«Als Bub konnte ich in der Sihl noch überall Edelkrebse finden», sagt Krebsexperte Rolf Schatz von der Interessengemeinschaft «Dä neu Fischer». Heute seien die einheimischen Krebsarten Edelkrebs und Steinkrebs nur noch in wenigen Gewässern anzutreffen. Aus grösseren Gewässern wie Limmat, Rhein, Zürich- und Greifensee verschwanden sie in den letzten Jahrzehnten. Und auch in den kleineren Gewässern droht ihnen laut Schatz das gleiche Schicksal, wenn nicht schnell Massnahmen dagegen ergriffen werden.

Schatz muss es wissen.

Mit der IG «Dä neu Fischer» untersuchte er in den letzten Jahren systematisch die Krebsbestände im Kanton Zürich. Gewässer für Gewässer gingen sie zusammen mit freiwilligen Helfern durch. Das Resultat überrascht nicht, nachdem das Bundesamt für Umwelt schon 2011 eine starke Gefährdung drei einheimischen Krebsarten festgestellt hatte: «Es steht miserabel um die einheimischen Krebse», sagt Schatz in Bezug auf die Zürcher Gewässer. Gute Bestände gebe es nur noch ausserhalb der Agglomerationen und dort, wo keine intensive Landwirtschaft betrieben werde. Als Beispiel nennt er die Region Horgenberg/Schönenberg/Hütten.

Im Limmattal, wo die IG letztes Jahr die Gewässer durchkämmte, sei die Situation besonders dramatisch. Gute Bestände gebe es nur noch im Weininger Weiher und in einem Reppischzufluss bei Birmensdorf.

Drei Faktoren sind für den Rückgang der Krebsbestände massgeblich, wie Andreas Hertig, Fischereiadjunkt des Kantons Zürich, auf Anfrage sagt: Gewässerverschmutzungen, das Verbauen von Gewässern in der Vergangenheit und die zunehmende Verbreitung ursprünglich amerikanischer Krebsarten. Diese sind gegen die tödliche Pilzkrankheit Krebspest resistent – und übertragen sie auf die einheimischen Krebse, die daran zugrunde gehen. Gemäss Hertig trägt dies wohl am meisten zum Rückgang der einheimischen Krebse bei.

Vergangenen Montag überwies der Zürcher Kantonsrat ein dringliches Postulat zur Rettung der einheimischen Krebsarten an den Regierungsrat. Er forderte die Regierung damit auf, einen Aktionsplan zu erarbeiten und baldmöglichst umzusetzen. Ein Jahr lang hat der Regierungsrat dafür nun Zeit.

Laut Hertig rennt der Kantonsrat mit dem Postulat beim Kanton offene Türen ein: «Schon heute wird bei Wasserbaumassnahmen darauf geachtet, die Lebensräume der Krebse zu schützen und zu fördern.» Der vom Bund 2011 lancierte Aktionsplan Flusskrebse Schweiz komme allmählich ins Rollen. Der Regierungsrat wollte das kantonsrätliche Postulat ohnehin berücksichtigen, jedoch ohne allzu grosse Eile.

Noch sei die Datenlage ungenügend, erklärt Hertig. Um einen Überblick zu den Krebsbeständen zu erhalten, stütze sich der Kanton auf die eigenen Krebsverbreitungsdaten sowie auf die zusätzlichen kantonsweiten Erhebungen der
IG «Dä neu Fischer», die dieses Jahr mit Untersuchungen in den Bezirken Pfäffikon, Hinwil und Winterthur zum Abschluss kommen. «Sobald wir einen besseren Überblick haben, schauen wir, wie wir die einheimischen Krebse noch gezielter fördern und die amerikanischen in Schach halten können», so Hertig. Und bereits parallel zu den letzten Datenerhebungen werde ein Konzept zum Krebs-Management erarbeitet.

Für Krebsexperte Schatz ist das Vorgehen des Kantons zu zaghaft. Er fordert, dass schon heute in Bächen, wo noch einheimische Krebse leben, Krebssperren errichtet werden, um den Vormarsch der amerikanischen Krebse zu stoppen. Ausserdem müssten die amerikanischen Krebse gezielt abgefischt werden. Eine andere Massnahme setzt er am 13. Mai in Zusammenarbeit mit der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Wädenswil um: Erstmals bietet nämlich die IG Dä Neu Fischer in der ZHAW ein Weiterbildungsseminar für Mitarbeitende der Werkhöfe der Zürcher Gemeinden an. «Diese erledigen ja den Gewässerunterhalt und können damit viel zum Schutz der einheimischen Krebsarten beitragen», erklärt Schatz.

Oft werde beispielsweise bei Leitungsspülungen Wasser verwendet, das aus irgend einem Gewässer abgepumpt wurde. Dieses fliesse dann ungeklärt in ein anderes Gewässer. Damit könne der Krebspesterreger übertragen werden und ein Krebssterben auslösen – aus purer Unwissenheit.

Auch kulinarisch wirkt sich der Rückgang der einheimischen Krebse aus: «Noch in den Sechzigerjahren waren Bachkrebse ein beliebtes Sonntagsessen», erinnert sich Robert Brunner, Kantonsrat der Grünen aus Steinmaur. «Innert einer Stunde sammelten wir als Kinder fünf bis sechs Edelkrebse.»

Heute finde er am gleichen Bach in zwei Stunden keinen einzigen mehr. Essbar wären zwar auch die vermehrt vorkommenden amerikanischen Krebse, wie Fischerei Adjunkt Hertig auf Anfrage sagt. Doch unter dem Blickwinkel des Artenschutzes wäre das Aussterben der einheimischen Krebse ein grosser Verlust.