Zürich

Verteidiger fordern Freispruch für den Galeristensohn: Obergericht vertagt Entscheid

Im Gerichtssaal bat der Beschuldigte die Angehörigen des Getöteten um Verzeihung.

Im Gerichtssaal bat der Beschuldigte die Angehörigen des Getöteten um Verzeihung.

Die Verteidiger des 34-Jährigen, der einen guten Freund getötet hat, fordern einen Freispruch wegen Schuldunfähigkeit.

Der 34-Jährige, der Ende Dezember 2014 im Drogenrausch einen guten Freund getötet hat, soll nach dem Willen des Staatsanwalts mit 16 Jahren Freiheitsentzug bestraft werden. Die Verteidigung plädierte dagegen auf Freispruch aufgrund vollständiger Schuldunfähigkeit.

Die Verteidiger des Deutschen beantragten gestern vor dem Zürcher Obergericht zudem, es sollten zwei zusätzliche Zeugen einvernommen werden. Am kommenden Mittwochnachmittag wird das Gericht einen Entscheid bekannt geben. Ob dies die Anträge betrifft oder bereits das Urteil ist, konnte der Vorsitzende Richter nicht sagen.

In der Nacht vom 29. auf den 30. Dezember 2014 hatte der Beschuldigte in der elterlichen Villa in Küsnacht an der Zürcher Goldküste mit seinem Freund Kokain und Ketamin konsumiert. Die beiden gerieten dann in Streit.

Der heute 34-Jährige schlug dem Freund den Schädel ein, rammte ihm eine Kerze in den Rachen und erwürgte ihn. Nach der Tat rief er selbst die Polizei. Im Gerichtssaal bat der Beschuldigte die Angehörigen des Getöteten, die in einem anderen Saal die Verhandlung per Video-Übertragung verfolgten, um Verzeihung. Er bereue zutiefst, was er getan habe.

Erstinstanzlich zu 12½ Jahren verurteilt

Zwei Monate zuvor soll er in einem Hotelzimmer in London seine Verlobte vergewaltigt und mehrfach sexuell genötigt haben. Während der Beschuldigte die Tötung eingestanden hat, distanzierte er sich gestern entschieden von den Vorwürfen der Frau.

Das Bezirksgericht Meilen hatte den Sohn eines wohlhabenden Galeristen im Juni 2017 wegen vorsätzlicher Tötung, Vergewaltigung, mehrfacher sexueller Nötigung und mehrerer Verkehrsdelikte zu einer Freiheitsstrafe von 12,5 Jahren verurteilt. Das Gericht hielt dem Beschuldigten verminderte Schuldfähigkeit zugute.

Es ordnete eine strafvollzugsbegleitende Therapie an, die der Beschuldigte bereits angefangen hat. Seit seiner Inhaftierung habe er keine Drogen mehr konsumiert, sagte der Beschuldigte, der sich vor der Tat im internationalen Jetset bewegte. Heute nehme er auch keinerlei Medikamente mehr. Er wäre motiviert für eine stationäre Massnahme, erklärte er. Die beiden Verteidiger plädierten auf Freispruch ihres Mandanten und sofortige Haftentlassung. Zur Tatzeit habe er sich nach ausgiebigem Konsum von ­Kokain und dem Medikament Ketamin in einem psychotischen Rausch befunden. Für das Tötungsdelikt könne er deshalb nicht zur Rechenschaft gezogen werden.

Sein Zustand sei nicht selbst verschuldet gewesen

Der seit Jahren Drogensüchtige habe nicht einfach auf den Konsum illegaler Substanzen verzichten können. Sein Zustand sei deshalb nicht selbst verschuldet gewesen. Bezüglich der Sexualdelikte zielte die Verteidigung darauf ab, die Frau als unglaubwürdig darzustellen. Ihr «Drang zu massiver Übertreibung» sei «aktenkundig». «Ungereimtheiten und Widersprüche» in ihren Aussagen schürten Zweifel an der Schuld des 34-Jährigen. Dieser sei deshalb auch in diesen Punkten freizusprechen. Für die Nebendelikte sei eine bedingte Geldstrafe angemessen.

Staatsanwalt spricht von «Aussage-Zickzack»

Demgegenüber forderte der Staatsanwalt Schuldsprüche und eine Freiheitsstrafe von 16 Jahren. Er räumte ein, dass es in den Aussagen der Frau einige Ungereimtheiten gebe. Vor allem aber habe die Verteidigung mit «Unterstellungen und Behauptungen» operiert. Insgesamt habe die erste Instanz zu Recht die Aussagen der Frau als stimmig und glaubhaft beurteilt. In Bezug auf das Tötungsdelikt sei angesichts des «Aussage-Zickzack» des Beschuldigten in der Untersuchung nicht ausgeschlossen, dass dieser seine «Wahnvorstellungen» als «taktische Schutzbehauptung» vorgeschoben habe.

Er habe schon früher Halluzinationen gehabt und habe «locker auf diese Erfahrungen zurückgreifen» können. Er habe denn auch genau gewusst, wie verheerend sich sein Drogen- und Medikamentenkonsum auswirken könne. Er war deswegen schon früher in psychiatrischer Behandlung. Laut Staatsanwalt verweigerte er aber bislang jede Therapie. (sda)

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