Der Zürcher Strichplatz ist angebaggert: Baufahrzeuge präparieren derzeit die Unterlage für die Strasse und den Platz, wo sich gemäss den Plänen der Stadt Zürich schon bald der Strassenstrich abspielen soll. Der Container, in dem die Frauen-Beratungsstelle Flora Dora künftig für die Sexarbeiterinnen da sein wird, steht bereits. Was noch fehlt, sind die Verrichtungsboxen, auch Sexboxen genannt: zehn garagenähnliche Autoabstellplätze aus Holz, in denen Freier mit Prostituierten im Auto Sex haben können.

«Bis Ende Juli ist alles fertig»

«Bis Ende Juli ist alles fertig», sagt Michael Herzig, nachdem er einen Kontrollgang über das Areal an der Aargauerstrasse in Zürich Altstetten gemacht hat. Herzig ist im Stadtzürcher Sozialdepartement für das Projekt Strichplatz zuständig. Am 26. August soll der Strichplatz eröffnet werden. Den Monat zwischen Abschluss der Bauarbeiten und Eröffnung brauche man zum einen, um das Projekt nochmals zu kommunizieren; zum anderen, um allfällige Baumängel zu beheben.

In nächster Nachbarschaft zum Strichplatz befinden sich die Ateliers der Container-Siedlung «Basislager». Künstler und andere Vertreter der Kreativwirtschaft gehen hier ihrer Arbeit nach. Lediglich eine drei Meter hohe Sichtschutzwand wird sie trennen vom Strichplatz. Genauer: von den Sexboxen, der Fahrschlaufe, an der sich das älteste Gewerbe den Kunden präsentieren soll, und den vier Wohnwagen, die Prostituierte am Ende der Fahrschlaufe aufstellen dürfen, wenn der Strichplatz geöffnet ist; also von 19 bis 5 Uhr.

«Ich hoffe, dass es gut bleibt»

Kurz vor Mittag sind der Architekt Giacomo Zanchetta und der Webentwickler Fabrice Tereszkiewicz vor ihren Containern im Basislager gerade beim Apéro: «Ich bin gespannt», sagt Zanchetta auf den Strichplatz angesprochen. Die Mischung aus Künstlern, Prostituierten und den Bewohnern der ans Areal angrenzenden Asyl-Containersiedlung sei speziell. «Noch ist unklar, wie das alles organisiert wird», sagt Tereszkiewicz und nippt am Weisswein. «Ich hoffe, dass es gut bleibt.» Angst habe er nicht.

Auf einem Sitzplatz zwischen den Container-Ateliers finden sich Basislager-Mieter zum Mittagessen ein: Katrin Oesch, Stefanie Zeller, Peti Wiskemann und Johanna Bossart. «Ich bin gespannt, wie viele Autos kommen, wie viel Verkehr es gibt», sagt Oesch und schmunzelt ob der Doppeldeutigkeit des Wortes «Verkehr». «Die Stimmung kippt häufig ins Herumwitzeln, da man noch nicht weiss, wie es dann wird», sagt Wiskemann. Er glaube, der Strichplatz werde funktionieren. Wiskemann gibt sich gelassen: «Als das Basislager zu den Asylcontainern zügelte, gab es auch Befürchtungen, es werde zu Einbrüchen kommen.» Passiert sei seines Wissens nie etwas.

«Mal abwarten», sagt Bossart, die im Hinblick auf den Strichplatz skeptischer ist. Mühe bereite ihr nicht zuletzt die Vorstellung, von Freiern angemacht zu werden. Auch Oesch hat keine Lust, auf dem Nachhauseweg nach der Arbeit von dieser Klientel angebaggert zu werden. Zeller äussert Bedenken, dass mit dem Strichplatz längerfristig auch Drogenprobleme kommen könnten.

Die Macher der Sexboxen

Die Macher der Sexboxen haben ihr Atelier ebenfalls im Basislager: Es ist die Firma NRS-Team von Peter Pfister, die auf günstige Bauten spezialisiert ist. Sie konzipierte bereits die Asylcontainer nebenan.

Der NRS-Team-Projektleiter meint, schlussendlich werde man vom Strichplatz nicht viel spüren: Schliesslich herrsche auf dem Strassenstrich jeweils erst spätabends und in der Nacht Hochbetrieb. Die Basislager-Ateliers hingegen seien vor allem tagsüber besetzt. Und für die Prostituierten erhoffe er sich eine Aufwertung, da sie fortan nicht mehr mit den Freiern irgendwohin fahren und dann selber schauen müssten, wie sie wieder zurückkämen.

Ausserdem böten die Sexboxen mehr Schutz: Sie seien so konzipiert, dass die Prostituierten aussteigen, einen Alarmknopf drücken und zum Flora-Dora-Container laufen können. Auf der Fahrerseite hingegen lasse sich die Autotür in der Sexbox nicht öffnen. Ob der Markt das Angebot annimmt, bleibt abzuwarten.