Interview
Warum ausländische Firmen trotz Steuerdebatte in den Raum Zürich ziehen wollen

Sonja Wollkopf Walt, Geschäftsführerin der Greater Zurich Area, über die Zukunft der Technologien und warum ausländische Firmen trotz Steuerdebatte in den Raum Zürich ziehen wollen.

Lina Giusto
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GZA-Geschäftsführerin Sonja Wollkopf Walt holt mit ihrem Team ausländische Firmen an den Standort Zürich.

GZA-Geschäftsführerin Sonja Wollkopf Walt holt mit ihrem Team ausländische Firmen an den Standort Zürich.

Justin Hession

Eine von der Greater Zurich Area AG (GZA AG) bei BAK Economics in Auftrag gegebene vergleichende Studie zeigt, wie gut der Wirtschaftsraum Zürich in den Bereichen Forschung und Innovation arbeitet. Der Analyse zufolge weist der Raum Zürich im Vergleich zu zehn Metropolregionen einen sehr hohen Anteil an Weltklassepatenten auf. Besonders bei den Zukunftstechnologien sticht die Region Zürich hervor. GZA-Geschäftsführerin Sonja Wollkopf erklärt die Gründe dafür und warum sich ausländische Firmen trotz Steuerdebatte nicht vom Standort Zürich abschrecken lassen.

Frau Wollkopf, laut BAK Economics gehört die Grossregion Zürich bei den Zukunftstechnologien schweizweit zu den Spitzenreitern. Geht es nach der Greater Zurich Area, sind wir sogar europaweit an der Spitze. Was stimmt nun?

Sonja Wollkopf Walt: Beide Aussagen sind richtig. Sie beziehen sich auf dieselbe Datengrundlage, setzen aber unterschiedliche Akzente bei der Interpretation. In der Analyse für die GZA haben wir den Wirtschaftsraum Zürich mit zehn führenden Metropolitanregionen weltweit verglichen. In den meisten der 15 untersuchten Technologien nimmt Zürich eine internationale Spitzenposition ein. In der Medizinaltechnik zum Beispiel liegt Zürich an der ersten Stelle aller europäischen Regionen, jedoch deutlich hinter den beiden aussereuropäischen Referenzregionen Boston und San Francisco.

Brilliert der Raum Zürich noch in anderen Bereichen?

Auch auf Gebieten wie Robotik und Drohnen, Automation, Internet of Things, Sensorik, Fintech oder Pharma sind wir im Vergleich zu zehn Metropolregionen stark vertreten. Wir haben uns bei der Analyse der Patentanmeldungen im Weltklassebereich auf Mailand, München, Berlin, London, Kopenhagen, Dublin, Amsterdam, Boston, San Francisco und Hongkong konzentriert, weil sie im internationalen Standortwettbewerb wichtige Konkurrenten oder auch Zielregionen unserer Marktbearbeitung sind.

Wie sieht denn die Zukunft der Medizinaltechnik aus?

Die Digitalisierung der Medizinalgeräte wird weiter fortschreiten. Künftig wird die IT noch stärker in diese Technologien eingebunden werden. Damit können Daten aus dem menschlichen Körper noch schneller dem Arzt übermittelt werden. Erste Anwendungen in diesem Bereich gibt es ja schon.

Warum ist Zürich gerade im medizinischen Bereich so stark vertreten?

Wir stellen fest, dass im Grossraum Zürich unterschiedliche Disziplinen rund um das Thema Gesundheit miteinander verschmelzen. Die Präzisionstechnologie, zum Beispiel aus der Uhrenbranche, hat sich auf weitere Bereiche ausgeweitet, etwa die Medizinaltechnik. Nun wachsen diese Technologien mit der IT zusammen. Ein grosser Vorteil ist, dass führende Technologieunternehmen wie Google, Apple, IBM, Microsoft, Oracle oder Disney Research vor Ort in Zürich forschen und entwickeln. Davon profitieren alle Technologien und Branchen.

Weshalb ist der Gesundheitsbereich so interessant?

Grundsätzlich macht das hohe Bildungsniveau hierzulande unsere Region für Firmen interessant. Eine besondere Bedeutung kommt hier aber der ETH zugute, weil sie weltweit zu den besten Forschungsinstitutionen gehört. Deshalb hat Zürich eine internationale Anziehungskraft für Firmen und Fachkräfte. Natürlich spielt aber neben der alternden Gesellschaft auch der hiesige Wohlstand eine Rolle dabei, dass dem Thema Gesundheit Beachtung geschenkt wird.

Sonja Wollkopf Walt

Die 50-jährige Juristin ist seit 1999 bei der Greater Zurich Area AG (GZA AG) tätig. Seit 2010 amtet Sonja Wollkopf Walt als Geschäftsführerin der Organisation. Die GZA betreibt das Standortmarketing für den Wirtschaftsraum Zürich im Ausland. Sie akquiriert passende Unternehmen und begleitet diese bei der Ansiedlung. Zur Greater Zurich Area gehören die Kantone Glarus, Graubünden, Schaffhausen, Schwyz, Solothurn, Uri, Zug und Zürich sowie die Stadt Zürich und die Region Winterthur. Dazu kommen rund 25 Partneraus der Privatwirtschaft sowie die ETH Zürich, die Empa und die Eawag.

Wird hier so viel geforscht, weil die Produktion von Geräten zu teuer ist?

Es wird hier so viel geforscht und entwickelt wegen der vorhandenen Talente, der hervorragenden Hochschulen und Forschungsinstitute und wegen der vielen innovativen Unternehmen – ob ausländischer Herkunft oder Schweizer Eigengewächse. In attraktiven Nischenbereichen wird durchaus auch produziert.

Wir haben in der Region Zürich einige unbekannte Weltmarktführer, die ihre Technologien hier herstellen. Beispielsweise werden Sensoren, die in Smartphones eingebaut sind, am Zürichsee hergestellt. Solche «Hidden Champions» sind für unsere Wertschöpfung und internationale Attraktivität von grosser Bedeutung.

Dennoch sind solche Produktionen eher die Ausnahme. Ist die Region Zürich einfach besser im Tüfteln?

Es ist sicher eine Stärke unseres Standortes. Gerade weil wir führende Institutionen wie die ETH haben, wollen wir die Forschung und Entwicklung von Technologien vor Ort weiter fördern. Zudem merken wir, dass in- und ausländische Firmen die Möglichkeit der Kooperation mit unseren Hochschulen schätzen.

Es scheint, als drehe sich alles um die Akademie. Vergessen Sie hier nicht das Handwerk?

Es geht nicht nur um Wissenschaft und Fachkräfte. Von in- und ausländischen Firmen, die spezifisch ausgebildetes Personal benötigen, wird uns vermittelt, dass die Schweiz ein Standort ist, der Fachpersonal anzieht. Die Leute kommen wegen der Lebensqualität, dem hohen Lohnniveau und den vielseitigen Berufsfeldern gerne zu uns. Zudem ist das Ausbildungssystem weltweit bekannt für seine Dualität.

Es findet in der Schweiz ein Austausch zwischen Akademie und Berufsleuten statt. Das ist weltweit beinahe einzigartig. Wenn Fachkräfte aus dem Ausland in die Schweiz geholt werden, hat dies direkte Folgen für den Konsum- und Steuerbereich. Zudem profitieren vom Zuzug von Qualitätsfirmen Zulieferer wie beispielsweise Bäckereien, Blumenläden, Reinigungsfirmen oder Handwerker wie Schreiner oder Elektromonteure.

Die Arbeitsbewilligungen für ausländische Arbeitskräfte sind kontingentiert. Warum kommen ausländische Firmen trotzdem nach Zürich?

Die Kontingente stellen uns tatsächlich vor Probleme. Der hiesige Fachkräftemangel hat aber nur wenig mit diesen politischen Hürden zu tun. Sogar im Silicon Valley klagen die Firmen über zu wenig IT-Fachleute, obwohl sie höhere Löhne bezahlen als die Firmen hier. Die Kontingentauflagen erschweren und verlangsamen natürlich die Anstellungsprozesse bei uns. Jedoch stellen wir fest, dass Firmen, die in die Schweiz ziehen wollen, diese Hürden in Kauf nehmen.

Warum?

Wir sind für Firmen interessant, die nicht auf die Steueroptimierung fokussieren, sondern das gesamte Paket aus Innovationskraft, Lebensqualität, Stabilität und Rechtssicherheit schätzen und wollen. Zwar haben wir ein hohes Lohnniveau, dafür ist unsere Jahresarbeitszeit und Produktivität vergleichsweise hoch. Sie sehen: Kontingente, Steuern und Kosten sind unternehmerisch bedeutend, die Akquise von Talenten aber ist noch wichtiger. Zudem werden Firmen, die ansiedeln wollen, von der kantonalen Standortförderung eng begleitet und bei den behördlichen Prozessen unterstützt. Bislang wurden meines Wissens alle benötigten Arbeitskontingente gesprochen.

Die Steuerreform 17 liegt in der Schwebe. Wie reagieren die Firmen darauf?

Es ist klar, dass wir ein international kompatibles Steuersystem benötigen. Ich bin überzeugt, dass unser Steuersystem auch mit der Reform kompetitiv bleiben wird. Nach wie vor können die Schweizer Kantone im Vergleich zum Ausland relativ tiefe Steuersätze gewähren. Für Firmen ist das System also nach wie vor attraktiv.

Ist das jetzt Optimismus oder Schönfärberei?

Weder noch. Gerade weil das Thema Steuern komplex ist, muss man über den eigenen Tellerrand hinausschauen. Im Vergleich zum bevorstehenden Brexit oder der Trumpschen Steuerreform ist die Schweiz nach wie vor ein sicherer Hafen. Natürlich haben die Masseneinwanderungsinitiative und das Nein zur Unternehmenssteuerreform III der Ansiedlung von Firmen nicht gerade geholfen.

Sie sind voll des Lobes für den Firmenstandort im Raum Zürich. Wo liegen die Schwächen?

Eine grosse Gefahr für die Attraktivität als Wirtschaftsstandort ist die hohe Regulierungsdichte. Gerade bei der Arbeitszeiterfassung machen wir uns keinen Gefallen. Auch technologische Regulierungen hemmen uns. Der zweite Bereich, der uns Sorgen macht, ist die schrittweise Anpassung des eigentlich noch liberalen Arbeitsrechtes ans deutsche System.

Das heisst?

Bei uns wird der Kündigungsschutz von Arbeitnehmern ab dem 50. Altersjahr diskutiert. Wenn wir ein solches Gesetz einführen, werden wir als Firmenstandort an Attraktivität verlieren.

Sie reden vom liberalen Arbeitsrecht. Was ist mit der sozialen Verantwortung?

Die haben Firmen auf jeden Fall. Genauso wie Arbeitnehmer ein Recht auf ausreichenden Schutz haben.

Die Arbeitslosenquote bei über 50-jährigen ist tiefer als die durchschnittliche Arbeitslosenrate. Firmen sehen also sehr wohl den Wert der älteren Arbeitnehmer. Der erwähnte Kündigungsschutz aber ist der falsche Weg. Stellen Sie sich vor, wir führen ein solches System ein. Was passiert? Niemand stellt mehr über 50-jährige Arbeitskräfte ein und damit verschwinden sie aus dem Arbeitsmarkt.

Was empfehlen Sie?

Wir sind heute in der Industrie 4.0. Unser Arbeitsrecht, das aus Zeit der Industrialisierung stammt, muss den Sprung ins digitale Zeitalter schaffen.