Zürich
Hausärzten mangelt es an Impfdosen – viele Patienten werden deswegen ausfällig

Die Hausärzte spielen in der Zürcher Impfstrategie eine wichtige Rolle – doch derzeit werden sie vor allem beschimpft. Alle wollen den Impfstoff, aber dieser ist schon weg.

Anna Six und Michel Wenzler
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Hausarzt Josef Widler bereitet die Spritze mit dem Covid-19-Impfstoff Moderna in seiner Praxis in Zürich-Altstetten vor.

Hausarzt Josef Widler bereitet die Spritze mit dem Covid-19-Impfstoff Moderna in seiner Praxis in Zürich-Altstetten vor.

Keystone

Was zu Beginn der Pandemie das WC-Papier war, ist jetzt der Impfstoff: Alle wollen ihn, aber er ist schon weg. Besonders sehnlichst warten die Hausärztinnen und -ärzte auf weitere Dosen des Vakzins Moderna. In der Zürcher Impfstrategie wären die Allgemeinmediziner ein wichtiger Pfeiler – wenn denn Impfstoff vorhanden wäre.

Rund 400 hausärztliche Praxen haben seit Mitte Januar je hundert Dosen erhalten (plus die entsprechende Zweitimpfung). Nun wird der Unmut jener lauter, die bisher nicht berücksichtigt wurden. Etwa 600 Praxen im Kanton warten darauf, auch nur den allerersten ihrer Patienten impfen zu können. «Warum werden gewisse Impfärzte fleissig beliefert, während andere ihre Hochrisikopatienten dauernd vertrösten müssen?», fragt etwa der Stäfner Hausarzt Benno Marbet. Wie der Impfstoff verteilt werde, sei «absolut intransparent».

Tricksende Senioren gehen über die Kantonsgrenze

Marbet kritisiert, dass die Gesundheitsdirektion der impfwilligen Bevölkerung kommuniziere, man solle sich an die Hausärzte wenden, obwohl diese gar keinen Impfstoff hätten.

«Das führt dazu, dass meine Senioren Sturm laufen. Sie lassen ihren Frust an den Praxisangestellten aus und blockieren mit ihren Anrufen unseren Betrieb.»

Der Stäfner weiss auch von Leuten, die es mittels «Buebetrickli» schafften, sich in anderen Kantonen impfen zu lassen – etwa, indem sie die Wohnadresse ihrer Kinder als die eigene ausgaben.

Auch Hannes Frick, der in Oberrieden praktiziert und Bezirksarzt in Horgen ist, sieht die grösste Herausforderung momentan darin, «jene Patienten, die sich impfen lassen möchten, auf unbestimmte Zeit zu vertrösten». Mittlerweile würden knapp 400 seiner Patienten auf eine Impfung warten, der überwiegende Teil gehöre einer Risikogruppe an. Ein anderer Hausarzt spricht sogar von über 1200 Personen auf der Warteliste und täglich bis zu 30 Anfragen. Frick sagt, er verstehe und teile die Ungeduld. «Glücklicherweise ist bisher aber niemand ausfällig geworden bei uns.»

Auch Praxen, die noch nicht impfen konnten, wurden von der Ärztegesellschaft des Kantons Zürich (AGZ) aufgefordert, ihre Patienten vorsorglich nach Priorität aufzulisten. «Diese Triage ist sicherlich die schwierigste Aufgabe», sagt Frick. Als Hausarzt kenne er seine Patientinnen und Patienten aber am besten. «Anhand ihres Risikos, bei einer Ansteckung einen schweren Verlauf zu entwickeln, kann ich priorisieren.» Frick sagt, er ermutige die Leute, sich parallel auch in Impfzentren anzumelden.

Josef Widler ist Hausarzt, CVP-Kantonsrat und Präsident der AGZ. Zum viel zitierten Impfchaos sagt er lakonisch:

«Die Natur ist nun einmal ungerecht. Manche Menschen sind gesund, andere krank – manche haben schon eine Impfung erhalten, andere nicht.»

In der Praxis von Widler und seiner Tochter in Zürich-Altstetten wurden rund 100 Personen geimpft, 300 stehen auf der Warteliste. Auch bei ihm gehen böse Reaktionen ein: «Jedes zweite Telefonat betrifft die Covid-Impfung. Die Praxisassistentinnen werden teils aufs Übelste beschimpft.»

Viele Patienten würden sich auch beklagen, Widler habe als Ärztepräsident den Impfstoff falsch verteilt. Dagegen wehrt er sich: Die Zuteilung sei zusammen mit der Gesundheitsdirektion erfolgt. «Sie kontrollierte zum Beispiel, dass die Impfpraxen gleichmässig über den Kanton verteilt liegen.» Hingegen räumt Widler ein, dass in manchen grossen Praxen gleich zwei Ärzte ihre Anzahl von 100 Impfstoffdosen erhielten. «Das war nicht gewollt, und darauf werden wir bei der nächsten Zuteilung besser achten.»

Diese findet Ende März statt: Auf dann ist eine grössere Menge Moderna-Impfstoff angekündigt. Damit kommen rund 500 weitere Hausarztpraxen zum Zug. Ist eine Lieferung bestätigt, haben die neuen Impfpraxen jeweils wenige Tage Zeit, ihre Terminorganisation aufzustellen. Keine triviale Aufgabe: Die zehn Dosen pro Fläschchen müssen innert weniger Stunden verimpft werden, die Patienten müssen vor Ort eine Ruhezeit einhalten – und gleichzeitig sind Abstands- und Sicherheitsbestimmungen in der Praxis stets einzuhalten.

Bleibt noch die Frage des Tarifs. Bund und Versicherer hatten Ende Februar festgelegt, dass der Aufwand pro Covid-19-Impfung in den hausärztlichen Praxen mit 24.50 Franken vergütet werden soll. Ein Betrag, den die meisten Mediziner als unangemessen beurteilten. Unter Hausärzten war gar von einer «beschämenden Entschädigung» die Rede.

Der Kanton zahlt den Ärzten jetzt etwas mehr

Nun hat die Zürcher Gesundheitsdirektion reagiert: Sie springt in die Bresche und zahlt zu Gunsten der Hausärztinnen und Hausärzte drauf. Am Freitag teilte sie mit, sie habe sich mit ihnen auf einen neuen Tarif geeinigt. Die Ärzte erhalten nun für über 65-Jährige 50 Franken pro Impfung. Für Jüngere 33.50 Franken. Der Unterschied zwischen diesen Altersgruppen führt die Gesundheitsdirektion auf den höheren Abklärungs- und Beratungsbedarf bei den Senioren zurück.

Der neue Tarif wird auch rückwirkend für bereits vollzogene Impfungen ausbezahlt und gilt bis Ende Juni. Danach beträgt die Vergütung nur noch 16.50 Franken – so sieht es die nationale Regelung vor.

Mit dem Zusatzentgelt will Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli (SVP) der zentralen Rolle der Hausärzte in der Zürcher Impfstrategie Rechnung tragen. In einer Mitteilung lässt sie sich zitieren:

«Mit der getroffenen Vereinbarung stellen wir eine faire und bürgerfreundliche Lösung sicher.»

Ärztepräsident Widler hat ursprünglich berechnet, dass eine Abgeltung von rund 110 Franken für beide Impfungen kostendeckend wäre. Die Ärzte erhalten demnach immer noch zu wenig – 100 Franken für Senioren und 67 Franken für jüngere Personen. Trotzdem zeigt sich Widler zufrieden. Die Entschädigung sei angemessen.

Dass Gesundheitsdirektion und Ärzte am gleichen Strick ziehen, ist für ihn wichtig. Denn:

«Das Zürcher Konzept ist gut, und die Patienten sind dankbar, dass sie sich bei uns impfen lassen können.»

Bleibt nur zu hoffen, dass es sich mit dem Impfstoff so verhält wie letztes Jahr mit dem WC-Papier: Irgendwann waren die Regale wieder voll davon.