Am deutschen Seminar hat Heiko Hausendorf bereits eine Sammlung von über 6000 Karten zusammengetragen. Sein Interesse gilt besonders den "kleinen Texten", die quasi Randerscheinungen sind - und Postkarten liefern hierfür reichlich Stoff.

"Ansichtskarten sind ein Eldorado, wenn man nach Variationen des immer Gleichen sucht", erklärt Hausendorf in einem Podcast des Zürcher Kompetenzzentrums Linguistik der UZH und der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. "Mich interessiert die vermeintliche Wiederkehr des Gleichen - mit einer Unzahl von Variationen."

Dies betrifft sowohl die Elemente der Postkarten - meist werden Wetter, Essen, Urlaubsaktivitäten und -erlebnisse und Landestypisches erwähnt - als auch deren Sprache. Hartnäckig halten sich die ewig gleichen Floskeln: "Das Essen ist prima", "das Wasser ist warm", "herzliche Grüsse aus".

Die Karten geben ihren Zweck preis, ohne dass der Sprachwissenschaftler dazu den Schreiber befragen müsste. Auffallend sei die Allgegenwart des Grüssens: "Die Karte ist ein Beleg dafür, dass man an den anderen gedacht hat", erklärt Hausendorf. Man ist sich nahe, auch aus der Ferne. Denn eine Postkarte ist in der Regel ein Feriengruss.

"Ansonsten radeln wir viel"

Somit sind Ansichtskarten ein Teil der touristischen Kultur. Die frühesten Postkarten hätten gar kein Mitteilungsfeld gehabt, sondern der Gruss wurde meist auf die Bildseite geschrieben, erklärt der Linguist. Der Schreiber gab sich mit der Karte als Tourist zu erkennen.

Demonstration von Urlaub, nennt das der Sprachforscher. Man zeige damit seinen Status - das, was man sich leisten kann. "Als der Tourismus zur Alltagserfahrung wurde, gehörte es für viele Menschen dazu, zu demonstrieren, dass man sich das erlauben kann." Man tue kund, dass es einem gut geht und man Dinge tut, für die man sonst keine Zeit hat. Formulierungen wie "Ansonsten radeln wir viel" spiegelten das wider.

Der Sonnenbrand

Derzeit plant Hausendorfs Team eine Analyse, wie sich die Geschichte des Tourismus in den Feriengrüssen widerspiegelt. Ein Beispiel: Auf Karten der 1960er- und 70er-Jahre war der Sonnenbrand allgegenwärtig. Dann verschwand er. Die Annahme liege nicht fern, dass dafür der Gesundheitsdiskurs um den Sonnenbrand verantwortlich war, meint Hausendorf. Zuvor habe er als Beleg dafür gegolten, dass man Zeit hat, sich in die Sonne zu legen.

Auch der Wandel der Destinationen zeigt sich in den Karten - und natürlich in den letzten Jahren die neue Konkurrenz durch SMS und E-Mails. So schrieb ein Urlauber: "Endlich wieder einmal eine gute, altmodische Ansichtskarte."

Die Bildseite ist, was die Botschaft betrifft, mindestens so wichtig wie die Textseite, meint der Sprachforscher. Wer eine Postkarte erhält, heftet sie mit der Bildseite nach oben an die Wand. Das Bild zeigt in den allermeisten Fällen eine Sehenswürdigkeit: Der Stereotyp des Textes wiederholt sich im Stereotyp des Bildes.

Die starke Formelhaftigkeit hat der Ansichtskarte jedoch einen schlechten Ruf beschert - vor allem bei den Lesern, sagt Hausendorf. Deshalb würden heutige Schreiber diese oft ironisch reflektieren. In ihrer Sammlung kämen zigfach Formulierungen vor wie "das kennst du ja schon", "bla, bla, bla" oder auch: "Dies ist keine typische Ansichtskarte".

Dass die Postkarte bald verschwinden wird, glaubt Hausendorf nicht. Anders als die elektronischen Konkurrenten kann man sie anfassen, anderen zeigen, an den Kühlschrank heften und sammeln. Er selbst hat den Spass an ihnen nicht verloren: "Das Ritual passt gut zum Urlaub: Man geht ins Café, die Sonne scheint und man hat Zeit, mal jemandem von Hand zu schreiben."