Staus auf den Strassen, volle Züge und Busse – wird die nervige Pendlerei zwischen Wohnort und Arbeitsplatz immer so weitergehen?

Karin Frick: Es wird sich etwas ändern, schon deswegen, weil wir immer mehr wegkommen von starren Arbeitsplätzen. Eine erste Flexibilisierung zeigt sich im Trend zum Homeoffice.

Was wird aus unseren Firmenbüros?

Unternehmen stehen schon heute unter dem ökonomischen Druck, sich in diesem Punkt anders organisieren zu müssen. Sie fragen sich, wie viele feste Arbeitsplätze sie noch anbieten müssen. Generell gibt es eine Verschiebung hin zu mehr freier Mitarbeit und weg von Festanstellungen. Freie Mitarbeiterschaft nimmt rasant zu.

Vielen Menschen macht diese Entwicklung Angst.

Verständlich, denn es gibt Gewinner und Verlierer. Die Gewinner können und wollen flexibel arbeiten. Ihre Berufe sind gefragt, sie erfordern überwiegend Kopfarbeit, ihre Arbeitswerkzeuge sind Smartphone und Laptop. Sie definieren die Regeln, und sie können sich Staus und überfüllten Zügen entziehen. Auf der anderen Seite stehen diejenigen, deren Qualifikationen nicht so gefragt sind und die nicht flexibel arbeiten können. Das bringt Verunsicherung und zusätzlichen Stress mit sich.

Aber es gibt doch viele Berufe, die einen festen Arbeitsplatz verlangen.

Fast alle Berufe können zumindest partiell virtualisiert werden. Technische Analysen, etwa bei Autopannen, werden schon heute dezentral ausgeführt. Dasselbe gilt für Diagnosen. Auch in der Psychotherapie sind Online-Gespräche ergänzend zur Face-to-Face-Behandlung denkbar. Moderne Technologien werden es uns ermöglichen, neue Wege zu gehen.

Das hört sich aber sehr nach Zukunftsmusik an.

Diese Zukunft ist näher, als wir glauben wollen. Virtuelle Realität (VR) wird qualitativ noch besser werden, sie wird sich noch näher und sinnlicher anfühlen. Virtuelle Kontakte werden vermehrt physische Kontakte ersetzen, denken Sie nur an Videokonferenzen. Es lohnt sich, einen Blick auf die Arbeit des Unternehmens Microsoft zu werfen. Dessen sogenannte Holoportation zeigt, wohin der Weg führen wird. Die alltägliche Anwendung der neuen VR-Technologien wird nicht erst in 50 Jahren passieren. Und nicht zu vergessen die schnelle Entwicklung bei den Drohnen, die eine völlige Neuorganisation des Warenverkehrs mit sich bringen wird. Lieferungen nach Hause werden noch bequemer abgewickelt.

Wo gibt es noch Anzeichen für eine Flexibilisierung der Arbeitsorte?

Coworking spaces, also die Vermietung von Büroräumlichkeiten an Freiberufler, Kreative, kleinere Start-ups oder digitale Nomaden, sind in kurzer Zeit alltäglich geworden. Auch neue Vermietungsformate sind denkbar, etwa ein Airbnb für Büroräume in Wohnungen oder Firmen. Wer die Möglichkeit dazu hat, sucht natürlich wohnortnahe Arbeitsräume.

Was muss man bei der Planung des urbanen Raums berücksichtigen?

Hier muss man sich vor allem mit der Frage auseinandersetzen, welche Gründe es noch geben kann, um in die Stadt zu gehen. Bereits jetzt gibt es in kleineren Städten nurmehr wenige Händler. Noch grössere Verschiebungen sind zu erwarten. Es gibt bereits Ansätze, wie man damit umgehen kann, etwa indem man den Raum bewusst bespielt. Theater, Kunst, Street-Food-Festivals und andere Events werden angeboten. In kleineren Städten und in Randgebieten wird das aber nicht möglich sein. Auch gibt es Ideen, Quartiere so zu gestalten, dass kollektive Arbeitsplätze in der Nähe des Wohnraums entstehen. Die Decke fällt den Menschen im Allgemeinen sehr schnell auf den Kopf.

Welche Entwicklungen wird es beim Verkehr geben?

Unsere Vorstellungen von Mobilität und verbunden damit unser Leben und Denken werden sich sehr verändern. Durch sich selbst steuernde Systeme wird es effizientere Lösungen für den Transport von Menschen und Waren geben. Niemand wird mehr ein eigenes Auto besitzen, man wird es lediglich nutzen. Carsharing war ein erster Schritt auf diesem Weg. Selbst fahren zu lernen, wird überflüssig. In den Städten wird Fläche frei, weil Parkplätze nicht mehr gebraucht werden. Autonom fahrende Autos werden auch als Büro nutzbar sein.

Wann wird dieses Szenario so weit sein?

Innerhalb der nächsten 20 Jahre. Schon jetzt ist technisch sehr viel möglich. Zunächst wird der Aufbau im asiatischen Raum erfolgen, wo in Retortenstädten ein der neuen Technologie angepasstes Verkehrssystem aufgebaut werden kann. Wir werden es danach übernehmen. Wahrscheinlich wird die heutige Generation die letzte sein, die den Führerausweis macht.

Sie sehen dieser Entwicklung offensichtlich mit Vorfreude entgegen. Sind Sie sicher, dass Ihre Ansicht von vielen geteilt wird?

Ja. Der Widerstand dagegen wird sehr klein sein. Vor allem die demografische Entwicklung spricht dafür. Das Angebot wird genau zu einer alternden Gesellschaft passen, die an individuelle Mobilität gewöhnt ist. Zudem wird es viel weniger Stress geben. Die Leute werden sich sehr gerne umstellen.