2016
Von der Manifesta zur An’Nur-Moschee: Zürich blickt zurück

Ein auch für den Grossraum Zürich ereignis- und kontrastreiches Jahr geht zu Ende.

Matthias Scharrer
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An der 25. Street Parade wirkten auch die Eurodancers aus Schlieren mit.
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Zürich Rückblick
Pavillon of Reflections: Der filigrane Holzbau auf dem See bildete fürs breite Publikum das Herzstück der erstmals in Zürich stattfindenden Kunstbiennale Manifesta.
Der Zürcher Stadtrat Richard Wolff (AL) gab das Dossier Koch-Areal ab.
Das Stadtzürcher Stimmvolk gewährte den ZSC Lions einen 120-Millionen-Kredit für ihre geplante neue Eishockey-Arena in Zürich-Altstetten.
Auf Sparkurs: Regierungsrat Ernst Stocker (SVP).

An der 25. Street Parade wirkten auch die Eurodancers aus Schlieren mit.

Annina Gepp

Von Ferne wirkte er wie eine zerbrechliche Streichholzkonstruktion. Doch was da auf dem Zürichsee schwamm, war ein solides Bauwerk von ETH-Studenten, gebaut für die internationale Kunstbiennale Manifesta, die von Juni bis September erstmals in Zürich stattfand: Der Pavillon of Reflections diente als schwimmendes Kino, Badi und Ort des Nachdenkens.

Zum Nachdenken regte die Manifesta allerdings nicht nur im Sinne ihrer Macher an: In der Zürcher Kunstszene stiess sie auf Kritik, weil lokale Künstler sich zu wenig einbezogen fühlten – und wegen angeblichen Lohndumpings. Doch am Schluss zogen die Veranstalter, wie es sich gehört, eine positive Bilanz: Mit mehr als 171 000 Besucherinnen und Besuchern habe die Manifesta die Erwartungen übertroffen.

Die Kulturskandale

Bleiben wir noch ein wenig bei der Kultur: Für den Zürcher Kulturskandal des Jahres sorgte der deutsch-schweizerische Aktionskünstler Philipp Ruch mit seiner Entköppelungsaktion am Zürcher Neumarkt-Theater: Die geplante Prozession mit einem Exorzisten, toten Fischen und geschmacklosen Verfluchungen des SVP-Nationalrats und Weltwoche-Verlegers Roger Köppel zu dessen Privatdomizil in Küsnacht war Stadtgespräch – und hatte Folgen für das kleine Theater: Der Regierungsrat kürzte ihm die Subventionen fürs nächste Jahr um 50 000 Franken.

Gesprächsstoff ganz anderer Art brachte die Eröffnung des Fifa-Museums in Zürich mit sich. Schon gut einem Monat danach zogen die Museums-Macher Anfang April vor den Medien eine positive Zwischenbilanz. Doch hinter den Kulissen sah es anders aus: Das Museum erwies sich trotz hoher Eintrittspreise für die Fifa als Geldvernichtungsmaschine. Sein Direktor Stefan Jost musste bereits im Herbst gehen, neuer Museumsdirektor wurde Ex-Mediensprecher Marc Caprez.

Die Stadionprojekte

Zu reden gab auch die geplante neue Eishockey-Arena für die ZSC-Lions: Sportfans bibberten, ob drei Jahre nach dem Nein zum Hardturm-Neubau das Stimmvolk erneut ein Zürcher Stadionprojekt ablehnen würde. Doch diesmal stimmten die Stadtzürcher Stimmberechtigten im September zu. Hauptgrund: Anders als bei der letzten Hardturm-Vorlage handelt es sich bei der ZSC-Arena um ein grossteils privat finanziertes Projekt. Die Stadt spielt Bank und gibt ein Darlehen.

Privatwirtschaftliches Engagement ist nun auch beim Hardturm-Stadionbau für die Fussballer von FCZ und GC vorgesehen: Im Juli gab die Stadt das Siegerprojekt eines Investorenwettbewerbs bekannt. Die beiden Investoren HRS Investment AG und Immobilienanlagegefässe der Credit Suisse planen ein Stadion für 18 500 Zuschauer. Zur Refinanzierung sollen zwei 137 Meter hohe Wohn- und Geschäftstürme westlich des Stadions beitragen; östlich sind gemeinnützige Wohnungen geplant. Wann das Projekt realisiert wird, ist noch unklar. Das Stadtparlament und allenfalls erneut das Stimmvolk werden noch ein Wörtchen mitzureden haben.

Die Politaffären

Apropos Stimmvolk: Wankelmut respektive Mut zur Veränderung bewiesen die Kantonalzürcher Stimmberechtigten bei der Kulturlandinitiative: 2012 hatten noch knapp 55 Prozent dem Anliegen, wonach ökologisch hochwertiges Kulturland zu schützen sei, zugestimmt. Die Umsetzungsinitiative erhielt nun im November 2016 nur noch 41 Prozent Ja-Stimmen. Die Mehrheit liess sich offenbar überzeugen, dass das Anliegen der Grünen mit dem revidierten Richtplan bereits erfüllt sei.

Bleiben wir noch etwas bei der Kantonalpolitik: Finanzdirektor Ernst Stocker (SVP) und seine Regierungsratskolleginnen und -kollegen legten im April dar, wie sie die Staatsfinanzen bis 2019 ins Lot bringen wollen: 125 Massnahmen umfasst die damals präsentierte Leistungsüberprüfung 2016 (Lü 16), die den Kantonshaushalt um insgesamt 1,8 Milliarden Franken entlasten soll. Ein Hauptsparposten sind mehrjährige Tarifverträge mit den Spitälern. Auch bei der Krankenkassen-Prämienverbilligung soll gespart werden; zudem will der Kanton sich durch die Verlagerung der Kosten für die Schulleitungen zu den Gemeinden entlasten. Lü 16 wird den Kantonsrat und wohl auch das Stimmvolk 2017 weiter beschäftigen.

Eine Politaffäre der besonderen Art leistete sich der Zürcher Stadtrat Richard Wolff (AL): Nachdem Lärmklagen und der Vorwurf, er sei befangen, im Zusammenhang mit dem besetzten Koch-Areal immer lauter geworden waren, gab Wolff das Dossier an seinen Stellvertreter Daniel Leupi (Grüne) ab. Dieser sagte an der entsprechenden Medienkonferenz in einem Nebensatz, was der AL-Stadtrat nie bestätigen wollte: dass Wolffs Söhne auf dem Koch-Areal lebten.

Die Moscheeaffäre

Eine ganz andere Affäre spitzte sich im Laufe des Jahres zu: jene um die Winterthurer An’Nur-Moschee. Schon länger stand sie unter Verdacht, Jugendliche auf dem Weg zum Islamischen Staat (IS) radikalisiert zu haben. Im Februar strich Winterthur Schulbesuche in der Moschee. Ende Oktober wurde dann publik, dass die Vermieterin, eine Immobilienfirma, den Ende 2016 auslaufenden Mietvertrag mit dem Islamischen Verein An’Nr nicht mehr verlängert. Anfang November führte die Polizei schliesslich eine Razzia in der Moschee durch und verhaftete mehrere Personen.

Ach ja, und dann waren da noch das Züri Fäscht und die 25. Street Parade im Sommer, mit Besucherzahlen in Millionenhöhe. Wahrlich ein kontrastreiches Jahr.