Für über 12 000 Zürcher Jugendliche beginnt dieser Tage ein neuer Lebensabschnitt: Sie treten eine Lehrstelle an – und damit in die Arbeitswelt ein. 12 108 Lehrverträge wurden kantonsweit zwischen Anfang Jahr und 31. Juli abgeschlossen. Das sind 1,8 Prozent mehr als im Vorjahr, wie die kantonale Bildungsdirektion am Donnerstag mitteilte.

Trotz der steigenden Anzahl Lehrverträge sind zunehmend viele Lehrstellen beim Stichtag Ende Juli noch offen: 1854 Lehrstellen waren es diesmal, knapp 19 Prozent mehr als im Vorjahr. Mit anderen Worten: Das Lehrstellenangebot übersteigt derzeit die Nachfrage deutlich. Insgesamt gibt es im Kanton Zürich dieses Jahr rund 14'000 Lehrstellen für Neueinsteiger, wovon nur gut 12'000 besetzt sind.

«Das ist eine beruhigende Nachricht», sagt Niklaus Schatzmann, Chef des kantonalen Mittelschul- und Berufsbildungsamts. Denn in den kommenden Jahren dürften Lehrstellen im Kanton Zürich zunehmend gefragt sein. Der Grund: Wegen des Bevölkerungswachstums wird es im Jahr 2030 kantonsweit rund 17'000 Jugendliche mehr auf der Sekundarstufe II geben als heute – also auf jener Stufe, die auf die obligatorische Schulzeit folgt. «Dann brauchen wir zirka 11'000 zusätzliche Lehrstellen, verteilt auf die zwei bis vier Jahre, die eine Lehre dauert», sagt Schatzmann.

Pro Jahr dürften dann gut 3'000 Lehrstellen mehr als heute nötig sein, wenn die Verteilung zwischen Berufslehre, Gymnasium und anderen Anschlusslösungen in etwa so bleibt, wie sie heute ist. Schatzmann zeigt sich zuversichtlich, dass diese Herausforderung zu bewältigen sein wird: «Der Kanton Zürich ist ein Boomkanton», erklärt er seinen Optimismus.

Warten auf das optimale Angebot

Dass gegenwärtig die Zahl der noch offenen Lehrstellen deutlich stärker steigt als jene der abgeschlossenen Lehrverträge, hat laut Schatzmann verschiedene Gründe: Das Überangebot erlaube es Jugendlichen, länger abzuwarten, bis sie das für sie optimale Angebot finden. Doch auch Firmen würden sich darum bemühen, ihre Lehrstellen optimal zu besetzen, da Lernende im Betrieb wichtige Rollen spielen. Aufgrund der aktuellen Lehrstellenmarktlage würden viele Betriebe bei der Stellenvergabe besonders genau hinschauen.

Auch gebe es eine gewisse Unsicherheit bei Jugendlichen, sich auf einen Beruf festzulegen. Schatzmann folgert: «Wir müssen den Jugendlichen die Angst vor der Vorstellung nehmen, sie müssten sich für den Beruf fürs Leben entscheiden und könnten die falsche Entscheidung treffen.» Den Beruf fürs Leben gebe es ohnehin nur noch selten. Wichtiger sei, eine gute Grundlage zu schaffen, auf der sich dann aufbauen lasse.

Gesundheitsberufe boomen

Mit Abstand am gefragtesten sind gemäss aktueller Statistik einmal mehr die kaufmännischen Lehrstellen: Sie machen 2018 im Kanton Zürich rund einen Sechstel aller Lehrvertragsabschlüsse aus. Gleich danach folgen in der Rangliste der meistgewählten Berufe die Fachperson Betreuung und die Fachperson Gesundheit, die zusammen fast gleich oft gewählt wurden die der Klassiker KV-Lehre.

«Die Gesundheitsberufe sind absolute Boomberufe», sagt Schatzmann. So führe die ungebrochen wachsende Nachfrage nach Kindertagesstätten dazu, dass die Fachperson Betreuung nach der kaufmännischen Lehre die zweitmeistgewählte Lehre ist.
Am anspruchsvollsten sei die Besetzung aller offenen Lehrstellen bei den körperlich anstrengenden Berufen, etwa auf dem Bau und im Gastgewerbe, wo unregelmässige Arbeitszeiten erschwerend hinzukommen. «Die Jugendlichen haben Respekt vor diesen Anstrengungen», sagt Schatzmann. Dies sei aber nichts Neues. Bei Berufen wie Coiffeur, Elektroinstallateur und Koch gibt es aktuell noch mit am meisten offene Lehrstellen.

Viele offene Lehrstellen sind derzeit auch im Detailhandel und im kaufmännischen Bereich zu finden. Dennoch tritt Berufsbildungsamtschef Schatzmann der These entgegen, dass im Zuge der Digitalisierung diese Berufe auf dem absteigenden Ast seien: «Die Berufe werden sich verändern, aber nicht verschwinden», sagt er. «KV und Detailhandel sind nach wie vor Erfolgsberufe.» Dementsprechend halten sie sich weit vorne sowohl in der Rangliste der meistgewählten Berufe (siehe Grafik) als auch in jener der Berufe mit den meisten offenen Lehrstellen.