Ein Sitzungszimmer im obersten Stock des Zürcher Prime Towers im Jahr 2014. Fabian Wildenauer ist für einen kurzen Moment weit weg von der Besprechung, an der er als Ökonom einer grossen Immobilienfirma teilnimmt. Er blickt aus dem Fenster, unter sich die Wolken über der Stadt. «Ich habs geschafft», hätten viele Berufskollegen in dieser Situation vielleicht zu sich selbst gesagt: Doch der Gockhausener fragt sich: «War es das?»

Statt sich auf den Lorbeeren seiner zwei Master-Abschlüsse und seiner Promotion in Immobilienökonomie auszuruhen beschliesst Wildenauer also, einen neuen Weg einzuschlagen. Einen Weg, der mit seinem bisherigen Werdegang so gar nicht zusammenpasst: Der 38-Jährige bewirbt sich im Frühling 2015 für den ersten Quereinsteiger-Studiengang der theologischen Fakultäten Zürich und Basel, um reformierter Pfarrer zu werden (siehe Kontext).

Seit September sitzt Wildenauer nun wieder regelmässig in Vorlesungssälen. Er büffelt Altgriechisch und Hebräisch und lernt in Bibelkunde, einzelne Textstellen aus dem Stegreif zu zitieren. Zu seinen Kommilitonen gehören ein Dramaturg, ein Gymi-Prorektor, einige andere Quereinsteiger und viele reguläre Theologiestudenten.

Das Lernen fiel mit 20 leichter

Das Studium sei für ihn eine grosse Herausforderung, sagt der Vater zweier Kinder: «Man lernt nicht mehr so schnell wie noch mit 20. Dazu muss ich familiäre sowie universitäre Verpflichtungen koordinieren und übe daneben einen Beruf aus, der viel anstrengender ist als die Nebenjobs während meines ersten Studiums.» Seit knapp einem Jahr ist Wildenauer im Projektmanagement Immobilien des Zürcher Stadtverbands der reformierten Kirche tätig. Auch, weil er dort ein 50-Prozent-Pensum leisten kann, was in seiner Funktion beim früheren Arbeitgeber nicht möglich gewesen wäre.

Doch woher kommt die Begeisterung für das Pfarramt? Woher die Motivation des hochrationalen Ökonomen, sich in den spirituellen Dienst der Kirche zu stellen? Er wolle der Gesellschaft etwas zurückgeben, sagt Wildenauer, das sei ihm an jenem Morgen im obersten Stock des Prime Towers klar geworden. Als Mitglied des Johanniter-Ordens hatte er sich schon früher per Eid dazu verpflichtet, den Glauben zu verteidigen. «Doch wie will ich etwas verteidigen, das nicht mehr verkündet wird?», fragt Wildenauer lakonisch. Seine Antwort mündet in eine Kritik an der derzeitigen Ausrichtung der Kirche. Sie habe sich in den letzten Jahrzehnten zunehmend zu einer «Event-Institution» entwickelt, sagt er. Dabei gingen ihre eigentlichen Kernkompetenzen immer mehr vergessen: das Wecken und Stärken des Glaubens bei den Gemeindemitgliedern.

Das will Wildenauer ändern. Er ist überzeugt: Der Kirche kommt noch immer eine wichtige gesellschaftliche Rolle zu, wenn sie sich auf ihre theologischen und seelsorgerischen Funktionen besinnt. «Menschen geraten immer wieder in persönliche Krisen und schlagen sich mit existenziellen Fragen herum. In solchen Situationen suchen die meisten noch immer das Zwiegespräch mit Gott», so der gebürtige Zürcher. Es brauche daher nicht mehr Psychologen, sagt er, sondern mehr gute Pfarrer.

Er ist ein «Die-Hard-Liberal»

Wenn der heute 40-Jährige spricht, ist unverkennbar, aus welchem Holz er ist. Der «Die-Hard-Liberal», als den er sich selbst bezeichnet, ist weit weg von der humanitären sozialliberalen Linie, für welche die reformierte Landeskirche heute steht. Das Pfarramt sei keine «soziale Hängematte», sagt er: «Wer in dieses Amt will, weil er glaubt, dass ihm dort der raue Wind der Wirtschaft nicht um die Ohren pfeift, täuscht sich.» Er sehe seinen Auftrag vielmehr darin, seine theologische Arbeit so gut zu machen, «dass es wieder mehr Pfarrer braucht», so Wildenauer.

Wenn der angehende Pfarrer über die Kirche sinniert, klingt es schwer nach Marktanalyse. Er spricht von «veränderten spirituellen Bedürfnissen», verweist auf «Besucherfrequenzen» in Shoppingcenter-Kapellen die sich teilweise fast auf dem Niveau von Läden bewegen, und berichtet von sogenannten «City-Churches» in London, die «ekklesiologische Produkte für Banker» anbieten würden. Ökonom bleibt Ökonom.

Das sei für seine zukünftige Aufgabe kein Nachteil, findet Wildenauer. Im Gegenteil: Den individuellen Erfahrungshintergrund der Quereinsteiger sieht er als grosse Chance für die reformierte Kirche. «Die Pfarrschaft bildet heute grösstenteils eine sehr homogene Gruppe. Wir aber sind sehr unterschiedlich sozialisiert. Das bietet die Möglichkeit, auch Gläubige abzuholen, die sich bisher von der Kirche nicht angesprochen fühlten», sagt er. Am Ende liege es an den einzelnen Kirchgemeinden, einen Pfarrer zu wählen, der am besten zu ihren Mitgliedern passt.