkunden des Stadtarchivs und des Stifts hervorgeht, ist diese Sitte uralt, sie geht weit vor die Reformation zurück. Bereits im 13. Jahrhundert muss zwischen der Stadt Zürich und dem Benediktinerstift Einsiedeln ein Bürgerrechtsverhältnis bestanden haben. Es wurde zwar nach der Schlacht von Morgarten 1315 aufgelöst, kurz vor der Schlacht bei Sempach 1386 aber erneuert. Dieses Dokument ist in Einsiedeln erhalten.

Gegenseitige Hilfe

Das Kloster räumte Zürich, das als Stadtstaat Besitzungen am oberen Zürichsee hatte und wie Einsiedeln gegen die Machtansprüche von Schwyz kämpfte, das Recht ein, seine Festung Pfäffikon zu benutzen, während sich die Zürcher ihrerseits verpflichteten, die Besitzungen des Klosters zu schützen. Die Stiftsbrüder hatten in Zürich sogar ein Haus, von dem aus sie ihre Güter im weiten Umland Zürichs bis in den Aargau und den Thurgau hinein bewirtschafteten, den Einsiedlerhof am Standort des heutigen Zunfthauses zur Meisen.

Teil des Vertrags war, dass der Abt von Einsiedeln jeweils auch Bürger Zürichs wurde, was dem Vertrag ein besonderes Gewicht verlieh. Allerdings war dieses Recht nicht gratis, der «Gedingbürgerzins» belief sich, wie aus einer Urkunde von 1924 hervorgeht, auf 10 rheinische Gulden oder umgerechnet 24 Franken und 10 Rappen, worauf der Stadtrat dann grosszügig verzichtete.

Seine strategische Bedeutung hatte der Pakt längst eingebüsst; die Stadt hatte ihre Besitzungen am oberen Zürichsee verloren, das Kloster seine Ländereien im Raum Zürich. Doch als Beweis des freundschaftlichen Verhältnisses zwischen Zürich und dem Kloster hielt man am Brauch fest, den jeweiligen Abt zum Bürger, respektive zum Ehrenbürger Zürichs zu ernennen.

«Eine blosse Ausschmückung»

Im Jahr 1947 hat der Rechtskonsulent des Stadtrats in einem Exposé über die rechtliche Zulässigkeit der Erteilung des Ehrenbürgerrechts an den Abt von Einsiedeln festgehalten, dem Gemeindegesetz, das ein förmliches Einbürgerungsbegehren als Voraussetzung fordere, sei zwar nicht Rechnung getragen, aber diese Abweichung vom Gesetzestext sei durch Gewohnheitsrecht sanktioniert. Immerhin betont der Rechtskonsulent, eine Voraussetzung sei natürlich, dass der Abt Schweizerbürger sei. Und die Bezeichnung als Ehrenbürger sei gegenüber der Bezeichnung Bürger «eine blosse Ausschmückung ohne jede rechtliche Bedeutung».

Abt Martin Werlen wurde nach seiner Wahl immerhin ganz offiziell die entsprechende Urkunde überreicht. Mit irgendwelchen Privilegien ist das Ehrenbürgerrecht nicht verbunden. «Aber ich nehme mir das Recht heraus, auch im Zürcher Tram schwarz zu fahren», sagt er schmunzelnd und verweist auf sein schwarzes Kleid.

Natürlich ist er im Besitz eines Generalabonnements. Er betont, er fühle sich wohl in Zürich, das er einmal humorvoll als «wichtigster Vorort von Einsiedeln» betitelt hat. Er sei ja auch oft hier anzutreffen. Er denke, in seinem Habit falle er hier sogar weniger auf als in Luzern. Es habe ihn auch sehr gefreut, dass er eingeladen wurde, dieses Jahr am 1. August in der Zürcher Stadthausanlage an der offiziellen Feier zu sprechen. Was ihm an Zürich und den Zürcherinnen und Zürchern speziell gefalle, sei der spürbare offene Geist.