Frau Kammenou, haben Sie – als Exil-Griechin – am Sonntag abgestimmt?

Izoldi Kammenou*: Nein, leider nicht. Die Griechen im Ausland können ihre Stimme nur bei europäischen Wahlen auf der Botschaft abgeben. Ansonsten muss man nach Griechenland reisen.

Wie viele Ihrer Landsleute, die in der Schweiz leben, haben das getan?

Viele. Genau kann ich es nicht sagen, aber ich schätze, dass von den ungefähr 2000 Griechen, die im Kanton Zürich wohnen, rund 500 extra hingereist sind. Es war ja auch eine wichtige Abstimmung.

Wie interpretieren Sie das überraschend deutliche Resultat?

Die Bevölkerung hat in den letzten Jahren hautnah miterlebt, dass die Austeritätsmassnahmen nicht gefruchtet haben – im Gegenteil: Der Wirtschaftskreislauf wurde abgewürgt. Jetzt noch drastischere Vorgaben umzusetzen, ist nicht mehrheitsfähig. Aber klar, es braucht Reformen – das wissen alle. Zum Beispiel bei der Regulierung des gesetzlichen Rentenalters.

Öffnet der Rücktritt von Finanzminister Varoufakis neue Türen?

Premierminister Alexis Tsipras ist ein schlauer Mann. Er hat gemerkt, dass die Verhandlungstaktik von Varoufakis nicht aufgegangen ist und hat ihn deshalb wohl zum Rücktritt gedrängt. Nun braucht es einen besonneneren, optimistischeren Finanzminister.

Ist das Nein zu den Sparvorgaben auch ein Nein zum Euro?

Keinesfalls. Ich bin mir sicher, dass eine Mehrheit der Bevölkerung den Euro behalten will.

Sie haben Verwandte in ganz Griechenland. Was erzählen sie Ihnen von der aktuellen Lage?

Ich bin in ständigem Kontakt mit meiner Familie. Meinem engsten Umfeld geht es verhältnismässig gut, sie haben etwas Geld gespart und zum Glück auch noch eine Arbeit. Aber natürlich kennen sie Leute mit harten Schicksalen.

Helfen Sie denen von der Schweiz aus?

Es gibt in unserer Gemeinde viele Leute, die Geld nach Griechenland schicken. Zurzeit bezahle ich zum Beispiel von hier aus Rechnungen, die wegen der geschlossenen Banken von meiner Familie nicht beglichen werden können. Es ist schon noch krass, in einigen Fällen finanziert plötzlich die jüngere Generation die ältere. Wir unterstützen aber auch Griechen in der Schweiz. Gerade Studenten sind oftmals auf Überweisungen ihrer Eltern angewiesen, diese treffen wegen der Restriktionen nun aber nicht mehr ein. Der Vorstand der Griechischen Gemeinde Zürich sieht vor, in solchen Situationen mit einem Darlehen auszuhelfen.

Sind Sie froh, in der Schweiz zu leben?

Es schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Einerseits bin ich unglaublich dankbar, hier solch gute Arbeits- und Lebensbedingungen zu haben. Andererseits schäme ich mich fast ein bisschen, dass ich in dieser für Griechenland so schwierigen Zeit nicht vor Ort mithelfen kann.

* Izoldi Kammenou (30) lebt seit 2009 in der Schweiz, arbeitet in einer Ingenieurfirma und amtet als Präsidentin der Griechischen Gemeinde Zürich mit rund 500 Mitgliedern.