Zürich

Gegen Diskriminierung von dunkelhäutigen Menschen – so zeigen Zürcher ihre Solidarität auf der Josefwiese

Am Dienstagabend fand in Zürich nach dem Pfingstmontag-Protest bereits der zweite öffentliche Anlass gegen Diskriminierung von dunkelhäutigen Menschen statt. Der Wunsch nach einem Wandel ist gross.

«Es ist Zeit, dass wir in der Schweiz die Stimme erheben und sagen, dass das, was in den USA geschieht, nicht geht. Das Problem betrifft nicht nur die USA, Europa oder Afrika. Es betrifft die ganze Welt», sagt David Piscopo. Der 31-Jährige steht auf einem Ping-Pong-Tisch auf der Josefwiese in Zürich. Um ihn herum scharen sich weit über 100 Menschen, alle schwarz gekleidet. Immer wieder wird geklatscht, einige Personen halten Tafeln in die Höhe. «Enough is enough» - genug ist genug - oder «Stop killing us» – Hört auf, uns zu töten - sind darauf geschrieben.

Am Dienstagabend versammelten sich auf der Josefwiese zahlreiche Menschen, um ihre Solidarität mit den «Black Lives Matter»-Demonstrierenden in den USA nach dem gewaltvollen Tod des Afroamerikaners George Floyd in Minneapolis zu bekunden und sich gegen Polizeigewalt und Rassismus auszusprechen. Es ist nach dem Protest am Pfingstmontag mit 1000 Personen der zweite Anlass in Zürich, der sich dem Thema widmet. Organisiert wurde die friedliche Kundgebung von einer Gruppe namens «Paperchase Entertainment», die vor der Corona-Zeit in Zürich Partys und Musikevents veranstaltete. Redner David Piscopo ist der Kopf der Gruppe.

Der Betriebswirtschaftsstudent aus Thalwil ist in der Schweiz geboren, hat Schweizer und Ghanaische Wurzeln. In einer 30-minütigen Ansprache erzählt er dem Publikum, dass er aufgrund seiner Hautfarbe wiederholt rassistische Diskriminierungen erdulden musste. «Ich bin mit vielen Ausländern aufgewachsen, Albaner, Peruaner, Italiener, was auch immer. Aber ich war immer der Neger, ich war immer der Schwarze.»

Die Gruppe Paperchase Entertainment organisierte die friedliche Kundgebung auf der Josefwiese.

Die Gruppe Paperchase Entertainment organisierte die friedliche Kundgebung auf der Josefwiese. Kopf der Gruppe ist Redner David Piscopo. Der Bertriebswirtschaftsstudent ist in der Schweiz geboren, hat Schweizer und ghanaische Wurzeln.

Aus dem Fototermin wurde eine Anti-Rassismus-Rede

Als 18-Jähriger führte Piscopo seine Herkunft sogar ins Gefängnis. «Meine hellhäutigen Kollegen waren im Ausgang in einen Streit verwickelt, ich habe mich rausgehalten. Als sie von der Polizei verhaftet wurden, zeigte man trotzdem auf mich. Und so wurde auch ich verhaftet.» Piscopo verbrachte laut eigenen Aussagen einen Monat im Gefängnis. «Ich hätte damals beinahe meine Existenz verloren, weil ich am falschen Ort, im falschen Moment mit der falschen Hautfarbe war.» Es sei Zeit für einen Wandel. Doch man könne nur etwas ändern, wenn man bereit sei, sich selbst zu ändern. «Wir müssen zusammenhalten», sagt Piscopo und findet viel Beifall.

Nach einer Schweigeminute für George Floyd bei der alle Anwesenden in die Knie gehen und ihre Fäuste in die Luft strecken, beendet er die Rede. Musik geht an, die Leute schiessen Bilder, eine Drohne fliegt über die Josefwiese. «Ursprünglich wollten wir nur zusammenkommen, um ein paar Fotos zu machen, um unser Mitgefühl auf Social Media teilen zu können», sagt Piscopo. Man sei mit der Idee jedoch auf so viel Zuspruch gestossen, dass man die Fotosession zu einem Protest ausbaute. Mit so vielen Leuten habe er aber niemals gerechnet. «Das zeigt, dass die Sache den Menschen am Herzen liegt.» Deshalb will die Gruppe weitere Anlässe zum Thema veranstalten, um die Diskussion weiterzuführen.

David Piscopo steht auf dem Ping-Pong-Tisch, und teilt seine Erfahrungen im Bezug auf Rassismus.

David Piscopo hält eine Rede auf einem Ping-Pong-Tisch auf der Josefwiese. Er teilt seine persönlichen Erfahrungen mit Rassismus.

Die Bilder und Videos aus den USA und der Kampf gegen die Diskriminierung war der Beweggrund vieler, sich am Dienstagabend auf der Wiese neben den Viaduktbögen einzufinden. «Rassismus geht uns alle etwas an. Ich bin halb Indonesierin und halb Schweizerin und erlebte Diskriminierung als Kind. Später bei der Heirat mit meinem Mann, der aus Gambia stammt. Bekannte rieten mir von einer Ehe mit einem Afrikaner ab, ich solle besser einen Weissen mit Geld heiraten, hiess es. Behörden und das Standesamt machten uns das Leben zudem auch nicht leichter», erzählt die 31-Jährige aus Neuenhof. Sie hoffe für ihre fast dreijährige Tochter, dass sie nicht dieselben Erfahrungen machen müsse wie ihre und vorherige Generationen und in einer offeneren und toleranteren Schweiz aufwachsen könne.

Auch Nuria Kitsaya aus Zürich wollte mit ihrer Anwesenheit ein Zeichen setzen. «Es ist wichtig aufzustehen und seine Meinung zu sagen. Es geht nicht nur um die ermordeten Personen, es geht darum, dass wir in einer Welt leben sollten, in der jeder so sein kann wie er ist», sagt die Schweizerin mit kongolesischen Wurzeln. Akzeptanz ist auch ein Anliegen von Santiago Arnosti aus Wil. «Jeder Mensch hat die gleichen Rechte verdient, egal welche Hautfarbe, Sexualität oder Religion er hat», sagt der 22-Jährige, der sich zur LGBT-Community zählt.

Zufällig bei der Kundgebung dabei ist JCK York. Er stammt aus Gambia und zeigt sich sichtlich gerührt über die Solidarität der Menschen. «Es berührt mein Herz, dass auch so viele Weisse hier anwesend sind. Wir Schwarzen können dieses Problem nicht allein bewältigen, wir brauchen die Unterstützung aller.»

Autor

Sibylle Egloff

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