Mobilität
Vorbildfunktion: EU-Forscher nehmen den Zürcher Verkehr unter die Lupe

Die gesamtheitliche Mobilitätsstrategie macht Zürich zum europäischen Vorbild. So kamen dieses Jahr Gemeindevertreter aus unter anderem Norwegen und Ungarn in die Limmatstadt um Erfahrungen auszutauschen.

Lina Giusto
Drucken
Teilen
Die aktuelle Mobilitätsstrategie «Stadtverkehr 2025» fusst auf der Volksinitiative «Zur Förderung des öV, Fuss- und Veloverkehrs in der Stadt Zürich». (Archiv)

Die aktuelle Mobilitätsstrategie «Stadtverkehr 2025» fusst auf der Volksinitiative «Zur Förderung des öV, Fuss- und Veloverkehrs in der Stadt Zürich». (Archiv)

KEYSTONE/ENNIO LEANZA

Zürich gilt als europäisches Vorbild in Sachen Mobilität. Autofahrer machten noch vor rund 20 Jahren 40 Prozent des Gesamtverkehrs aus. Heute sind es noch ein Viertel. Zürich macht sich aber auch einen Namen mit dem Einfrieren öffentlicher Parkplätze in der Innenstadt und dem Einführen von Niedriggeschwindigkeitszonen.

Mit all diesen Massnahmen hat sich bei den Stadtbewohnern eine neue Mobilitätskultur entwickelt. Das macht Zürich zur Referenzstadt beim Forschungsprojekt Smartees, das Teil von Horizon 2020 ist, einem EU-Programm für Forschung und Innovation. Was mit dem Namen Smartees (sprich: Smarties) in erster Linie an die mit farbigem Zucker umhüllten Schokolinsen erinnert, befasst sich eigentlich mit Ansätzen für soziale Innovationen, die zu mehr Energieeffizienz und Nachhaltigkeit führen sollen.

Entsprechend wird im Rahmen des EU-Projekts die Wirksamkeit politischer Massnahmen für die Energiewende überprüft. Damit soll die Energiewende vorangetrieben und müssten die politischen Rahmenbedingungen dafür verbessert werden.

Smartees fokussiert auf fünf Arten von sozialen Innovationen. Bei einem geht es um ganzheitliche Mobilitätspläne für Städte. Hierfür wurden Zürich und die holländische Studentenstadt Groningen als Referenzstädte ausgewählt.

Die Priorisierung des öffentlichen Verkehrs sei eine Besonderheit des Zürcher Verkehrssystems, sagt Evelyne Richiger, Sprecherin des städtischen Tiefbauamtes, auf Anfrage. «Die Lichtsignalanlagen schalten automatisch um, wenn sich ein Tram oder Bus nähert, und lassen diesen den Vortritt gegenüber den anderen Verkehrsteilnehmenden», so Richiger weiter.

Dies geht wiederum auf einen Volksentscheid im Jahr 1977 zurück, in dem 200 Millionen Franken für die Förderung respektive Beschleunigung des öffentlichen Verkehrs gesprochen wurden.

Gemeindevertreter zu Besuch

Die aktuelle Mobilitätsstrategie «Stadtverkehr 2025» fusst auf der Volksinitiative «Zur Förderung des öV, Fuss- und Veloverkehrs in der Stadt Zürich». Die Stadtzürcher haben dazu im Herbst 2011 Ja gesagt. Damit wurde eine Übergangsbestimmung in die Gemeindeordnung aufgenommen, gemäss der der prozentuale Anteil des öV, Fuss- und Veloverkehrs am gesamten Verkehrsaufkommen in der Stadt Zürich innert zehn Jahren um mindestens zehn Prozentpunkte erhöht werden muss.

Diesen Herbst haben nun Gemeindevertreter aus Budapest (Ungarn), Burgas (Bulgarien), Izmir (Türkei) und Trondheim (Norwegen) die Limmatstadt besucht. Das Ziel dieses Austausches war es, die Erfahrungen bei der urbanen Mobilitätsplanung der Stadt Zürich für die eigenen Ortschaften kennen zu lernen.

Verantwortlich für das Projekt in Zürich ist Lorenzo Cavallasca vom städtischen Tiefbauamt. Er hat während des zweitägigen Besuches der Delegation die Besonderheiten der hiesigen Demokratie und der Zürcher Mobilitätsstrategie näher vorgestellt. Basierend auf dem Austausch zwischen den genannten Städten soll nun ein Modell entwickelt werden, um mögliche Auswirkungen des politischen Handelns simulieren und entsprechend anwenden zu können.

Neben ganzheitlichen Mobilitätsplänen für Städte umfasst das For- schungsprojekt Smartees vier weitere Themen. Dazu gehören erneuerbare Energien auf Inseln, wobei Samsø
in Dänemark und El Hierro auf den Kanarischen Inseln als Referenz gelten. Beim Thema der Stadtteilerneuerung gelten zwei schwedische Städte – Malmö und Stockholm – als Vorbilder.

Barcelona und Vitora-Gasteiz gelten als Referenz, wenn es um die sogenannten Superblocks geht. Die Idee hinter den Superblocks: Ganze Quartiere, in denen heute noch viel Verkehr herrscht, sollen nur noch von Autofahrern und Lieferanten langsam befahren werden dürfen.

So werden sie zu grossen Fussgängerzonen, die von den grossen Strassen eingerahmt werden. So sollen Menschen Vorrang vor dem Verkehr haben und der öffentliche Raum belebt werden.

Beim Thema der Energieeffizienz gelten Aberdeen in Schottland und Timisoara in Rumänien als Referenz.