Wie geht es Ihnen, seit die Rückeroberung Mosuls begonnen hat?

Andreas Goerlich: Danke, mir geht es den Umständen entsprechend gut. Der Galgenhumor hat Überhand.

Sie sind in Flüchtlingscamps in Erbil tätig und leben in Dohuk. Beides etwa 50 Kilometer Luftlinie von Mosul entfernt. Haben Sie Angst?

Im Augenblick spürt man hier noch nichts davon, ausser dass ich in der Woche der Kriegsvorbereitungen nicht nach Erbil reisen konnte. Ich habe bis jetzt weder Angst noch Unsicherheitsgefühle. Dass jedoch IS-Sympathisanten irgendwo losschlagen, wie vor einigen Tagen in Kirkuk, muss jederzeit befürchtet werden.

Geben Sie uns etwas Mosul-Kunde aus «einheimischer» Perspektive vor Ort?

Zurzeit dringen Schiiten, die irakische Armee sowie die kurdische Peschmerga von Süden, Norden und Osten her nach Mosul vor. Den Westen halten sie nach dem Willen der USA frei, damit sich der IS ohne Blutbad zurückziehen kann nach Syrien, in sein letztes Herrschaftsgebiet. Dies finde ich hochproblematisch, weil Syrien so noch mehr Bürde aufgeladen wird. Aus Mosul und den Dörfern rundum werden ja etwa eine Million Flüchtlinge erwartet.

Sind schon welche in Erbil angekommen?

Nur wenige, insgesamt vielleicht 500 bis 1000. Für die Hilfswerke ist das ein absoluter Frust. Die Camps sind leer.

Wieso kommen bisher nicht mehr Flüchtlinge aus dem Kampfgebiet?

Der IS hat entschieden, nicht auf der Ostseite des Stadtflusses Tigris zu kämpfen. Daher sind im Augenblick noch alle Bewohnenden eingesperrt. Sie können Mosul nur über eine der fünf verminten Brücken verlassen, wenn sie im Irak bleiben wollen. Die kleinen Dörfer ringsum sind befreit. Dort sind die meisten Bewohner Christen, die man schon auf andere Orte hier verteilt hat. Diese Menschen kann man mit wenig Hilfe sehr zufriedenstellen.

Wäre man aber in Erbil auf die neuen Flüchtlinge vorbereitet?

Für die hier erwartete halbe Million Flüchtlinge wurden bereits neue Camps mit 370 000 Plätzen aufgestellt. Diese werden im Unterschied zu den Camps, in denen ich bis jetzt tätig bin, aber geschlossen sein.

Weshalb geschlossen?

Alle Flüchtlinge aus Mosul kommen zunächst in die sogenannten Screening Camps, wo sie gefiltert werden. Denn sie alle sind ja nun seit zwei Jahren unter IS-Herrschaft und deshalb der Gehirnwäsche verdächtigt. Man befürchtet, dass Einzelne von ihnen Anschläge planen wie eben kürzlich in Kirkuk. Deshalb sind die neuen Camps geschlossen. Aber ich werde hier ebenfalls tätig sein. Auch hier werden die Decken aus Winterthur zum Einsatz kommen und bald auch wieder Pulswärmer.

Was wissen Sie über die Herkunft der Menschen, die aus Mosul in den Camps erwartet werden?

Es werden praktisch nur sunnitische Araber sein. Die Christen sind längst aus Mosul verschwunden. Der kleine Rest wird auch in den Dörfern um Dohuk Verwandte finden. Von den Jesiden sind nur versklavte und vergewaltigte Menschen in Mosul. Sie wird man ins Ausland oder in spezielle Zentren zur Traumabewältigung bringen müssen.

Die Zurückgebliebenen in Mosul sind also sunnitische Muslime arabischer Herkunft. Sie werden wohl alle in den Süden von Mosul flüchten, weil dort auch sunnitische Araber leben. Daher ist man sich gar nicht sicher, ob die grossen Camps im Norden und Westen, in denen wir tätig sind, überhaupt gefüllt werden.

Was ist Ihre aktuelle Tätigkeit?

Unser Verein Khaima mit Sitz in Pfungen, dessen Projekte ich hier leite, arbeitet mit dem christlichen Hilfswerk Capni zusammen. Vor einigen Tagen war ich in Anischke, einem christlichen Dorf, das seit zwei Jahren viele Jesiden beherbergt und dank einem tollen Pfarrer ein echtes Miteinander pflegt. Die geflüchteten Christen und Jesiden haben dort klar gesagt, sie würden nie mehr nach Mosul zurückkehren.

Am Sonntag war ich zu einer erneuten Preisverleihung nach Erbil eingeladen, an der mir ein sogenannter Friedensbotschafter auch im Namen von Amnesty International einen Preis für meinen Einsatz für Frieden und Menschenrechte überreichte. Und gestern habe ich in einem hiesigen Flüchtlingslager ein interreligiöses Gespräch durchgeführt, an dem 150 Personen christlicher, muslimischer und jesidischer Herkunft teilnahmen.