Kunst am Bau
Videoinstallation an der Bahnhofstrasse: Wie Läden Könige und Päpste ablösten

Der Brite Julian Opie setzt mit seiner Videoinstallation die Bahnhofstrasse neu in Szene. Auf 50 Quadratmeter überträgt er die flanierenden Passanten der belebten Einkaufsstrasse in den digitalen Raum.

Sophie Rüesch
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Ein Blickfang: Die 50 Quadratmeter grosse Videoinstallation am neuen PKZ women Modehaus in der Zürcher Bahnhofstrasse ist kaum zu übersehen.
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Die neue Videoinstallation an der Zürcher Bahnhofstrasse von Julian Opie
Kreiert wurde die LED-Installation vom britischen Videokünstler Julian Opie.
Selbstporträt des Videokünstlers Julian Opie.

Ein Blickfang: Die 50 Quadratmeter grosse Videoinstallation am neuen PKZ women Modehaus in der Zürcher Bahnhofstrasse ist kaum zu übersehen.

zvg

Es sind immer dieselben sechs Figuren, die überlebensgross an der Fassade des neuen PKZ-Women-Flaggschiffs an der Bahnhofstrasse vorüberziehen. Im schwarzen Hintergrund, vor dem die Strichmännchen und -fräuleins in zufallsgenerierter Variation flanieren, spiegeln sich die realen Passanten wider; einige von ihnen bleiben stehen, das Spiel der Tausenden von LED-Lämpchen, die den Figuren auf 50 Quadratmetern Leben einhauchen, hat eine wundersame Anziehungskraft auf sie.

Sie werden noch manche Meile unter ihre animierten Füsse nehmen, die piktogrammartigen Sujets des bekannten britischen Künstlers Julian Opie. Denn geht es nach ihrem Schöpfer, sollen sie «für immer» über die Fassade des heute eröffnenden Warenhauses flimmern. Zehn Jahre beträgt die Lebensdauer jedes einzelnen LED-Lämpchens; weil aber nie alle gleichzeitig leuchten, dürften sie noch viel länger hinreichen. «Und wenn eine Birne kaputt ist, wechseln wir sie aus», sagte Opie gestern bei der Präsentation des Werks.

Alles im Fluss

Die Figuren, die nun jeweils von 6 bis 24 Uhr über zwei Stockwerke der PKZ-Fassade streichen, sollen trotz ihrer Bewegtheit entschleunigend auf die Hektik der Bahnhofstrasse wirken. «Die Animation gibt den konstanten Fluss der Passanten auf eine ruhige Art und Weise wieder», so der Künstler. Für ihn ist die Installation «die grösste, die ich je gemacht habe». Es ist jedoch nicht seine erste in Zürich: Bereits 2007 realisierte er ein temporäres Projekt am Paradeplatz.

Auch die Welt der öffentlich-kommerziellen Auftragsarbeiten ist für Opie, der 1958 in London geboren wurde und bis heute dort wohnt, keine neue. Seine Arbeiten prangen oder prangten besonders in England schon an verschiedenen Orten im öffentlichen Raum, so etwa am Flughafen Heathrow, am Londoner Sadler’s Wells Theatre oder am Warenhaus Selfridges in Manchester. Auch sein wohl bekanntestes Werk, die ikonischen Porträts der Mitglieder der englischen Band Blur, war nicht fürs Museum gemacht: Als Coverbild des Best-of-Albums der Band wurde es in der ganzen Welt verkauft.

Dass Opie keine Berührungsängste mit der Verwischung vom Kunst und Kommerz hat, dürfte mindestens teilweise auch aus der Not heraus entstanden sein. Nach seinem Abschluss an der renommierten Goldsmiths-Universität wurde er Anfang der 1980er-Jahre direkt in das kunstfeindliche Klima der Thatcher-Ära entlassen. Das war, bevor Künstler wie Damien Hirst oder Tracey Enim die neue goldene Ära der britischen Kunst einläuteten. Sich zu schade für kommerzielle Auftragsarbeiten zu sein, konnte man sich nicht leisten.

Überhaupt sei die Beziehung zwischen Kunst und Kommerz immer schon eine symbiotische gewesen. «Früher waren es Könige und Päpste, die ihre Kirchen und Paläste von Künstlern schmücken liessen», sagt Opie. «Irgendwie hat es sich ergeben, dass heute die Warenhäuser die neuen Mäzene sind.»

Reduktion auf klare Linien

In Zürich hiess der Mäzen Olivier Burger, Inhaber und CEO der PKZ-Gruppe. Es ist ihm, der aus seiner Verehrung für den 55-jährigen Briten keinen Hehl macht, zu verdanken, dass Opies Kunst am Bau fortan das Gesicht der Zürcher Shoppingmeile prägt. Die Bildsprache von Opies Werk, die sich durch eine Reduktion auf wenige, klare Linien auszeichnet, könnte auch nicht besser zum Strategiewechsel der Gruppe passen: Von den bisherigen Marken PKZ, Paul Kehl, Feldpausch, Blue Dog, Burger und The Look bleiben ab sofort nur noch PKZ und Paul Kehl übrig.

Wie viel der insgesamt 12 Millionen Franken des Umbaubudgets in Opies Tasche flossen, will Burger nicht verraten. Umso feuriger erzählt er, wie entschieden er auf die Installation insistierte – obwohl auch in den eigenen Reihen Skepsis geäussert wurde ob der Pläne, solch eine prominente Auslagefläche für Kunst freizuräumen. «Zürich ist eine moderne Stadt, und ich wollte ihr etwas bieten, das sie so noch nicht gesehen hat», sagt Burger. Doch nicht nur die Zürcher sollen sich am Werk ergötzen können; Burger ist überzeugt, dass der berühmte Name auch zahlreiche Touristen vor seine Auslagen locken wird.