Auktion
Via Schwarzmarkt an die Liz-Feier der Philosophie-Studenten

Über eine Online-Börse verkaufen findige Studierende ihre Gratis-Besuchertickets an den Meistbietenden. Erlaubt wären maximal drei Begleitpersonen pro Absolvent.

Anna Wepfer
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Heute ist ein grosser Tag für 131 Studierende der Universität Zürich. Viele Semester lang haben sie auf dieses Datum hingearbeitet, haben sich angestrengt und gebüffelt. Heute endlich erhalten sie für ihre Mühen den Lohn: Das Abschlusszeugnis – im konkreten Fall das Lizenziat der Philosophischen Fakultät. Überreicht wird ihnen das begehrte Papier nicht irgendwo, sondern im Grossmünster, dem wohl geschichtsträchtigsten Gebäude der Stadt Zürich. Dort wird der Dekan alle Studierenden einzeln aufrufen und ihnen das Couvert mit ihrem Zeugnis übergeben.

Ein solches Ereignis erfüllt auch Angehörige mit Stolz und so möchten auch Familienmitglieder und Freunde der Uniabgänger in der Kirche Platz nehmen. Möchten. Denn die meisten von ihnen müssen draussen bleiben. Der Platz auf den Bänken im Grossmünster ist so beschränkt, dass jeder Studierende mit maximal drei Begleitpersonen aufkreuzen darf. Um sicherzustellen, dass sich alle an die Regel halten, verschickt die Fakultät wenige Tage im Voraus die abgezählten Eintrittskarten.

«Mach mir ein Angebot»

Das stellt Lizenziatin Dorothea Hägeli (Name geändert) vor Probleme. Die frischgebackene Psychologin hat nebst Eltern und Freund auch noch Geschwister, die heute gerne an die Feier kommen würden. «Die Tickets von der Uni sind zu wenig», klagt sie. Ganz alle Hoffnung ist deswegen aber noch nicht verloren. Denn auf der Studentenplattform «Uniboard» im Internet haben findige Studierende eine Börse eingerichtet, wo mit Tickets für Bachelor-, Master- und Liz-Feiern gehandelt wird. Kann jemand nicht an die eigene Feier gehen oder hat aus anderen Gründen überzählige Eintritte, so bietet er sie auf dem Forum an. Abnehmer finden sich problemlos.

Das Forum wurde bereits vor sieben Jahren von Wirtschaftsstudenten lanciert. Damals war es noch eine harmlose Tauschbörse. Inzwischen hat sich die Sache aber zu einem regelrechten Schwarzmarkt ausgewachsen.

Tarife wie für Rockkonzerte

Wechseln Tickets den Besitzer, so geschieht das in der Regel gegen Bares. Um ihre Chancen zu erhöhen, sind nämlich viele Studierende bereit, tief in die Tasche zu greifen. So auch jener Student, der kürzlich für eine Bachelorfeier im Studiengang Banking and Finance drei zusätzliche Eintrittskarten suchte. Er schrieb: «Meine Familie reist extra aus dem Ausland an für den Anlass und ich wäre sehr froh, wenn sie alle dabei wären.

Ich bin auch bereit, dafür zu zahlen.» Gemäss den Einträgen auf dem Forum werden sich Käufer und Anbieter meist bei einem Preis zwischen 30 und 50 Franken pro Ticket einig. Viele Anbieter verlangen allerdings keinen konkreten Betrag. «Mach mir ein Angebot», heisst es oft, während die besonders Geschäftstüchtigen schreiben: «Der Meistbietende gewinnt.» Die paar wenigen, die sich nur mit einem Händedruck, einem Bier oder Schokolade für ein Ticket erkenntlich zeigen wollen, haben da die schlechteren Karten. Besser sieht es aus für Dorothea Hägeli. Sie würde für ein Ticket bis zu 50 Franken hinblättern.

Das höchste Angebot, das auf dem Forum bislang gemacht wurde, liegt bei 70 Franken. Geboten wurde der Betrag für den Eintritt zu einer Ius-Masterfeier. Die eigentlich kostenlosen Karten werden also zum Tarif von Grosskonzerten weitervertickert. Zum Vergleich: Die Rock-Urgesteine Status Quo spielen demnächst im Hallenstadion für 60 Franken. Und ein Stephan-
Eicher-Konzert im Kaufleuten gibt es für 65 Franken.

Das Phänomen ist allerdings nicht in allen Studienrichtungen der Universität Zürich verbreitet, wie Sprecherin Sylvia Läng sagt. Denn die Abschlussfeiern werden von den Fakultäten autonom organisiert, wobei sowohl die Anzahl der Absolventen pro Feier als auch der Veranstaltungsort variieren. So ehrt etwa die mathematisch-naturwissenschaftliche Fakultät (MNF) pro Feier nur rund 100 Studierende. Und da die Feier in einem grossen Hörsaal auf dem Irchel-Campus stattfindet, sind pro Studentin bis zu fünf Angehörige erlaubt – auf Anfrage meist sogar sechs. Zudem müssen die Gäste online registriert werden. Karten, die sich weiterverkaufen liessen, gibt es gar nicht. Dies wird auch an der VetSuisse-Fakultät so gehandhabt, wo die angehenden Tierärzte je vier Personen mitnehmen dürfen.

Dorothea Hägeli glaubt nicht mehr recht daran, dass sich bis heute Abend noch jemand auf ihren Aufruf im Internet meldet. «Es suchen zu viele Leute zusätzliche Tickets», sagt sie. Für sie heisst das, dass sie auf einen Teil der gewünschten Begleitung verzichten muss: Ihr Freund darf heute Abend «traurigerweise» nicht mit ins Grossmünster.