Die Szene ist legendär: «Sind Sie vom Aff’ bisse?», fuhr Christoph Mörgeli «Rundschau»-Moderator Sandro Brotz an, als dieser ihn im Frühjahr 2013 fragte, ob er als Nationalrat zurücktrete.

Die «Rundschau» des Schweizer Fernsehens hatte soeben berichtet, dass von Mörgeli am Medizinhistorischen Institut der Universität Zürich (UZH) betreute Dissertationen zum Teil blosse Abschriften historischer Quellentexte waren.

Ihre wissenschaftliche Qualität wurde in Zweifel gezogen.

Die UZH liess daraufhin ein Expertengutachten erstellen.

Die Experten kamen zum Schluss, dass die von Mörgeli und seinem früheren Vorgesetzten Beat Rüttimann betreuten Arbeiten «häufig mangelhaft» waren – und führten als Grund «eine unzureichende Betreuung der Doktorierenden an», wie die UZH im Oktober 2013 in einer Medienmitteilung schrieb.

Gestern hat die Uni den Expertenbericht auf Geheiss des Bundesgerichts veröffentlicht und auch dieser Zeitung zugestellt.

Journalisten der «Rundschau» und des «Tages-Anzeigers» hatten Einsicht in die Expertise verlangt.

Sie zeigt nicht nur, dass der von der UZH entlassene Mörgeli und Rüttimann als Doktorväter schlecht abschnitten: Die von ihnen betreuten Dissertationen würden «überwiegend aufgrund unzureichender Betreuung den wissenschaftlichen Standards medizinhistorischer Dissertationen nicht entsprechen», lautet ein Fazit der Gutachter.

Ein anderes, bislang nicht publiziertes Fazit, betrifft Iris Ritzmann, Mörgelis ehemalige Kollegin am Medizinhistorischen Institut.

Auch sie wurde im Zuge der Affäre Mörgeli von der Uni Zürich entlassen, wegen Verdachts auf Amtsgeheimnisverletzung.

Die Gutachter bescheinigen den von ihr betreuten Dissertationen «durchweg hohe wissenschaftliche Standards», wie die nun veröffentlichte Expertise zeigt.

Dissertationen im Blindtest

Bei den Experten handelt es sich um den Heidelberger Medizingeschichtsprofessor Wolfgang U. Eckart, den Zürcher Rechtsgeschichtsprofessor Andreas Thier und den emeritierten deutschen Medizinprofessor Eckhart G. Hahn.

Sie beurteilten 39 zufällig ausgewählte medizinhistorische Doktorarbeiten. Die meisten davon wurden von Mörgeli, Rüttimann und Ritzmann betreut. In einem ersten Schritt nahmen die Experten die Dissertationen unter die Lupe, ohne zu wissen, von wem diese betreut wurden.

Sie vergaben für zehn Kriterien jeweils Punkte auf einer Skala von 0 bis 10. Die von Ritzmann betreuten Arbeiten kamen dabei durchschnittlich auf eine Gesamtpunktzahl von 62. Bei Mörgeli waren es 34,5 und bei Rüttimann 28,5 Punkte.

Für die Betreuung erhielt Ritzmann im Schnitt 8,8 Punkte, Mörgeli 3,3 und Rüttimann 2,5 Punkte.

Die Diskussionen um die stark variierende Qualität von Doktorarbeiten veranlasste die Uni, im April 2015 eine neue Promotionsverordnung für den Bereich Medizin in Kraft zu setzen.

Seither prüft neu auch eine ständige Dissertationskommission der Medizinischen Fakultät die Doktorarbeiten. Hinzukommt – ebenfalls neu – eine Überprüfung durch einen Zweitgutachter.

Zudem verfügt die Medizinische Fakultät seit Mitte 2015 über ein Handbuch zur Qualitätssicherung in Promotionsverfahren, wie die Medienstelle der UZH gestern auf Anfrage betonte.

Mörgeli, der letztes Jahr als SVP-Nationalrat abgewählt wurde, hatte seine Motivation in der «Rundschau» 2013 so dargelegt: «Ich habe meinen Auftrag darin gesehen, dass ich Mediziner und auch Zahnmediziner in die Wertschöpfung entlasse, in den Beruf.

Und ich wusste: Die haben einen strengen Beruf, auch sehr viel klinische Arbeit. Ich gab ihnen etwas, das sie auch zu Hause nach Feierabend und am Wochenende machen konnten.»

Dass es sich dabei oft um blosse Transkriptionen handelte, liess er als Einwand nicht gelten: «Das ist eine sehr sinnvolle wissenschaftliche Arbeit.»

Die Uni hatte Mörgeli damals bereits entlassen. Auch Ritzmann wurde entlassen. Sie steht unter Verdacht, einen uniinternen Bericht, in dem Mörgelis Arbeit als Kurator am Medizinhistorischen Museum der UZH scharf kritisiert wurde, an den «Tages-Anzeiger» weitergeleitet zu haben.

Trotz ihrer Entlassung sind beide als Titularprofessoren ohne Festanstellung weiter an der UZH tätig: Mörgeli bietet auch nächstes Semester seine Lehrveranstaltung «Erzählte Medizingeschichte» an, Ritzmann zusammen mit ihrem Mann Eberhard Wolff die Lehrveranstaltung «Wissenschaftliche Grundlagen medizinhistorischen Arbeitens».