Die Situation war dramatisch. Panik stand dem Reh in die Augen geschrieben. Es war in den Aabach-Kanal gesprungen. Vielleicht auf der Flucht vor einem Hund, der nicht angeleint war. Jedenfalls erwies sich der Kanal als Todesfalle. Einmal drin, kommt ein Tier nicht mehr raus. Das Reh schwamm dem Wasserverlauf entlang Richtung Aathal und blieb hängen. Beim grossen Rechen, der den Abfall aus dem Wasser fischt, bevor es durch die Turbine fliesst.

So traf Richard Burri das Tier an. Erschöpft vom Kampf gegen das Ertrinken. «Eine Viertelstunde hätte es vielleicht noch durchgehalten, dann wäre es wohl ertrunken oder vom automatischen Rechenreiniger getötet worden», sagt er. Er holte ein Lasso und fischte das Tier zusammen mit seinen beiden Jagdaufseherkollegen Martin von Känel und Heinz Bosshard aus dem Wasser und setzte die Rehgeiss im Wald wieder in Freiheit. Eigentlich sollte der Jagdaufseher das nicht tun. «Wildtiere zu fangen, ist üblicherweise keine gute Idee. Aber hier blieb uns nichts anderes übrig. Das Reh konnten wir retten. Aber es war ein Einzelfall.»

Jedes Jahr zehn Tiere

Sein Kollege Heinz Bosshard sagt: «Jedes Jahr geraten etwa zehn Tiere in den Kanal und ertrinken.» Der Rechenreiniger drückt die Tiere periodisch unter Wasser oder erdrückt sie. Kleinere Tiere nimmt der Rechenreiniger mit und wirft sie auf den Abfallhaufen. «Wir erhalten jeweils ein Telefon von der Turbinenbetreiberin, um den Kadaver abzuholen.» Meist treffe es Füchse, Dachse oder Rehe. «Es war aber auch einmal ein Bussard drin. Wer weiss, wie das passieren konnte.»

Die Jagdgesellschaft Oberuster, die für dieses Gebiet zuständig ist, wollte dem Treiben im Kanal nicht weiter zuschauen und beschloss, eine Ausstiegshilfe zu bauen. Sie wurde beim zuständigen Amt des Kantons vorstellig, um eine eventuelle Finanzierung zu generieren. «Es hiess, das Projekt werde in die Planung bis Ende 2020 aufgenommen», sagt Burri und verkneift sich ein Lachen. «Wir wollten nicht so lange warten.»

Die Jagdgesellschaft entwarf also eigenhändig ein Konstrukt, das nicht nur den Ausstieg ermöglicht, sondern Tiere auch automatisch zur Treppe aus dem Kanal führt. «Das war noch relativ komplex», sagt Heinz Bosshard. Die Lösung: Ein quer liegender schwimmender Balken blockiert die Wasseroberfläche und führt direkt zur gut 70 Zentimeter breiten, fix installierten Treppe aus dem Kanal. Die Jagdgesellschaft bezahlte das Konstrukt aus der eigenen Kasse – der Materialwert betrage gut 2000 Franken, sagt Burri. «Dazu kam knapp ein Tag, um die Sache einzubauen. Aber das geschah natürlich in Fronarbeit.»

Beim Kanton ist man angetan

Die Konstruktion sei ein Unikat. «Wir erfanden sie selbst. Und unseres Wissens gibt es im Kanton Zürich nichts Vergleichbares.» Dies, obwohl relativ viele solche Kanäle existierten. «Ich nehme an, dass nicht nur wir das Problem mit ertrinkendem Wild haben.» Für Burri und Bosshard ist klar: «Auch wenn wir so nur zehn Tiere im Jahr retten, so lohnt es sich trotzdem. Jedes Tierleben ist wertvoll.» Das Klischee des Jägers sei jenes des «krummen Fingers». «Aber das ist nur ein kleiner Teil unserer Arbeit. Wir setzen uns oft und viel für das Tierwohl ein», sagt Burri.

Beim Amt für Wasser, Energie und Luft (Awel) ist man von der Konstruktion angetan. «Der Wildausstieg scheint an dieser für das Wild offenbar exponierten Stellen eine sinnvolle Sache zu sein. Das Awel hatte denn auch keine Einwände dagegen», sagt Mediensprecher Wolfgang Bollack. Dem Amt seien keine weiteren solche Konstruktionen bekannt – aber auch keine anderen Stellen, an denen dafür Bedarf bestünde.