Kalkbreite ZH
Von bolo’bolo zur neuen Siedlung Kalkbreite und weiter

Eine Analyse über die Entstehung neuer Wohnformen in Zürich soll betreffend der Siedlung Kalkbreite einen Eiblick in das Thema Zürcher Stadtentwicklung geben.

Matthias Scharrer
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Zurück in die Zukunft: Die Wohnformen der Zürcher Genossenschaft Kalkbreite haben ihren Ursprung in den 1980er-Jahren - am Donnerstag wird eingeweiht.

Zurück in die Zukunft: Die Wohnformen der Zürcher Genossenschaft Kalkbreite haben ihren Ursprung in den 1980er-Jahren - am Donnerstag wird eingeweiht.

Matthias Scharrer

Ein neuartiges Stück Stadt wird morgen Freitag und am Samstag in Zürich offiziell eröffnet: die Genossenschaftssiedlung Kalkbreite. Das Neuartige daran sind der spezielle Mix und die Architektur; gleichzeitig werden in der Kalkbreite Ideen verwirklicht, die ihren Ursprung in der Hausbesetzerbewegung der frühen Achtzigerjahre haben.

In sogenannten Cluster-Wohnungen bietet die Genossenschaft Kalkbreite eine Mischung aus Privatwohnungen und Wohngemeinschaften mit Gemeinschaftsküche an; die Mieter verzichten aufs Auto, Parkplätze sind nicht vorhanden, dafür Tram-, Bus- und Bahnstation vor der Haustüre; der Innenhof auf dem Dach des Tramdepots Kalkbreite ist als öffentlich zugänglicher Treffpunkt mit Spielplatz gestaltet; die Übergänge zwischen öffentlichem und privatem Raum sind fliessend. Und: Wer hier wohnt, findet in der Siedlung fast alles, was es zum Leben braucht: einen Lebensmittelladen mit Produkten aus der Region, Cafés, ein Kino, eine Möbeltauschbörse, einen Blumenladen mit Blumenautomat an der Busstation, ferner einen Süssigkeitenladen. Elementare menschliche Bedürfnisse wie Wohnen, Kultur, Arbeit, Nahrungsbeschaffung, Freizeit, Spiel und Zusammensein werden unter einem Dach befriedigt. Der Lebensraum der Siedlung wird dadurch gleichzeitig auch zum Treffpunkt für die umliegenden Quartiere.

Das historisch Bemerkenswerte daran: Mit der Siedlung Kalkbreite wird wieder einmal utopisches Gedankengut aus dem Zürich der frühen Achtzigerjahre verwirklicht. Damals ging die Jugend für mehr Freiräume auf die Strasse: Zunächst ging es um Freiräume für ihre Kultur, dann auch um Freiräume für neue Wohnformen. Wohngemeinschaften waren in den 1970er-Jahren aufgekommen. Hausbesetzungen wie jene am Tor zum Stauffacher sorgten Anfang der Achtzigerjahre für Aufsehen. Und der anonyme Autor p.m. veröffentlichte 1983 sein Buch «bolo’bolo». Es wurde zur Gebrauchsanleitung für einen Umbau der Stadt, der inzwischen schon beträchtlich weit vorangekommen ist. Die Grundidee: Um die Gesellschaft schrittweise zu verändern, sollten selbstverwaltete und selbstversorgende gemeinschaftliche Siedlungseinheiten für jeweils rund 500 Menschen in der Stadt entstehen. Der Autor nannte sie «bolo» und schrieb: «Das bolo ist ein direkter, persönlicher Lebenszusammenhang.» Kein Bewohner könne daraus vertrieben werden. Und nach und nach würden die sich verbindenden bolos – als bolo’bolo – den Lebenszusammenhang der Stadt verändern.

Was das mit der Siedlung Kalkbreite zu tun hat? Nun, sie ist eine von mehreren neuartigen Genossenschaftssiedlungen, die seit den 1980er-Jahren in Zürich entstanden sind und sich direkt oder indirekt auf «bolo’bolo» beziehen. Dazu gehört die Siedlung Kraftwerk 1, die von p.m. mit aufgebaut wurde, die befreundeten Genossenschaften Karthago und Dreieck sowie eben auch die Kalkbreite. Sie bilden inzwischen ein Netzwerk, das zeigt, wie neue Wohnformen machbar und mitzugestalten sind, ohne dass grosse Immobilienfirmen das Sagen haben.

An der Person des Kalkbreite-Geschäftsführers Res Keller lässt sich diese Tradition direkt festmachen: Er hat bereits die aus der Hausbesetzerbewegung der frühen Achtzigerjahre entstandene Genossenschaft Dreieck mit aufgebaut. Aufgekratzt erzählte er mir vor einigen Jahren vom neuen Genossenschaftsprojekt in der Kalkbreite, das nun verwirklicht ist. Ein Nachfolgeprojekt nahe beim Zürcher Hauptbahnhof ist schon aufgegleist.