Jahresrückblick
Von «Silberameisen» und «Hosenscheissern»: Verpasste Schlagzeilen 2015

In den vergangenen zwölf Monaten ist viel passiert. Doch ob all der Schlagzeilen über gewählte, abgewählte und nicht gewählte Politiker sowie über schlechte FCZ-Resultate gingen ein paar spektakuläre Fakten beinahe unter – wir liefern sie Ihnen hier.

Oliver Graf
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Silberameise.

Silberameise.

Uni Zürich

Die Themen der Politiker

Die grossen Pflöcke sind eingeschlagen. Die Politiker haben unter anderem im Kanton und in der Stadt Zürich die Budgets 2016 abgenommen und die Steuerfüsse festgesetzt. Doch neben diesen wiederkehrenden Hauptthemen gibt es weitere Probleme, welche die Öffentlichkeit kaum wahrnimmt, derer sich die Politiker dennoch annehmen. Ein Blick auf die im Kantonsrat eingereichten Anfragen.

So gibt es doch den Umstand, dass alte Bäume umfallen. Und gerade jene Bäume, die von den Behörden gegen den Willen des Besitzers unter Schutz gestellt werden, müssen ja eine Ewigkeit lang unterhalten werden. «Es scheint manchmal», meinten zwei SVP-Kantonsräte in ihrem Schreiben an den Regierungsrat, «dass nicht bekannt ist, dass auch ein Baum einem Alterungsprozess unterworfen ist und eine natürliche Altersgrenze kennt.» Deshalb lancierten sie ihren Vorstoss: «Haftung für durch geschützte Bäume verursachte Schäden an Personen sowie an fremdem und an eigenem Eigentum» (Geschäft-Nummer 140). Der Regierungsrat wiegelte jedoch in seiner Antwort ab: Natürlich steige der naturschützerische Wert eines Baumes meistens mit zunehmendem Alter. Gehe aber eine Gefahr von ihm aus, die durch keine Pflegemassnahme behoben werden könne, werde die Beseitigungsbewilligung erteilt. «Beim Kanton sind seit vielen Jahren keine Schadenersatzforderungen für Schäden, die von geschützten Bäumen verursacht worden sind, eingegangen.»

Bei vielen Vorstössen handelte es sich auch um kleinräumliche Anliegen. Zwei Vertreter von EVP und SP (vom linken Zürichseeufer) reichten eine Anfrage ein unter dem Titel «Ärger seit dem Fahrplanwechsel 2014 am linken Zürichseeufer, S8 zwischen Winterthur und Pfäffikon SZ» (30). Der Regierungsrat meinte: «Ziel der SBB und des ZVV ist die stetige Verbesserung der Pünktlichkeitswerte im gesamten Netz der Zürcher S-Bahn.» Drei Kantonsräte (SVP, SVP, EDU) aus dem Unterland hatten derweil eine «Abnabelung des Rafzerfeldes mittels kumulierter Einspurigkeit» (209) festgestellt. Der Regierungsrat entgegnete indes, dass er sich «dafür einsetzt, dass sämtliche Regionen des Kantons verkehrsmässig gut erreichbar sind und keine Nachteile erleiden».

Einen SVP-Kantonsrat aus einer Seegemeinde beschäftigten auch die «Schifffahrts-Kontrollen von Segelschiffen mit Elektromotoren» (150). Denn ein Segelschiff mit Motor muss alle drei Jahre vom Strassenverkehrsamt kontrolliert werden, ein Segelschiff ohne Motor hingegen nur alle sechs Jahre. Inzwischen gebe es aber viele Segelschiffe mit Elektromotoren, die sehr leise seien und keine Emissionen verursachten, wurde im Vorstoss festgehalten. Müssen diese Segelschiffe mit Elektromotoren wirklich alle drei Jahre zur Kontrolle wie jene mit Verbrennungsmotoren? Ja, befand der Regierungsrat. Denn der Bund schreibe dies so vor, der Kanton könne daran gar nichts ändern. Zudem ist diese Regelung für den Regierungsrat durchaus sinnvoll, da die Schiffskonstruktion durch einen Motorantrieb belastet werde – unabhängig von der Energiequelle.

Noch offen ist der Ausgang eines Anliegens dreier EVP-Kantonsräte, die «Grünes Licht für Feuerwehr» (27) fordern. Die Idee hinter dem Postulat: Angehörige von Milizfeuerwehren rücken in der Regel in zivil und mit zivilen Fahrzeugen zum Feuerwehrlokal ein. Dabei müssen sie sich an die Strassenverkehrsregeln halten – und können damit wertvolle Sekunden verlieren. Sie sollen nun ein grünes Blinklicht erhalten. Auch mit diesem müssten sich die Fahrer an die Regeln halten, doch zeigen sie immerhin an, dass sie auf dem Weg zu einem Einsatz sind. «Die übrigen Verkehrsteilnehmer haben die Möglichkeit, freiwillig Platz zu machen.»

Der Gegenbeweis der Angeklagten

Es gab sie natürlich auch 2015, die grossen, aufsehenerregenden Mordfälle, die an den Zürcher Gerichten verhandelt wurden. Daneben haben die Richter in Tausenden Fällen Urteile gesprochen, die zwar keine blutige Schlagzeile hergaben, aus deren subtilen Begründungen sich aber durchaus Lehren für den Alltag ziehen lassen.

Darf eine Person in einer Mail etwa als «hinterhältiger, feiger Hosenscheisser» bezeichnet werden? Das Zürcher Obergericht hatte sich mit dieser Frage auseinanderzusetzen. Die Richter gingen das Problem pragmatisch an – sie blätterten zunächst in einem Wörterbuch. Laut Duden, schrieben sie dann im Urteil, sei Hosenscheisser ein derbes Synonym für «Drückeberger, Feigling und Hasenfuss». Hinterhältig sei ein Adjektiv mit der Bedeutung «Harmlosigkeit vortäuschend, aber Böses bezweckend». Aus dieser Analyse zogen die Richter den Schluss, dass «die Bezeichnung Hosenscheisser allenfalls als noch tolerierbare Abschätzigkeit gewertet werden könnte». Mit der Beifügung des Wortes «hinterhältig» sei jedoch die Grenze des Zulässigen überschritten worden. Es kommt, so unser Fazit also, immer auf das Mass an.

Angeklagte tun grundsätzlich auch gut daran, beim Vorbringen von Ausflüchten Mass zu halten. Wie aus einer Vielzahl von in diesem Jahr erlassenen Urteilen hervorgeht, überzeugt die Richter nicht jede in der Theorie plausible Möglichkeit. So war einem Autofahrer vorgeworfen worden, auf der Flucht vor der Polizei mehrere Strassenverkehrsregeln missachtet zu haben. Der Beschuldigte brachte vor Gericht vor, er habe gar nicht bemerkt, dass ihn die Polizei auf jener Autobahn habe kontrollieren wollen – also habe er auch gar nicht vor ihr flüchten können. Weshalb er dann dem Polizeiwagen, auf dessen Dachbalken «Polizei – bitte folgen» aufgeleuchtet habe, auf den Pannenstreifen gefolgt sei und verlangsamt habe, um dann überraschend aufs Gaspedal zu drücken, fragte ihn der Richter. Ihm sei zuvor das Mobiltelefon auf den Boden gefallen, entgegnete der Beschuldigte. Er sei auf den Standstreifen gefahren, um es gefahrlos aufheben zu können – doch dann habe er während des Verlangsamen gedacht, dass er das Telefon ja gar nicht benötige, und habe wieder beschleunigt. Das Obergericht verurteilte ihn zu einer teilbedingten Freiheitsstrafe von 18 Monaten.

Einem angetrunkenen Porschefahrer hat das Obergericht in diesem Jahr eine bedingte Geldstrafe von 180 Tagessätzen sowie eine Busse von 3000 Franken aufgebrummt. Er hatte mehr als zwei Promille Alkohol im Blut – und war dennoch die kurze Strecke von einer Bar, in der er zuvor aufbrausend aufgefallen war, zu seinem Büro gefahren. Das sagte zumindest die Polizei, die ihn vor dem Aussteigen auf der Fahrerseite sitzend gesehen haben will. Der Porschebesitzer machte indes geltend, ein Freund, der schlechte Erfahrungen mit der Polizei gemacht habe und dessen Namen er deshalb nicht verraten dürfe, habe ihn gefahren. Als die Polizei eintraf, habe er sich einfach gerade in das Auto gelehnt, um seine Jacke zu behändigen, wobei er «etwas komisch dort gehangen» habe. Das waren dem Gericht dann etwas zu viele Zufälle. Da im Weiteren auch der Porsche gemäss den Polizeifotos so parkiert war, dass sich die Beifahrertür nicht vollständig öffnen liess, kam es zu einem Schuldspruch: «Wäre der Beschuldigte wirklich von einer Drittperson gefahren worden, hätte diese den Porsche wohl nicht so abgestellt, dass der Beschuldigte nur noch knapp aussteigen konnte, zumal ausreichend Platz vorhanden war.»

Manchmal setzen die Gerichte auch einfach ein gewisses Mass an Allgemeinwissen voraus. So heisst es in einem Urteil zu einer Vaterschaftsklage, dass der Mann hätte «erhebliche Zweifel haben müssen, dauert eine Schwangerschaft doch auch für einen Laien neun Monate.»

Die Erkenntnisse der Wissenschafter

Während sich die Politiker unter anderem mit «grünem Licht» auseinandergesetzt haben, hat die ETH Zürich im vergangenen Jahr mit blauem Licht einen Erfolg gefeiert.

Eine Medienmitteilung der Hochschule stand unter dem Titel: «Mit Blaulicht gegen Männersorgen». Nach vier Jahren Forschungsarbeit hat ein Team im Kampf gegen Erektionsstörungen eine «neuartige biotechnische Lösung entwickelt». Die Wissenschafter entwickelten ein Genkonstrukt, das eben auf blaues Licht reagiert. Dieses Konstrukt wird in das von der Schwäche betroffene Körperteil gespritzt. Sobald dieses exponierte Teil der fitgespritzten Person blauem Licht ausgesetzt ist, setzt das Genkonstrukt einen Prozess in Gang: In den Zellen des betroffenen Körpergliedes sinkt der Kalziumpegel, die Muskelzellen erschlaffen, der Blutfluss nimmt zu. Das Genkonstrukt liegt gemäss ETH-Mitteilung erst als Prototyp vor und wurde noch nicht am Mensch (Mann) angewandt. Es wurde aber an Ratten erprobt – und dies «mit gutem Erfolg». Das blaue Licht habe wie ein Schalter gewirkt, mit dem sich die gewünschte Funktion anknipsen liess. Diese gewünschte Funktion bleibt in der Folge übrigens auch ohne blaues Licht vorübergehend erhalten und baut sich erst nach einer gewissen Zeit automatisch zurück.

Auch an der Universität Zürich sind spektakuläre Entdeckungen gemacht worden. So wurde etwa die «Doppelstrategie der Silberameise gegen den Hitzetod» beschrieben: Die feinen dreikantigen, nach aussen spitz zulaufenden Haare der kleinen Tiere, die in der Sahara bei Bodentemperaturen bis 70 Grad überleben, dienen als effizienter Strahlungsschutz und eine Art Hitzeschild. Dieser ist aber gleichzeitig so konzipiert, dass er dennoch viel Wärmeabstrahlung (Kühlung) zulässt. «Damit wirkt das Silberhaarkleid in doppeltem Sinne als thermoregulatorischer Umhang», teilte die Uni mit. Die Forscher wollen nun mit diesem System eine Folie entwickeln, die Objekte passiv kühlt.

Für die Silberameise ist eine Doppelstrategie also gut – für den Menschen lohnt sich eine solche aber nicht immer, wie Zürcher Psychologen herausgefunden haben; denn «Plan B lenkt vom Ziel ab». Grundsätzlich sei es natürlich durchaus eine gute Idee, etwas Zeit und Aufwand für die Entwicklung von Alternativplänen aufzuwenden, damit man für komplexe und wichtige Situationen ein Sicherheitsnetz habe, betonen die Forscher. Aber zu viel sollte man dann schon nicht am Plan B herumstudieren: «Ein Plan B kann umso ablenkender und schädlicher sein, je mehr Energie man in seine Ausarbeitung steckt.»

Die Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) in Dübendorf hat derweil mit einer «Doppelstrategie» ebenfalls Erfolg gehabt. In ihrer Medienmitteilung mit der Überschrift «Dank Zauberkristall Perowskit zu höherer Effizienz – die Tandem-Solarzelle kann’s einfach besser» berichtet sie von einem «wichtigen Meilenstein». Die Idee dahinter ist einfach: «Was bei Doppelklingenrasierern gut ist, gilt auch für Solarzellen: zwei Arbeitsschritte sind gründlicher.» Denn lege man zwei Solarzellen übereinander, von denen eine halb transparent sei, dann lasse sich ein grösserer Anteil der Lichtenergie in Strom umwandeln. Diese aufwendige Technik ist nicht neu, sie wird bereits in der Raumfahrt eingesetzt. Für die Massenproduktion waren derartige Tandem-Zellen bislang aber zu teuer – die Empa hat nun ein Verfahren für eine preisgünstige Produktion entwickelt.

Weitere Erkenntnisse aus der Forschung 2015: «Warum Mäuse längere Spermien haben als Elefanten» (Uni), «Schnellere Verdauung bei Kängurus reduziert Methanausstoss» (Uni/ETH) und «Garn aus Schlachtabfall» (ETH).