Das Positive zuerst: Ab 23.30 Uhr gibt es nur noch halb so viele Flüge wie vor der Verschärfung der Nachtflugsperre 2010. Es sind jährlich knapp 200 statt bis zu 500 oder 0,5 bis 0,6 Flüge pro Nacht – davor waren es 1,1 bis 1,4. Die Mehrheit der Nachtflüge sind das aber nicht, diese finden in der Zeit ab 22 Uhr – wenn am Flughafen statistisch die Nacht beginnt – und 23.30 Uhr statt. Das war in den letzten 20 Jahren immer der Fall. Obwohl die jährlichen Flugbewegungszahlen seit 2003 stabil sind, haben die Nachtflüge in der Zeit von 22 bis 23.30 Uhr stetig zugenommen. Als Grund gelten die Verspätungen, die sich tagsüber aufbauen und in die Nachtstunden auswirken.

Der Flughafen drängt auf eine Erhöhung der Kapazität mit diversen Massnahmen, um das Verspätungsproblem in den Griff zu kriegen. Der Kanton fordert, dass die Zahl der Flüge nach 23 Uhr auf jährlich maximal 1000 reduziert werden sollen, wie das zuletzt 2005 der Fall war. Dieses Jahr waren es von Januar bis Juli aber bereits 1416. Kantons- und Nationalräte fordern ein Eingreifen des Regierungsrats, dessen Volkswirtschaftsdirektorin im Verwaltungsrat des Flughafens sitzt. Deren Medienstelle verweist auf die «Pünktlichkeitsoffensive» mit betrieblichen und planerischen Massnahmen, die 2015 mit Swiss und Flughafen gestartet wurde.

Viele könnten früher starten

Der Schutzverband fordert höhere Lärmabgaben, sodass die Fluggesellschaften die Starts und Landungen nach 22 Uhr auf dem Konto spüren. Dann müssten sie sich überlegen, ob der Touristenflug von Gran Canaria nicht auch schon um 21.45 Uhr statt um 22.55 Uhr landen könnte. Denn ausser den fünf Langstreckenmaschinen der Swiss um 22.45 Uhr sind die Flüge nach 22 Uhr nicht massgebend für das Drehkreuz in Kloten. Viele Maschinen von Edelweiss, Germania oder Air Berlin könnten flugplantechnisch auch früher starten und landen. Nicht alle, weil Flugzeuge teilweise von morgens um 6.20 Uhr bis abends um 22.55 Uhr nur mit den Mindestpausen unterwegs sind. Das ist aber die Minderheit.

Bei solchen wird die Verspätung ja fast bereits in Kauf genommen, vermutet Klotens Stadträtin und Nationalrätin Priska Seiler Graf. Eine von ihr und Stadtratskollegin Regula Kaeser im Kantonsrat eingebrachte Forderung nach einer Verschärfung der Nachtsperre, sodass nur noch bis 23 Uhr geflogen würde, ohne Verspätungsabbau, hatte im Kantonsrat aber wenig Chancen, weil Mitte und Rechts dagegen stimmten. Der Niederglatter SVP-Kantonsrat Stefan Schmid erklärt, dass er das Postulat ablehnte, weil es nicht lösungsorientiert war. Statt neuer Vorschriften «braucht es eine konsequente Umsetzung der aktuell bestehenden Regeln». Schmid erinnert an die Südstarts geradeaus zur Mittagszeit, von 157 Gemeinden, Skyguide und Bazl, aber auch Fluggesellschaften und dem Flughafen gefordert. Diese sollen aber gemäss dem durchgesickerten Vorabbericht nicht im SIL 2 erscheinen, jenem Papier, mit dem der Bund die Vorgaben für den Flughafen macht.

Fixe Kapazitäten in London

Eine offenbar griffige Lösung gefunden hat der grösste Flughafen Europas, London Heathrow. Eine Nachtsperre per se gibt es zwar nicht, aber eine Kapazitätsbeschränkung von 5800 jährlichen Flügen zwischen 23.30 und 6 Uhr. Solche Maximalkapazitäten wären auch in Zürich für die Zeit zwischen 22 und 6 Uhr denkbar. Das könnte Druck von den Randstunden nehmen und eine klar umsetzbare Massnahme für alle Beteiligten bieten.