In all den Jahren als Lokalpolitiker hat Martin Graf kein bisschen von seinem Engagement verloren. Er ist Optimist, voller Energie . Und dennoch zeichnet der 56-Jährige von der heutigen Welt in seinen Reden und im Gespräch oft ein eher düsteres Bild: «In der Politik herrscht ein gewaltiger Reformstau.» Grosse Würfe seien heute selten. Dafür einige man sich häufig auf viel zu komplizierte Kompromisse. «Das ist mir ein Gräuel.» Beispiele für diesen negativen Trend nennt Graf viele. Etwa die berufliche Vorsorge: «Die zweite Säule ist eine Zeitbombe.» Die junge Generation von Teilzeitarbeitern und Selbstständigerwerbenden werde in 20Jahren ohne Pension dastehen.

Oder die Siedlungspolitik: «Immer mehr Bodenfläche wird versiegelt und dadurch zerstört.» Das Problem sei seit Jahren bekannt, doch gehandelt werde höchstens zögerlich, sagt Graf. Auch Entwicklungen ausserhalb der Politik stimmen Graf nachdenklich. Etwa beim Mobilfunk: «Die Mengenausweitung bei der Telekommunikation ist enorm.» Es entstehe eine «sitzende, konsumierende Zapp- Gesellschaft». Zusammenfassend sagt er: «Ich glaube, uns Menschen fehlt ein Gen. Ein Gen, welches uns Grenzen setzt.» Warum engagiert er sich, wenn es doch so schlecht steht? «Die Hoffnung stirbt zuletzt», antwortet Graf. «Und in der Politik gelingt es doch immer wieder, eine einfache, sinnvolle Lösung zu finden.» Beispiele dafür liefert er aus Illnau-Effretikon. So hätten etwa die Vereine hier grundsätzlich freien Zugang zur Infrastruktur, statt dass jede Dienstleistung minutiös abgerechnet werde. «Eine einfache Lösung, welche die Administration entlastet.»

Prestigeprojekt in Verzug

Auch auf nationaler Ebene sieht Graf Zeichen für ein Umdenken. Etwa in der Raumplanung. Der Wille, neue Einzonungen zu begrenzen, werde allmählich mehrheitsfähig. Verdichtung in den Zentren, keine Einzonungen von neuen Äckern und Wiesen. In Effretikon steht dafür das Projekt «Mittim», das im Rahmen einer neuen Zentrumsplanung drei Hochhäuser in Bahnhofnähe vorsieht. Graf ist einer der Promotoren der Idee. Doch die Umsetzung kommt nur langsam voran. Grund dafür sei die «gestückelte Grundeigentümerschaft», erklärt Graf. Er hofft, dass bis im Jahr 2016 Teile des Prestigeprojektes gebaut sind.

Martin Graf sagt, was er tut, wenn er nicht regiert

Martin Graf sagt, was er tut, wenn er nicht regiert

Das Projekt «Mittim» war schon Wahlkampfthema, als Graf 2007 zum ersten Mal für den Regierungsrat kandidierte. Damals erreichte er das absolute Mehr, schied aber auf dem achten Platz als Überzähliger aus. 15000Stimmen hinter der am schlechtesten wiedergewählten Bisherigen Rita Fuhrer (SVP), 6700Stimmen vor dem grünliberalen Mitbewerber Martin Bäumle. Vor vier Jahren waren nach Rücktritten in der Regierung zwei Plätze frei. Diesmal gibt es nach dem Abgang von Markus Notter (SP) nur eine Vakanz.

Keine einfache Ausgangslage

«Die Ausgangslage ist sicher nicht einfacher als vor vier Jahren, aber klarer», erklärt Graf. Um seine Chancen zu verbessern, könnte Graf CVP-Regierungsrat Hans Hollenstein attackieren. Dieser gilt - mit seiner kleinen Partei als Hausmacht und nach den Affären ums Migrationsamt und die Beamtenversicherungskasse - als jenes Regierungsmitglied, das am ehesten abgewählt werden könnte. Doch Graf lässt sich kein schlechtes Wort über Hollenstein entlocken. «Man spielt nicht auf den Mann. Das ist nicht mein Stil», sagt er. «In Regierungsratswahlen würde das von den Wählern auch gar nicht goutiert.»

Sein Wahlprogramm ist rot- grün ausgerichtet.Drei Kernpunkte: eine grüne Energiepolitik ohne Atomkraft und mit Fokus auf erneuerbaren Energien («Den Entscheid für Atomkraft der amtierenden Regierung finde ich jenseits.»), eine linke Steuerpolitik («Eine weitere Entlastung der obersten Einkommen zulasten der Mittelschicht kommt für mich nicht infrage.») und öffentliche Standortförderung für das Gewerbe («So werden lokale Industriebetriebe und KMU nachhaltig gestützt.»). Nach 20Jahren in der Lokalpolitik fühle er sich gerüstet für die kantonale Ebene, sagt Graf. Und wie in den anderen Themen bleibt er auch in Bezug auf seine Wahlchancen - trotz eher düsteren Prognosen - optimistisch: «Diesmal bin ich im Kanton bereits bekannt. Es liegt durchaus im Bereich des Möglichen, einen der bisherigen Bürgerlichen aus dem Amt zu drängen.»