Zürich
Vom normalen Bistro zum «Café Med»: Hier erhalten verzweifelte Patienten Unterstützung

Kritiker des Gesundheitssystems sehen eine zunehmende Verunsicherung bei Patienten. Häufig wüssten diese nicht mehr, ob die empfohlene Behandlung tatsächlich die richtige sei. Das Café Med soll Abhilfe schaffen.

Patrick Gut
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Im Bistro «Chez Marion» am Zähringerplatz in Zürich kann man sich jeden zweiten Montag kostenlos von medizinischen Fachpersonen beraten lassen. (Screenshot/Google Maps)

Im Bistro «Chez Marion» am Zähringerplatz in Zürich kann man sich jeden zweiten Montag kostenlos von medizinischen Fachpersonen beraten lassen. (Screenshot/Google Maps)

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Sind neue Knie für einen stark übergewichtigen Mann mittleren Alters tatsächlich die optimale Lösung? Muss sich eine Frau, die kurz vor ihrer Menopause steht, wirklich die gutartige Geschwulst in der Gebärmutter operieren lassen? Sind die Antidepressiva, die der Arzt verschrieben hat, als erste Option unbedingt notwendig? Oder gäbe es in all diesen Fällen eine Alternative?

All das sind Fragen, die sich Menschen im realen Leben stellen. Annina Hess-Cabalzar, Präsidentin des Vereins Akademie Menschenmedizin, stellt eine zunehmende Verunsicherung bei Patientinnen und Patienten fest. Hauptverantwortlich ist für die Psychotherapeutin das heutige Gesundheitssystem. «Mit den Fallpauschalen der SwissDRG hat die Kommerzialisierung im Gesundheitswesen Einzug gehalten.»

Stichwort: Akademie Menschenmedizin

Die Akademie Menschenmedizin ist ein unabhängiger Verein, der 2009 von der Psychotherapeutin Annina Hess-Cabalzar und dem Mediziner Christian Hess gegründet wurde. Der Verein ist nicht gewinnorientiert und er setzt sich für ein menschengerechtes und bezahlbares Gesundheitswesen ein, wie es auf der Website des Vereins heisst.

Die Akademie Menschenmedizin fordert und fördert einen patientenorientierten, vernetzten, nachhaltigen Therapie- und Heilungsansatz sowie die Integration der Geisteswissenschaften. Dem Verein steht ein 38-köpfiger, interdisziplinärer Beirat zur Seite. (pag)

Der Druck auf die Mediziner habe stark zugenommen, zeitlich wie finanziell. Allzu häufig entscheide man sich rasch für eine Behandlung, die sich für das Spital finanziell lohne. Die Folge sei eine Überversorgung. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, lanciert die Akademie Menschenmedizin das Café Med.

Dort können sich Patientinnen und Patienten sowie Angehörige jeden zweiten Montag kostenlos beraten lassen. Das Bistro «Chez Marion» am Zähringerplatz – vis à vis der Zentralbibliothek – wird zwischen 15 und 18 Uhr zum Café Med umfunktioniert. Es stellen sich erfahrene Fachärztinnen und Psychologen zur Verfügung, die – so sieht es das Konzept vor – an der Sache keinerlei finanzielle Interessen haben dürfen. Auf der Website der Akademie Menschenmedizin werden jeweils die vertretenen Fachrichtungen angekündigt. Eine Anmeldung ist nicht nötig.

Hinter dem Café Med stehen Annina Hess-Cabalzar und Christian Hess. Die Psychotherapeutin und der Mediziner haben sich während Jahrzehnten einen Namen gemacht als Mitglieder der Spitalleitung des Spitals Affoltern. Sie haben gemeinsam das Buch «Menschenmedizin» verfasst. Vereinfacht gesagt, verfolgt das Paar einen interdisziplinären, ganzheitlichen Ansatz. Bald war vom «Modell Affoltern» die Rede. Der Bruch kam mit der Anstellung eines neuen Spitaldirektors, der schon mit mehreren seiner vorgängigen Engagements negativ aufgefallen war. Der «Tages-Anzeiger» titelte im Februar 2012: «Spital Affoltern verliert seine Aushängeschilder».

Nicht minder bekannt als Annina Hess-Cabalzar und Christian Hess ist die dritte Initiantin im Bunde: Brida von Castelberg. Die Gynäkologin leitete während 20 Jahren die Frauenklinik am Stadtspital Triemli. Allen drei gemeinsam ist, dass sie zu den Kritikern des neuen Spitalfinanzierungsmodells gehören. Brida von Castelberg sagte an der Kickoff-Veranstaltung vom Montag, man werde keine Diagnosen stellen, keine Medikamente abgeben, keine Untersuchungen durchführen und keine Therapien anbieten. «Was wir aber machen werden, ist zuhören. Wir wollen Geburtshilfe bieten für eine Entscheidung», sagte von Castelberg.

Denkbar sei es auch, die Patienten für eine Zweitmeinung an einen externen Expertenkreis zu vermitteln. Um unabhängig zu sein, dürften diese Experten aber keine Behandlungen übernehmen. Von Castelberg ist sich bewusst, dass die Idee des Café Med bei der Ärzteschaft nicht unbedingt gut ankommt. «Die Kollegen und Kolleginnen haben möglicherweise Angst, dass man ihnen etwas wegnimmt oder sie infrage stellt», sagt von Castelberg. Es gehe vielmehr um das heutige System der Gesundheitsversorgung. Dieses führe zu Zwängen und Fehlanreizen.

Auch für Personal

Das Café Med richtet sich neben Patientinnen und Patienten, die Orientierung suchen, auch an Mitarbeitende im Gesundheitswesen, die mit dem System nicht zurechtkommen. Sie sollen beraten und unterstützt werden. Selber eingreifen können die Berater hingegen nicht. Sollten sich Problembereiche abzeichnen, werden sie öffentlich gemacht.
Zum ersten Mal findet das Café Med am nächsten Montag, 10. Juli, statt. Die Beratung ist kostenlos, Kaffee und Kuchen sind es nicht.