Tag des Friedhofs

Vom Zürcher Leichenverbrennungsverein zum Bestattungsamt

Er ist einer jener Parks in der Stadt Zürich, der am meisten Menschen anzieht: Auf dem Friedhof Sihlfeld sind nicht nur die Toten versammelt, auch immer mehr Lebende besuchen ihn. Zum Tag des Friedhofs werden ansonsten verschlossene Türen geöffnet.

Hinter den dicken Mauern verstummt der Autolärm, ab und zu zwitschert ein Vogel auf einer der Rosskastanien, die den Weg zum ehemaligen Krematorium säumen. Ein Fuchs und mehrere Bienenvölker bewohnen die Anlage, die auch mit ihren zahlreichen Gräbern wie ein grosser botanischer Garten wirkt.

"Zu uns kommen mittlerweile mehr Menschen, welche die Ruhe vor der pulsierenden Stadt suchen, als solche, die Verstorbene besuchen", sagte Rolf Steinmann, Leiter des Bestattungsamts, am Donnerstag vor den Medien. Die Stadt nimmt den Tag des Friedhofs vom 19. September zum Anlass, die Menschen an diesen besonderen Ort einzuladen.

"Wir wollen zeigen, dass der Tod zum Leben gehört", sagte Steinmann, "dass es sich lohnt, sich schon zu Lebzeiten Gedanken zu machen." Der Tod sei in den Medien, in Computerspielen oder in Filmen omnipräsent. "Aber die meisten Leute erleben ihn nicht mehr real, haben noch nie einen Verstorbenen angefasst."

Erster "Verbrennungsapparat" in Zürich entwickelt

Deshalb werden am Tag des Friedhofs etwa Bestatterinnen und Bestatter aus ihrem Berufsalltag erzählen. Zudem öffnet das Krematorium Sihlfeld D, das heute nur noch als Abdankungshalle dient, seine Tore. Vor hundert Jahren wurde der denkmalgeschützte Bau eröffnet. Bis 1992 wurden Zehntausende darin kremiert.

Zürich hatte in der Kremierungsbewegung eine führende Rolle gespielt, wie der Historiker Stephan Steger ausführte. 1874 wurde hier auf Privatinitiative der "Leichenverbrennungsverein" gegründet. Schon bevor der Zürcher Regierungsrat 1877 die Konzession fürs Kremieren erteilte, hatte die Firma Siemens den ersten modernen "Verbrennungsapparat" entwickelt.

Zwölf Jahre nach Erteilung der Konzession wurde auf dem Friedhof Sihlfeld das erste Krematorium der Schweiz eingeweiht. Die Kirchen seien strikt gegen das Kremieren gewesen, sagte Steger. Mit der 1874 in Kraft gesetzten Bundesverfassung ging das Bestattungswesen von den Kirchen an den Staat über und die Zahl der Kremationen nahm stark zu.

Asche aus Probeverbrennung besichtigen

Zum letzten Mal wurde 1992 eine Person im Krematorium Sihlfeld D kremiert. Seither ist diese Bestattungsart nur noch auf dem Friedhof Nordheim in Zürich möglich. Am Tag des Friedhofs können auf dem Friedhof Silhfeld aber die alten Öfen oder auch die Asche aus der allerersten Probeverbrennung von 1895 besichtigt werden

Bei einer Führung erfahren Interessierte zudem, dass die Volksweisheit "Im Angesichts des Todes sind alle gleich" keineswegs der Wahrheit entspricht.

So zeigen sich beispielsweise grosse Unterschiede in Todesanzeigen von Frauen und Männern, wie Vertreterinnen des Vereins Frauenstadtrundgänge erläutern werden. Zudem erklären sie, weshalb der Beruf des Totengräbers oder des Sargmachers praktisch nur von Männern ausgeübt wird.

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