Seuzach

Veterinäramt will «Butzi» just zu Weihnachten einschläfern – Besitzer wehren sich

Nadine Schranzhofer kämpft mir ihrem Partner gegen die Einschläferung der Olde English Bulldogge.

Nadine Schranzhofer kämpft mir ihrem Partner gegen die Einschläferung der Olde English Bulldogge.

Das kantonale Veterinäramt hat es auf einen Olde English Bulldog abgesehen. Kurz vor Weihnachten soll «Butzi» eingeschläfert werden. Seine Besitzer Nadine Schranzhofer und Daniel Hollenstein kämpfen dagegen an.

Eigentlich heisst er Tyson. Doch weil er nicht wie der gleichnamige Boxer Ohren abbeisst, sondern wie die Rasse eben sehr sensibel, anhänglich und zu Menschen grundsätzlich freundlich ist, nennen ihn die Besitzer, Nadine Schranzhofer und Daniel Hollenstein «Butzi» – trotz seiner über 50 Kilogramm Gewicht. Die Olde English Bulldogs beschützen gerne ihre Menschen, sind aber ebenso bekannt für Kinder- oder sogar Katzenliebe.

Tyson stiess vor fünf Jahren zu seinen Menschen, die ihn von Beginn weg in ihr Herz schlossen. Vielleicht fast zu sehr, denn ihm Grenzen aufzeigen oder Regeln durchsetzen, das fiel Frauchen und Herrchen manchmal schwer, geben sie heute zu. Doch «Butzi» führte ein sehr schönes und unbeschwertes Leben.

Wie es bei Hunden eben vorkommen kann, mögen nicht alle jeden andern. Da gab es vor fünf Jahren zwei kleine Vorfälle mit aufdringlichen Artgenossen, jedoch ohne Beisswunden. Ausser dass «Butzi» aus dem Spiel heraus Frauchen Mal versehentlich in die Oberlippe gebissen hatte – was beim Kantonalen Veterinäramt streng rechtlich registriert wurde –, gab es nichts, was auf eine Gefahr hingedeutet hätte, die von diesem Hund ausgehen könnte.

Im Herbst 2016 allerdings rannte «Butzi» an einem bellenden Mischling vorbei, dessen Besitzerin hinfiel und sich dabei eine kleine Schürfwunde zuzog. Das war dann zuviel für das Zürcher Veterinäramt. Im selben November flatterte eine Verfügung ins Haus, worin die Besitzer angehalten wurden, «Butzi» nur noch gesichert zu halten. Was so viel heisst, wie ohne Einzäunung dürfte er nicht ungesichert gehalten werden. Zudem sind noch «konkret vorzunehmende Verhaltensänderungen» verfügt worden. Die Besitzerin machte Einsprache. Vergeblich, denn im Mai 2017 kam die definitive Verfügung.

Aussagen sind unterschiedlich

Alles schien nun gut zu werden. Ende Juli geriet dann Daniel Hollenstein in eine Zollkontrolle. Als er den Hund wegen der Hitze aus dem Auto nahm und ein Grenzwächter unbedacht herantrat, ging Tyson bellend in die Leine. Was für einen vierbeinigen Wächter normal ist, wurde ihm dann später zur Last gelegt. Denn am 6. August dieses Jahres änderte sich für «Butzi» und seine Besitzer schlagartig alles.

«Butzi» sei selbstständig in die Wohnung des Mieters obenan eingedrungen, heisst es im Protokoll des Veterinäramtes, und habe sich aufs Sofa neben eine Person gesetzt. Als sich eine zweite zu ihm hingesetzt habe, sei es plötzlich zum Beissvorfall gekommen. «Butzi» habe die Frau in Kopf sowie Hals gebissen und so verletzt, dass die offene Wunde mit zahlreichen Klammern behandelt werden musste. So schilderten es die Besucher, die an diesem 6. August in der Wohnung eine Party feierten, darunter auch die verletzte Frau.

Es dauerte einige Tage, bis Nadine Schranzhofer rechtliches Gehör gewährt wurde. Doch der geschilderte Tathergang war bereits beim Veterinäramt, das sogleich mit der Euthanasie gedroht hatte. Machtlos musste Schranzhofer am 17. August zusehen, wie ihr über alles geliebte «Butzi» beschlagnahmt wurde. Dabei feierte man am 6. August in der betreffenden Wohnung eine Party, bei der Alkohol getrunken und gekifft worden sei, wie der Hauseigentümer bemerkt hat.

Und «Butzi» war nicht freiwillig in die Wohnung gelangt, sondern er war im Wagen angebunden und wurde ohne das Wissen und die Erlaubnis der Besitzer mitgenommen. «Er ist früher öfters bei diesen Mietern gewesen, doch aufgrund der Verfügung haben wir gesagt, dass das nicht mehr gehe», sagt Schranzhofer. Von einem anderen Gast weiss sie, dass es am besagten Tag «Butzi» überhaupt nicht wohl gewesen sei in der Wohnung. Er sei von allen gestreichelt worden und als sich dann eine dritte Person auf das Dreiersofa und blöderweise auf seine Pfote setzte, habe der Hund laut aufgejault.

«Butzi» wird abgeholt

Dass es zum Beissvorfall gekommen ist, weil der Hund keine Fluchtmöglichkeit mehr und darum in Bedrängnis und Not gehandelt hatte, ist für den Verhaltensspezialisten, den das Paar beigezogen hat, sonnenklar. Nicht aber für das Veterinäramt.

Seither steckt «Butzi» irgendwo alleine in einem Tierheim-Zwinger. «Es ist ein schrecklicher und schier unerträglicher Zustand, weil wir nicht wissen wo er ist, ihn auch nicht besuchen dürfen und er uns genauso stark vermisst, wie wir ihn», erklären Hollenstein und Schranzhofer. Er sollte sich die Ohren wegen einer Allergie regelmässig pflegen lassen, was für das Tier unangenehm sei, sodass es dies nur durch seine Besitzer über sich ergehen lasse. Auch werde «Butzi» kaum spazieren geführt, weil dies bei solchen Beschlagnahmungen nie der Fall sei, weiss der Verhaltensspezialist.

Die Besitzerin kämpft seither zusammen mit ihrem Lebenspartner und ihrem Anwalt Matthias Fricker um «Butzi». Anfang November stellte Fricker den Antrag, dass «Butzi» unter Maulkorbpflicht für draussen, den Sicherheitsvorkehrungen auf dem Grundstück – die nun ausgeführt sind – und unter Verhaltensschulung von Hund und Besitzer bei einer Fachperson wieder zurückgegeben werden soll. Die Quittung folgte zehn Tage später: «Definitive Beschlagnahmung und Euthanasie des Hundes Tyson», heisst es, mit Beschwerdefrist bis 22. Dezember. Anders gesagt: Das Veterinäramt möchte «Butzi» just zu Weihnachten einschläfern lassen.

Traurige Weihnachten

Für die Besitzer, Matthias Fricker und den Verhaltensspezialisten ist das Verdikt völlig unverhältnismässig. Das wird durch ein Gutachten unterstrichen, das eine Hundefachfrau von «Butzi» aufnehmen musste. Für die Befragung der Besitzerin verfügte das Veterinäramt gar Polizeischutz für die Fachfrau. In der Verfügung hat das Veterinäramt nur die negativen Punkte für die Begründung benutzt, stellte der Verhaltensspezialist fest.

Kantonstierärztin Regula Vogel wollte sich zu all den Unzulänglichkeiten nicht äussern. «Wir nehmen zu einem laufenden Verwaltungsverfahren nicht Stellung», lautet ihre Antwort. Nur auf die Frage, was denn aus Sicht des Veterinäramtes öffentlicher Raum sei, gab es eine Antwort: «… auch private, ohne weiteres zugängliche Areale wie der nicht abgegrenzte Garten, das Treppenhaus in einem Mehrfamilienhaus …». Ein Augenschein bei den Besitzern von «Butzi» zeigt ein anderes Bild: Nur wer von den vier Parteien im betreffenden Haus einen Schlüssel hat, gelangt in den Garten oder ins Treppenhaus.

Für die Besitzerin und ihren Partner gibt es keine fröhliche Weihnachten dieses Jahr. Zwar läuft noch ein weiterer Rekurs, mit dem sie um das Leben von «Butzi» kämpfen. Dabei würden sie sich auch mit einer Fremdplatzierung einverstanden erklären. Am 22. Dezember wird der Bescheid erwartet. Sie rechnen mit dem Schlimmsten: «Die Sachbearbeiterin des Veterinäramtes und ein Polizist, der ihr falsche Informationen gibt, haben sich auf diese Rasse und uns eingeschossen, da wird es schwierig», sind Schranzhofer und Hollenstein überzeugt. Ans Aufgeben denken die beiden jedoch nicht: «Wir kämpfen solange, bis uns Gerechtigkeit widerfährt.»

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