Es hat eine lange und bewegte Geschichte hinter sich: 344 Jahre hat das Haus Zum Schanzenhof an der Bärengasse, auch bekannt als Museum Bärengasse, auf dem Buckel. 1671 erbaut, musste es 1972 für einen UBS-Neubau um 200 Meter nach hinten verschoben werden. Nun wird der ehrwürdige Bau zum neuen Zuhause der Zürcher Volkshochschule (VHSZ). Mitten in der Stadt, gleich hinter dem Paradeplatz, zieht die Institution ein, die vor fast hundert Jahre gegründet wurde, um das Volk zu bilden.

Haus stiftet Identität

Die Schule bietet Vorlesungen und Kurse zu unterschiedlichsten Themen auf universitärem Niveau, «Allgemeinbildung im humanistischen Sinn», nennt Pius Knüsel das. «Wir wollen Bildung bieten zur Horizonterweiterung. Eine Bildung für alle, die gerade auch heute wichtig ist.»

Der Direktor der VHSZ führt durch das Gebäude, über die Kassettenparkette, unter den stuckverzierten Decken hindurch, an alten Kachelöfen vorbei. Schönheit, die auch seine Schwierigkeiten mitbringe für einen Schulbetrieb, sagt Knüsel. Er zeigt sich aber sichtlich stolz und froh über das Zuhause: «Damit entsteht mehr Identität. Bisher bestand die Volkshochschule aus einem anonymen Büro, die Kurse fanden an der Universität Zürich und an weiteren Orten statt.»

Diesen Samstag wird das neue Zuhause mit einem Fest eröffnet. Auf drei Etagen finden sich Büros und sechs Schulzimmer, zudem zieht das Junge Literaturlabor (Jull) in die unteren Etagen ein sowie ein Kaffee im Parterre.

1,9 Millionen Franken liess sich die Stadt die Renovation des Hauses kosten. Der VHSZ mietet die Räume von der Stadt. Der Vertrag läuft zehn Jahre. Das Geld dafür aufbringen muss die Volkshochschule selbst. Bis und mit 2011 wurde die Einrichtung von der öffentlichen Hand, in erster Linie vom Kanton Zürich, unterstützt. Seit drei Jahren ist sie nun als Aktiengesellschaft aufgestellt.

Das bedeutet: Die Volksbildung kostet. 30 Franken kostet ein Einzeleintritt in eine Ringvorlesung, die Gebühren für Kurse variieren nach Stunden und Anzahl Tagen. Wichtig sind darum gut besuchte Kurse und Vorlesungen – rund 15 000 Mal wurden letztes Jahr Veranstaltungen gebucht. Pius Knüsel ist zufrieden damit, stellt aber auch klar: «Viel Geld verdienen lässt sich damit nicht.» Dazu kommt, dass auch im Bildungsbereich Konkurrenz herrscht: Die Uni, mit welcher zusammengearbeitet wird, bietet eine Senioren-Universität an, viele Weiterbildungen laufen über Klubschulen, dazu kommt die von öffentlicher Hand getragene Kantonale Berufsschule für Weiterbildung EB Zürich.

Im Sinne der Aufklärung

Bei der VHSZ bekommt man für seine Bildung weder Abschlüsse noch sonstige staatlichen Diplome. «Die Menschen kommen zu uns aus dem Interesse, etwas zu lernen», sagt Knüsel. Er sieht die Schule in einem «para-akademischen Raum»: Ein Ort, an dem Wissen populär und wissenschaftlich zugleich vermittelt wird. Sprachschulen werden angeboten, Psychologiekurse, Vorlesungen zu Big Data, Mathematik, über die Entstehung der Eidgenossenschaft oder das Verhältnis von Medien und Demokratie.

«Man muss kein Gymnasium besucht haben, um sich mit solchen Dingen auseinanderzusetzen», sagt Knüsel. 40 Prozent der Schüler verfügen gemäss dem VHSZ-Direktor über einen akademischen Hintergrund, 30 haben eine Berufsschule gemacht, weitere 30 Prozent nichts davon. «Unser typischer Schüler ist im Übergang von der zweiten in die dritte Lebensphase: Den Karriere-Höhepunkt hinter sich, überlegt er oder sie sich, was einen aufs Alter hin wirklich interessiert.» Das sei zu einem gewissen Grad Freizeitbeschäftigung, aber «eine Sinn stiftende». Statt Briefmarken zu sammeln und diese irgendwo aufzubewahren, würden die Leute Erfahrungen austauschen und Wissen sammeln.

Die Antwort zeigt die Sicht von Knüsel, vor seinem Engagement für die Volkshochschule langjähriger Direktor von Pro Helvetia, auf das Wissen als Zweck seiner selbst. Und als Zugang zu einer fortschrittlichen Welt: «Wir leben in einer Welt, in der Lernen der Schlüssel zur Existenz ist.» Und so zieht, so scheints, mit der humanistischen Volkshochschule auch ein wenig Idealismus in die Bärengasse hinter dem Paradeplatz.