Statt sieben gehören jetzt «nur» noch sechs Mitglieder des Neunergremiums dem links-grünen Lager an. Leutenegger schaffte es, den frei werdenden Sitz der zurückgetretenen Grünen Ruth Genner zu erringen. Dies, obwohl mit Markus Knauss einer der profiliertesten Stadtzürcher Grünen für Genners Nachfolge antrat. Sein anderes Wahlziel verpasste Leutenegger allerdings: Im Kampf ums Stadtpräsidium blieb er gegen die amtierende Corine Mauch (SP) chancenlos.

Das Ergebnis normalisiert die Verhältnisse in der Stadtzürcher Exekutive wieder ein Stück weit. Nachdem die FDP in den letzten Jaren zuerst einen Stadtratssitz an die Grünen, dann einen an die AL verloren hatte, ist es ihr nun mit ihrem bekanntesten Exponenten gelungen, wieder einen Sitz zurückzuerobern. Offenbar schaffte es das bürgerliche Wahlbündnis, die Mitte-Rechts-Wähler für Leutenegger zu mobilisieren. Dass die Masseneinwanderungsinitiative der SVP am gleichen Tag zur Abstimmung kam, dürfte dem SVP-nahen FDP-Kandidaten in diesem Wählersegment geholfen haben. Doch auch manchem linksliberalen Stimmbürger scheint die rot-grüne Übermacht im Stadtrat nicht mehr ganz geheuer zu sein. Darauf deuten die Spitzenresultate von Andres Türler (FDP) und Gerold Lauber (CVP) bei den Stadtratswahlen hin.

Denkzettel für SP

Für die SP, die in Zürich nach wie vor stärkste Partei ist, stellt das Wahlresultat einen Denkzettel dar. Zwar schaffte sie es, weiterhin vier Sitze im Stadtrat zu halten. Doch ihr Kandidat Raphael Golta, der anstelle des mit Genner zurücktretenden Martin Waser (SP) antrat, erzielte alles andere als ein Glanzergebnis. Dies und das Scheitern des Kandidaten der Grünen weist klar darauf hin: Das rot-grüne Establishment kann sich nicht mehr darauf verlassen, dass seine Kandidaten in Zürich ohnehin gewählt werden. Dass die Alternative Liste mit Richard Wolff ihren Stadtratssitz relativ problemlos halten konnte, lässt sich ebenfalls unter diesem Aspekt verstehen. Zwar sind rot-grüne Anliegen in der Limmatstadt nach wie vor mehrheitsfähig. Doch das schlägt sich nicht automatisch in Stimmen für SP und Grüne nieder.

Noch augenfälliger wird dies, wenn man das Ergebnis der Stadtzürcher Parlamentswahlen betrachtet. Hier sind die grossen Sieger FDP und AL. Dem Zürcher Freisinn ist es gelungen, seinen Niedergang zu stoppen, und sogar wieder deutlich zuzulegen. Drei Sitzgewinne im Parlament sind die Folge. Damit kommt die FDP schon fast an die SVP heran, die zwei Sitze einbüsste. Die Kleinpartei AL legte ebanfalls gleich um drei Sitze zu und machte damit die leichten Verluste von SP und Grünen mehr als wett.

GLP als Mehrheitsbeschafferin

Im Parlament bleiben die Mehrheitsverhältnisse labil. SP, Grüne und AL sind auf die Mitteparteien angewiesen, wenn sie ihre Anliegen im Gemeinderat durchbringen wollen. Dabei kommt der GLP, die erneut einen Sitz zulegte, wachsende Bedeutung als Mehrheitsbeschafferin zu. Zumal die anderen Mitteparteien CVP und EVP je einen Sitz eingebüsst haben und die BDP den Sprung ins Parlament nicht geschafft hat.

«Jetzt wirds ernst, jetzt gehts um die Wurst!» Mit diesen Worten begrüsste Corine Mauch (SP) ihren neuen Stadtratskollegen Filippo Leutenegger (FDP) am Wahlabend. In ihren Worten kamen zwei Dinge zum Ausdruck: Da war zum einen die Aufforderung zur Zusammenarbeit. Die beiden vormaligen Konkurrenten Mauch und Leutenegger sind nun Teil eines Teams, das die sich abzeichnenden, vor allem finanziellen Probleme Zürichs nun gemeinsam anpacken muss. Zum anderen sprach aus Mauchs Worten die Erkenntnis, dass Rot-Grün einen Dämpfer erhalten hat. Ob dies der Beginn einer bürgerlichen Wende war, bleibt abzuwarten. Jedenfalls ist mit dem Zürcher Freisinn wieder zu rechnen.