Nachgefragt

Waffen — «Eher Phänomen der Jugend als der Nationalität»

Dirk Baier ist Leiter des Instituts für Delinquenz und Kriminalitätsprävention der Zhaw.

Dirk Baier ist Leiter des Instituts für Delinquenz und Kriminalitätsprävention der Zhaw.

Immer wieder sind bei Schlägereien im Ausgang Messer im Einsatz. Interview mit Dirk Baier, Leiter des Instituts für Delinquenz und Kriminalitätsprävention der Zhaw.

Nach fast jedem Wochenende berichtet die Polizei von Schlägereien im Ausgang. Dabei sind immer wieder Messer im Einsatz. Können Sie bestätigen, dass Messer bei Jugendlichen vermehrt zum Einsatz kommen?

Dirk Baier: Die Zahlen, die wir schweizweit zur Verfügung haben für den Messereinsatz und Körperverletzungen, deuten auf einen leichten, wenn auch nicht dramatischen Anstieg hin. Die Häufung in den letzten zwei bis drei Wochen muss man aufs Jahr hochrechnen.

In Deutschland spricht man seit längerer Zeit ebenfalls von einem Anstieg. Trifft das dort eher zu?

Nicht für ganz Deutschland, aber für einzelne Städte und Bundesländer hat es sich bestätigt, dass der Messereinsatz zunimmt.

Warum gerade Messer?

Messer sind einfach zugänglich. Man kann sie leicht im Internet oder in Shops besorgen. In der Schweiz hat eine lockere Haltung zum Messer Tradition. So gehört das Armeesackmesser hier zum Selbstverständnis. Man sieht eher die Vorteile als die Nachteile.

Armeesackmesser sind in der Schweiz ja gerade nicht verboten.

Gerade weil solche Messer zum kulturellen Selbstverständnis gehören, scheint die Toleranz gross zu sein – viel grösser jedenfalls als bei anderen Waffen, bei denen man sich einig ist, dass sie gefährlich sind.

Man hört oft die Vermutung, dass Leute mit einem bestimmten kulturellen Hintergrund, etwa Türken, eher bereit seien, ein Messer mitzuführen. Was sagt die Forschung?

Für die Schweiz ist mir keine Befragung oder Statistik bekannt, die so etwas bestätigen würde. In Deutschland hat es solche Untersuchungen gegeben. Man vermutete, dass etwa türkische Gruppen ein gewisse Vorliebe zum Messertragen haben. Man hat aber keinen Bezug zu Nationalität und Herkunft feststellen können. Messer sind wohl eher ein Jugend- als ein Nationalitätenphänomen.

Wie erklären Sie sich den verbreiteten Eindruck, es habe eine Zunahme von Messerattacken gegeben?

Solche Eindrücke entstehen immer wieder, auch wenn das Gegenteil der Fall ist. Beim Einsatz von Messern scheint es allerdings tatsächlich eine leichte Zunahme zu geben. Gesteigert hat sich generell die Intensität, mit der über verschiedene Gewaltphänomene berichtet wird. So entsteht der Eindruck einer Zunahme, auch wenn dies nicht immer der Fall ist. (tsc)

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