Toni-Areal
Verschmierte Wände: ZHdK-Studenten treibens bunt – aus Protest

An der Hochschule der Künste haben Vandalen kurz vor der Diplomausstellung ganze Gänge verschmiert: Es ist der Höhepunkt eines langwierigen Konflikts.

Florian Niedermann
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Im siebten Stock der ZHdK verschmierten Vandalen Wände, Böden und Türen.
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Die Vandalen protestieren gegen die Schulleitung.
Im siebten Stock der ZHdK verschmierten Vandalen Wände, Böden und Türen.
Im siebten Stock der ZHdK verschmierten Vandalen Wände, Böden und Türen.
Im siebten Stock der ZHdK verschmierten Vandalen Wände, Böden und Türen.
Sprayereien in ZHdK
Im siebten Stock der ZHdK verschmierten Vandalen Wände, Böden und Türen.
Im siebten Stock der ZHdK verschmierten Vandalen Wände, Böden und Türen.
Im siebten Stock der ZHdK verschmierten Vandalen Wände, Böden und Türen.

Im siebten Stock der ZHdK verschmierten Vandalen Wände, Böden und Türen.

Florian Niedermann

Nicht nur die Wände sind versprayt, selbst Böden, Türen und Scheiben im siebten Stock der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) sind vergangenes Wochenende von einigen Studierenden mit einer Schicht Lack versehen worden. Die Aktion ist aber nicht etwa eine Arbeit im Rahmen des Studiums, sondern ein Protestakt der Kunststudenten.

Diverse Graffiti seien schon in den vergangenen Wochen in verschiedenen Bereichen des 2014 bezogenen Neubaus angebracht worden, sagt Heike Pohl, die Pressesprecherin der ZHdK, auf Anfrage. Doch was nun passiert sei, sprenge «das Mass des Akzeptablen». Sie vermutet, die «Farb-Intervention», wie sie die Schmierereien nennt, sei als Reaktion auf die Ankündigung der Schulleitung erfolgt, die Wände im Gebäude im Vorfeld der am Donnerstag beginnenden Diplomausstellung frisch zu streichen. In einer internen Mail hat die Hochschulleitung nun Konsequenzen angekündigt. «Bis zum Ende der Diplomausstellung am 19. Juni und der Einführung neuer Spielregeln dürfen keine weiteren Eingriffe am Gebäude gemacht werden. Wer sich nicht daran hält, muss mit disziplinarischen Massnahmen rechnen», so Pohl. Die Direktion berät noch heute Mittwoch über neue Regeln. Zumindest die öffentlich zugänglichen Korridore werden bis zur Ausstellung frisch gestrichen.

«Endlich den Schritt gewagt»

Offenbar handelt es sich bei der Aktion um einen Protestakt. Unklar ist jedoch derzeit noch, wogegen. Schon seit längerem kritisieren Studenten, das neue Gebäude auf dem Toni-Areal sei steril und ihre Freiheiten würden immer mehr eingeschränkt. «Was das Bespielen der Gebäude-Struktur betrifft, agierten wir im ersten Jahr noch zurückhaltend», erklärt Mediensprecherin Pohl. Dies, weil man nicht gewusst habe, was etwa aus feuerpolizeilicher Sicht überhaupt möglich ist. 2015 habe man nach entsprechenden Abklärungen dann aber eine offenere Haltung an den Tag gelegt und die Studierenden dazu ermutigt, sich das Gebäude «anzueignen».

Clifford E. Bruckmann war als Delegierter des Studierendenrats der ZHdK in einer Arbeitsgruppe aktiv, die mit der Gebäudeverwaltung über diese «Aneignung» verhandelte. Die Gespräche seien sehr konstruktiv verlaufen, sagt er. Als irritierend empfanden viele Studierende jedoch, wie die Schulleitung mit dem daraus hervorgegangenen Reglement umgegangen ist. Sie hat nämlich zwar die meisten Gänge mit Ausnahme des Eingangsbereichs und der Kaskaden auf den einzelnen Stockwerken als Raum für künstlerische Eingriffe definiert. Doch ein entsprechendes Reglement wurde nicht wirklich kommuniziert. «Es war lange nur auf der Seite einer Facebook-Gruppe zu sehen», sagt Bruckmann.

Schliesslich kam es zu einem Eklat, den viele als den wahren Anlass für die Protestaktion vom Wochenende betrachten: Ende Mai kleisterte ein Student an eine gemäss Reglement frei bespielbare Wand seine Bachelor-Arbeit, in der er die Umstrukturierung des Studiengangs «Kunst und Medien» thematisierte. Die Schulleitung will diesen von einem Modell mit vier Vertiefungsbereichen auf neu elf Praxisfelder umstellen, was unter den Studierenden sehr umstritten ist. Nur 24 Stunden nachdem die Wandzeitung angebracht wurde, liess die Schulleitung diese wieder entfernen. Erst dann informierte sie alle Studierenden über die zur «Aneignung» zugelassenen Zonen – die betreffende Wand war gemäss neuem Reglement nicht mehr frei bespielbar.

«Einladung zum Rebellieren»

Diese Politik scheint bei einigen Kreativen nicht auf Akzeptanz zu stossen. Auf Facebook schreibt etwa ein Kommentator, die Direktion einer Kunstschule müsse sich der Debatte über Kunst, Zensur und Gestaltungsfreiheit stellen. «Wenn man kurz vor der Diplomfeier ‹aufräumt›, ist das eine Einladung zum Rebellieren», schliesst er.

Doch die Vandalen wüteten in erster Linie im siebten Stockwerk, wo das Departement «Kunst und Medien» beheimatet ist. Mediensprecherin Pohl betont zwar, dass die Schuldirektion noch nicht wisse, wer hinter dem Vandalenakt stehe. Doch kämpft dieser Studiengang nicht erst seit der sich abzeichnenden Reorganisation mit den Veränderungen an der zusammengelegten ZHdK. Pohl verortet bei diesen Studierenden nämlich auch den Kern jener «Minderheit» an der ZHdK, die mit dem neuen Gebäude nicht zufrieden ist: «Viele von ihnen wären lieber am früheren Ort am Sihlquai und an der Förrlibuckstrasse geblieben.»

Studierendenrat Bruckmann streitet dies nicht ab. Er selbst besuchte einen Teil seines Studiums in den alten Schulhäusern. «Dort war der Umgang mit den vorhandenen Räumen viel entspannter und wurde laufend verhandelt. Im Toni-Areal ist die Nutzung stark eingeschränkt.» Der Studierendenrat masse sich keine Deutungshoheit zum Vorfall vom Wochenende an, so Bruckmann. Doch sei der gegenwärtige Konflikt symptomatisch für die Probleme, die an der ZHdK seit dem Umzug spürbar geworden seien: «Da wurde vielen Departementen etwas übergestülpt, das nicht den Bedürfnissen ihres Studienbetriebs entspricht.» Auch wenn die Hintergründe des Vandalenakts vom Wochenende also nicht ganz geklärt sind. Klar ist, dass an der Zürcher Kunsthochschule einiges im Argen liegt.