Zürich
Volksinitiative: Jäger nehmen «Staatsjagd» ins Visier

Die Zürcher Jäger haben am Donnerstag den Abstimmungskampf gegen die Initiative «Wildhüter statt Jäger» eröffnet.

Thomas Schraner
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Wildtiere schiessen, um den Bestand zu regulieren. So rechtfertigen Jäger ihr Handwerk. (Symbolbild)

Wildtiere schiessen, um den Bestand zu regulieren. So rechtfertigen Jäger ihr Handwerk. (Symbolbild)

KEYSTONE/OLIVIER MAIRE

Sie starten mit einem Vorsprung. Die Jäger haben im Abstimmungskampf den Regierungs- und den Kantonsrat auf ihrer Seite. Selbst die links-grünen Fraktionen lehnen die Initiative «Wildhüter statt Jäger» ab. Sie will der Milizjagd im Kanton Zürich den Garaus machen. Nur noch professionelle, vom Staat angestellte Wildhüter sollen Wildtiere jagen dürfen. Rund 80 bis 90 solcher Profis wären dazu nötig. Kostenpunkt gemäss Regierung: 20 bis 30 Millionen Franken.

Die Jäger, die am Donnerstag den Abstimmungskampf eröffneten, sprechen denn auch von «Staatsjagd». Heute koste die Jagd dank der Fronarbeit der Jäger pro Jahr nur rund eine Million Franken, rechnete Christian Jaques vor und strich die hohen Zusatzkosten der Initiative heraus. Ein kantonsweites Wildtier-Management, wie es die Initianten forderten, existiere bereits, sagte der Präsident von Jagd Zürich. Der Kanton gebe nach Wildzählungen jährlich bekannt, wie viele Tiere geschossen werden dürften. Daran müssten sich die Jäger halten. So gelinge es, den kantonalen Rehbestand seit Jahren bei rund 11'000 Tieren zu halten.

Würde man die Tierpopulation der Natur überlassen, wie es die Initianten wünschen, käme es zu mehr Unfällen und Krankheiten, sagte Jaques weiter. Um den Rehbestand zu halten, müsse die jährliche Zuwachsrate «abgeschöpft» werden. Zu den gemeinnützigen Arbeiten der Jäger zählt er auch das Einsammeln verletzter und toter Tiere. Auf dem Kantonsgebiet sterben laut Jaques durch den Verkehr jährlich rund 3'800 Wildtiere – Rehe, Wildschweine, Hirsche, Dachse, Füchse und Hasen. «Wir Jäger rücken täglich etwas mehr als zehn Mal aus, meistens nachts, um verletztes oder verendetes Wild nachzusuchen und zu erlösen.»

Im öffentlichen Interesse

Mit der heutigen Milizjagd fährt der Kanton gut. Diese Meinung vertraten nicht nur eingefleischte Jagdfreunde, zu denen die Kantonsräte Martin Farner (FDP) und Stefan Schmid (SVP) zählen, sondern auch linke Parlamentsmitglieder. Benedikt Gschwind (SP) attestierte den Jägern einen im Vergleich zu anderen Kantonen hohen Ausbildungsstand. Die Jäger übernähmen Aufgaben im öffentlichen Interesse und wirkten an ökologischen Projekten mit. Den hohen Kosten der Initiative stehe kein entsprechender Nutzen gegenüber.

Die SP hatte sich im Kantonsrat vergeblich für einen Gegenvorschlag stark gemacht, der ein Verbot der Bau- und Treibjagd vorsah. Im neuen Jagdgesetz, das der Kantonsrat noch zu beraten hat, dürfte dies wieder ein Thema sein. Die Jagdfreunde könnten mit einem Verbot der marginal gewordenen Baujagd leben, liess Jaques durchblicken. Die Treibjagd hingegen sei unverzichtbar. Auf sie entfielen nämlich rund 40 Prozent der geschossenen Tiere.

300'000 Franken Budget

Robert Brunner, Kantonsrat der Grünen, befürchtet, dass eine unkontrolliert wachsende Wildtierpopulation grosse Schäden anrichtet. Um dies zu verhindern, müssten grosse Naturgebiete eingezäunt werden. «Die Wälder würden so verunstaltet und die Lebensräume der Tiere zerstückelt.»

Die Gegner der Initiative verfügen im Abstimmungskampf laut eigenen Angaben über ein Budget von rund 300'000 Franken. Rund die Hälfte davon stammt von Jagdgesellschaften, die extra ihre Mitgliederbeiträge für zwei Jahre erhöhten.

Nachgefragt

Für die Mitinitiantin der Initiative «Wildhüter statt Jäger», Marianne Trüb Klingler, geht es den Jägern nicht nur um die Hege und Pflege der Tiere.

Frau Trüb Klingler, im Kantonsrat erhielt Ihre Initiative keine einzige Stimme. Auch Pro Natura ist dagegen. Mit welchem Hauptargument wollen Sie das Volk gewinnen?

Marianne Trüb Klingler*: Mit dem Tier- und Umweltschutz. Die Jagd ist nicht tierschutzkonform. Im Tierschutzgesetz steht, dass Tieren kein Schmerz zugefügt werden darf und sie nicht in Angst versetzt werden dürfen. Leider gelten diese Bestimmungen für die Jagd nicht.

Wie erklären Sie es sich, dass selbst in linksgrünen Kreisen die Initiative kaum Anklang findet? Ich habe den Eindruck, dass sich viele zu wenig mit dem Thema befasst haben. Die Jagd ist eine Tradition, deshalb geht man davon aus, dass alles gut funktioniert, und schaut nicht so genau hin. Was die Naturschutzorganisationen Bird Life und Pro Natura anbetrifft, habe ich den Verdacht, dass sie lavieren. Sie haben wohl Angst, Geld und Einfluss zu verlieren, wenn sie sich gegen die Jagd positionieren.

Die Initianten bezeichnen die Jäger herablassend als Hobby-Jäger. Diese hingegen pochen auf ihre fundierte Ausbildung. Jäger absolvieren 28 Theorielektionen und danach eine Schiessprüfung. Soll das eine profunde Ausbildung sein? Die Jäger argumentieren, sie hegten und pflegten das Wild. Das können sie auch nach der Annahme der Initiative tun. Aber es geht ihnen eben nicht nur darum, sondern sie wollen jagen.

Die Jäger müssen den Bestand regulieren, weil die Tiere keine natürlichen Feinde mehr haben. Die Natur selber wirkt auch als Feind. Man denke an Krankheiten, Trockenheit oder Nahrungsknappheit. Die Jäger greifen hier in den Kreislauf ein, indem sie gewisse Populationen füttern, um Wildfleisch zu bekommen.

Ohne die Jäger wüchse der Tierbestand unkontrolliert und es käme zu Krankheiten. Biologinnen sagen das Gegenteil, dass nämlich der Jagddruck, also der Stress, dazu führt, dass sich die Tiere schneller vermehren. Und was die Krankheiten anbetrifft: Bei der Tollwut zeigte es sich, dass die Jäger nichts bewirken konnten. Dazu waren Profis und Impfköder nötig.

Die Initiative koste viel, bringe aber keine ökologische Aufwertung, kritisieren Umweltschützer. Wie viel sie kostet, ist nicht klar. Aber sicher nicht 25 Millionen, wie der Regierungsrat sagt. Er malt absichtlich schwarz. Die heutigen Kosten der Jagd sind nicht transparent. In Zukunft werden sie mit oder ohne Initiative wachsen, weil im neuen Jagdgesetz mehr Entschädigungen für Jäger geplant sind.

Und was ist mit dem Vorwurf der mangelnden ökologischen Aufwertung? Diese Kritik verstehe ich überhaupt nicht. Für mich ist es zum Beispiel eine Aufwertung, wenn der Fuchs nicht mehr bejagt wird. Er mag da und dort lästig sein, aber er frisst viele Mäuse.

Jäger sagen, dass sie nachts bis zu zehn Mal ausrücken wegen angefahrenen Tieren. Ist das nicht eine nützliche Leistung für die Allgemeinheit? Der Chef der kantonalen Jagdverwaltung hat in Briefen mehrfach die Jäger gerügt, dass sie zu wenig ausrücken, wenn Tiere verletzt sind. Ich selber kenne ein Beispiel, bei dem ein Jäger es nicht nötig fand, wegen eines Fuchses aufzustehen. Es funktioniert im Allgemeinen eben nicht, auch wenn es engagierte und nette Jäger sicher auch gibt. Ich habe mich bei einem Winterthurer Stadtpolizisten erkundigt, ob er auch schon verletzte Tiere habe erlösen müssen. Er sagte mir, dass dies relativ oft vorkomme. Als ich dies anlässlich einer Veranstaltung so sagte, meinte ein Jäger, dass ja dann das Fleisch nicht mehr verwertet werden könne. Den Jägern geht es eben immer auch ums Eigeninteresse.

* Die ehemalige SP-Kantonsrätin aus Dättlikon ist Mitinitiantin der Initiative «Wildhüter statt Jäger».