Passerelle

Vom Pflegeberuf in den Hörsaal mit Hilfe der Passerelle

«Die Tore stehen mir ja weit offen», sagt Barbara Füchslin.

«Die Tore stehen mir ja weit offen», sagt Barbara Füchslin.

Gegenwärtig schwitzen knapp drei Dutzend junge Frauen und Männer im Lehrgang Passerelle an der Kantonalen Maturitätsschule für Erwachsene (KME) in Zürich über den Prüfungen, die ihnen den Zugang zu einer universitären Hochschule ermöglichen.

Eine von ihnen ist Barbara Füchslin. Sie hat sich am Spital Neumünster in Zollikerberg während vier Jahren zur Pflegefachfrau ausbilden lassen und dann während einiger Jahre in ihrem Beruf am Triemli-Spital gearbeitet. Gleichzeitig hat sie die Berufsmaturität erworben, bevor sie sich als 29-Jährige dazu entschied, erneut die Schulbank zu drücken.

Ihr Ziel war es, an einer Fachhochschule eine Ausbildung zur Logopädin zu machen, wofür es eine gymnasiale Matur oder die erfolgreich absolvierte Passerelle braucht. Nun aber erfährt sie erst im September, ob sie bestanden hat.

Weil man ihr an der Fachhochschule den Studienplatz nicht so lange reservieren will, müsste sie eine Wartezeit von einem Jahr auf sich nehmen. Daher überlegt sie sich Alternativen. «Die Tore stehen mir ja weit offen», erklärt sie.

«Wie ein Jungbrunnen»

Die Passerelle hat sie gewählt, weil der Bildungsgang bloss ein Jahr dauert. Mit jetzt 30 sei sie ja nicht mehr sehr jung. Dass ihre Schulkameradinnen und die Kameraden alle jünger sind als sie, ficht sie nicht an. Im Gegenteil: «Für mich ist das hier wie ein Jungbrunnen», sagt sie und lacht. Empfindet sie dieses Jahr als streng? «Ich bin schon ziemlich beschäftigt», sagt sie. Möglich ist immerhin noch ein bisschen Mitarbeit am Mode-Label, das sie mit ihrer Cousine zusammen aufgezogen hat.

Passerelle nennt sich der Bildungsgang deshalb, weil er einen Übergang darstellt zwischen Berufsmaturität und dem Studium an einer schweizerischen Universität oder an der ETH. Es gibt die Passerelle erst seit 2004.

Diese Ergänzungsprüfung wird von der Schweizerischen Maturitätskommission angeboten und vom Staatssekretariat für Bildung und Forschung organisiert. Es gibt Schulen, an denen die Prüfung hausintern abgelegt werden kann. Zu ihnen gehört die KME.

Eine rechte Rosskur

In einem Jahr den Stoff nachzuholen, den sich Gymi-Schüler auf dem zweiten Bildungsweg während drei oder zwei Jahren aneignen, ist eine rechte Rosskur. «Die Anforderungen sind so hoch, dass es unmöglich erscheint, nebenher auch noch einem Broterwerb nachzugehen. Es gilt nämlich nicht nur, den an fünf Tagen in der Woche angebotenen Unterricht zu besuchen, ebenso wichtig und genauso zeitaufwändig ist das Selbststudium», sagt KME-Rektor Peter Stähli.

An die Passerelle der KME aufgenommen wird übrigens nur, wer an der Berufsmaturität einen Notendurchschnitt von mindestens5 erreicht. Obligatorisch ist zudem ein Aufnahmegespräch mit einem Mitglied der Schulleitung.

Bei Absolventen aus dem Kanton Zürich trägt der Kanton die Schulkosten von 13500Franken; bei Ausserkantonalen übernehmen einzelne Kantone diese Kosten (Schaffhausen, Schwyz, Zug), andere Kantone nach Gesuch einen Teil davon (Graubünden, Glarus).

Laut Stähli bleiben viele Passerelle-Absolventen in ihrer «Berufsschiene»: Wer einen technischen Beruf gelernt hat, nimmt oft ein Ingenieurstudium auf, ein Kaufmann studiert in der Regel Wirtschaft.

Lernen statt Dolcefarniente

Allerdings gibt es auch Ausnahmen, etwa dass jemand sich an der Philosophischen Fakultät einschreibt und ein Geschichtsstudium aufnimmt oder Arzt werden will. Wer später bescheinigen sollte, dass er Latein gelernt hat, ist besser beraten, wenn er eine gymnasiale Matur erwirbt, was an der KME möglich ist; BMS-Absolventen können direkt ins dritte Semester eintreten. «Wer noch jung ist, dem ist ohnehin zu empfehlen, auch diese Möglichkeit in Betracht zu ziehen», meint Stähli.

Für den KME-Rektor ist klar, dass die Passerelle gut geeignet ist, die Durchlässigkeit zwischen den einzelnen Stufen zu fördern. Wer eine Berufslehre und -maturität gemacht hat, hat dadurch eine zusätzliche Chance, an eine Universität oder die ETH zu wechseln.

Allerdings ist klar, dass zunächst eine hohe Hürde zu bewältigen ist, bevor man einsteigen kann, und wer das geschafft hat, muss büffeln. Er meint, dass die Kursteilnehmer wohl kaum in die Ferien fahren, um sich irgendwo an einem fernen Strand bräunen zu lassen, sondern dass sie die Zeit nutzen, um noch auf die bevorstehenden schriftlichen Prüfungen zu lernen.

Näheres unter www.kme.ch

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