Der 78-jährige Hans Muster (Name geändert) regt sich fürchterlich auf. Er absolvierte bei einer spezialisierten Verkehrsmedizinerin des universitären Instituts für Rechtsmedizin (IRM) einen Fahrtauglichkeitstest und erhielt dafür eine gesalzene Rechnung von 406 Franken. Vor zwei Jahren hatte er bei seinem Hausarzt für einen ähnlichen Test – so behauptete er – lediglich 120 Franken bezahlt. «Das ist amtlich bewilligter Diebstahl», ärgert sich Muster und zweifelt, dass die vom Regierungsrat abgesegneten Tarife in Ordnung sind.

In einem Punkt hat Muster recht. Beim Hausarzt ist der Fahrtauglichkeitstest in der Regel günstiger, obwohl die Preise dafür frei sind. Das bestätigt der Winterthurer Hausarzt Reto Pampaluchi. Er hat eine verkehrsmedizinische Weiterbildung absolviert und bietet selbst solche Tests an. Zu seinen Klienten zählt auch der Winterthurer Hans Muster. Die meisten Hausärzte verlangten für den Test 100 bis 150 Franken, sagt Pampaluchi.

Ein eher schwieriger Fall

Als Muster zu ihm kam, um nach zwei Jahren erneut einen Fahrtauglichkeitstest zu absolvieren, schickte ihn Pampaluchi zu den Verkehrsmedizinern des Kantons. Der Arzt begründet dies so: «Bei der neurologischen Untersuchung und der Reaktionsfähigkeit zeigten sich Defizite.» Deshalb habe er die Beurteilung nicht allein verantworten wollen. Dass Muster auch Diabetiker ist, sei nicht ausschlaggebend für die Zuweisung an die Spezialisten gewesen. Diese haben im Unterschied zu den Hausärzten auch die Möglichkeit, in Zweifelsfällen mit Kandidaten eine Probefahrt zu machen.

Glimpflich davongekommen

Muster hatte Glück. Die Spezialistin am IRM attestierte ihm Fahrtüchtigkeit für weitere zwei Jahre. Die Rechnung ärgerte Muster trotzdem. «Die Spezialistin hat ja nichts anderes gemacht als damals der Hausarzt», behauptet Muster.

Der Mann irre sich gründlich, sagt Rolf Seeger, Verkehrsmediziner und stellvertretender Abteilungsleiter am IRM. «Mit einer Rechnung von 400 Franken ist der Senior glimpflich davongekommen.» Würde der gesamte Aufwand in diesem Fall berechnet, hätte er mindestens 200 Franken mehr bezahlen müssen.

Der Stundenansatz eines Verkehrsmediziners entspricht laut Seeger etwa jenem eines Arbeitsmediziners und liegt bei 260 bis 360 Franken. Verkehrsmediziner sind Ärzte mit einer zweijährigen Zusatzausbildung. Auch ein selbstständiger Hausarzt, der Fahrtauglichkeitstests mache, muss laut Seeger auf einen Stundenansatz von rund 300 Franken kommen, um wirtschaftlich arbeiten zu können. Nur nehme der Test beim Hausarzt eben nur 20 bis 30 Minuten in Anspruch.

Gründlichere Abklärung

Bei Muster habe der Test am IRM zwei bis drei Stunden gedauert. Nur einen Teil dieses Aufwandes – die Präsenz bei der Verkehrsmedizinerin – habe Muster mitbekommen. Der Rest habe hinter den Kulissen stattgefunden. Seeger bestreitet, dass die Untersuchung beim Hausarzt dieselbe war. «Wir untersuchen unsere Fälle viel genauer und klären alle möglichen Defizite gründlich ab.» Das erfordere mehr Zeit. Zum Aufwand, den der Klient meist nicht sieht, zählt Seeger die Administration: Berichte anfordern und lesen, Abklärungen dokumentieren, Rückfragen machen und Termine organisieren. Im Falle von Muster habe die Verkehrsmedizinerin das Testergebnis abschliessend noch mit ihm, dem stellvertretenden Abteilungsleiter, besprochen. Zeitdauer rund 45 Minuten. Berechnet habe das IRM dafür nichts.

Was die Tarife anbetrifft, unterscheidet Seeger grundsätzlich vier Fälle beim IRM:

  • Tests mit positivem Ausgang. Sie kosten rund 400 Franken wie in Musters Fall.
  • Nicht bestandene Tests: Sie kosten ebenfalls rund 400 Franken. Aber nur, wenn der Kandidat seinen Fahrausweis in der Folge freiwillig abgibt. Laut Seeger tut das rund die Hälfte der abgelehnten Kandidaten. Aber meist brauche es dazu ein Gespräch mit dem Experten.
  • Verlangt ein Kandidat nach nicht bestandenem Test ein schriftliches (meist etwa fünfseitiges) Gutachten, kostet dies gut 570 Franken zusätzlich, total also 970 Franken. In solchen Fällen kommt laut Seeger noch eine Gebühr von 50 Franken für die Entzugsverfügung dazu. Gegen negative Entscheide des IRM sind Rekurse beim Zürcher Regierungsrat möglich.
  • In Zweifelsfällen können die Verkehrsmediziner auch eine Kontrollfahrt anordnen. Das ist laut Seeger häufig dann der Fall, wenn der Verdacht auf leichte Demenz besteht. Kontrollfahrten kosten zusätzlich 600 Franken. Sie werden nur in 15 bis 20 Prozent aller Fälle angeordnet.

Wie schneiden die Fahrtauglichkeitsprüfungen des IRM im interkantonalen Preisvergleich ab? «Wir gehören zu den günstigsten Kantonen, weil wir pragmatisch sind und im Interesse der Kandidaten möglichst auf teure Gutachten verzichten», sagt Seeger. Vergleichen lässt sich Zürich allerdings nur mit Kantonen, die für Prüfungen ebenfalls spezialisierte Verkehrsmediziner beschäftigen. Dazu gehören etwa St. Gallen, Basel, Bern und vier andere.

Kantone wie Thurgau, Schaffhausen, Luzern und andere hingegen beschäftigen statt Verkehrsmediziner sogenannte Vertrauens- oder Amtsärzte für spezialisierte Fahrtauglichkeitstests. Das sind in der Regel Hausärzte mit einer Weiterbildung. Laut Seeger liegen hier die Preise in der Mitte zwischen jenen der Spezialisten und der Hausärzte.

Adresse für schwierige Fälle

Das IRM Zürich bearbeitet pro Jahr rund 1500 Fälle, darunter auch rund ein Drittel aus anderen Kantonen. Den weitaus grössten Teil der Fahrtauglichkeitstests nehmen aber die Hausärzte vor. Der Anteil der schwierigen Fälle, die zum IRM gelangen, beträgt wenige Prozente. Fahrtauglichkeitsprüfungen sind nicht krankenkassenpflichtig.