Winterthur
Verriegelte Moschee: An’Nur-Besucher weichen aus

Zum Freitagsgebet standen einige Gläubige vor der verriegelten Winterthurer Moschee.

Manuel Frick
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Auch gestern blieben die Türen der An’Nur-Moschee geschlossen. Keystone

Auch gestern blieben die Türen der An’Nur-Moschee geschlossen. Keystone

EPA

Die An’Nur-Moschee in Winterthur-Hegi blieb auch am Freitag verschlossen. Am Mittwochmorgen hatte die Kantons- und die Stadtpolizei sowie die Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland eine Razzia bei der Moschee durchgeführt.

Der äthiopische Imam Shaikh Abdurrahman soll während einer Predigt Ende Oktober zum Mord aufgerufen haben. Nach der Razzia hatte die Stadtpolizei alle Schlösser zu den Räumlichkeiten ausgetauscht.

Laut Sprecherin Bianca Liechti sucht sie seither nach einer «vertrauenswürdigen Person», der sie den Schlüssel für die neuen Schlösser aushändigen könnte. Man sei nun in Kontakt mit verschiedenen Personen, sagte Liechti.

Am Freitag um die Mittagszeit finden sich trotz breiter Berichterstattung über die faktische Schliessung der An’Nur-Moschee fünf Personen sowie zwei Kinder ein. Sie sind für das Freitagsgebet gekommen, das als wichtigstes Gebet der Woche gilt und im Normalfall von einer Predigt begleitet wird.

Einer der Besucher sagt, er habe sich die An’Nur-Moschee ausgesucht, weil sie einen Gebetsraum für Frauen hat. «So kann ich mit meiner Familie zum Gebet kommen. Das ist schöner als alleine.»

Gut besuchte Moschee

Zwei der Besucher entscheiden sich, für das Gebet in die nächstgelegene Moschee zu fahren. Diese liegt in Winterthur-Grüze und gehört zum Islamisch-Albanischen Verein. Ihr Dach wird von einem kleinen Minarett gekrönt. Im Eingangsbereich der Moschee reiht sich ein Schuh an den anderen, im Innern ist das Gebet bereits in vollem Gange.

Die Männer stehen in Reihen, verneigen sich vor Allah. Die zwei Muslime, die zuvor in die An’Nur-Moschee wollten, finden kaum noch Platz. Hier gibt es keinen abgetrennten Gebetsraum für Frauen.

Ein separater Raum sei aus Platzgründen nicht möglich, sagt ein Mitglied der Grüze-Moschee auf telefonische Nachfrage. Er selbst sei für das Freitagsgebet in einer anderen Moschee gewesen, da diese gerade näher gelegen war. Er gehe davon aus, dass sich die Besucher der An’Nur nun auf andere Moscheen verteilt haben.

Auf die Frage, ob in der An’Nur-Moschee radikale Muslime verkehrt seien, will er sich nicht äussern. Die Verunsicherung nach der Razzia scheint gross zu sein. Klare Aussagen macht er jedoch über seine eigene Moschee: «Bei uns verkehren sicher keine Radikalen. Falls sie doch kämen, würden wir nicht zulassen, dass sie regelmässige Besucher oder sogar Mitglieder werden.»

Razzia in der An'nur-Moschee: Die Kantonspolizei Zürich durchsuchte im November 2016 zusammen mit der Stadtpolizei Winterthur die An'Nur-Moschee.
17 Bilder
Die Moschee im Winterthurer Stadtteil Hegi geriet zuvor mehrmals wegen mutmasslicher Radikalisierung von Jugendlichen in die Schlagzeilen.
Mehrere Jugendliche waren nach Syrien gereist und hatten sich der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) angeschlossen.
Razzia in An'nur-Moschee in Winterthur (02.11.2016)
Stefan Oberlin, Mediensprecher der Kantonspolizei Zürich, beantwortet Fragen nach der Polizei-Razzia.
Auch Corinne Bouvard, Sprecherin der Oberstaatsanwaltschaft des Kantons Zürich stellte sich den Fragen der Medienschaffenden.

Razzia in der An'nur-Moschee: Die Kantonspolizei Zürich durchsuchte im November 2016 zusammen mit der Stadtpolizei Winterthur die An'Nur-Moschee.

Beat Kälin/newspictures

Von den vier Personen aus dem Umfeld der An’Nur, gegen die ein Strafverfahren wegen Aufforderung zu Verbrechen und Gewalt läuft, sind zwei inzwischen in Untersuchungshaft genommen worden. Darunter ist der äthiopische Imam sowie das heute mutmasslich zuständige Vorstandsmitglied.

Ein anderer Beschuldigter wurde am Donnerstag auf freien Fuss gesetzt, der ehemalige Präsident Atef Sahnoun war bereits am Mittwoch freigelassen worden. Die Staatsanwaltschaft sieht es als erwiesen an, dass er nicht mehr zu den Entscheidungsträgern gehört.

Ex-Präsident bezweifelt Vorwürfe

Dass der Imam seiner Moschee zum Mord aufgerufen haben soll, glaubt Sahnoun nicht. «Ein Imam würde das nicht so ausdrücken, er würde nicht zum Töten aufrufen», sagte er gegenüber dem Online-Medium «Watson».

In den Hadith-Sammlungen, den Überlieferungen der Aussprüche und Handlungen des Propheten, gebe es aber Stellen, die so klingen. Diese könnten missinterpretiert werden, sagt Sahnoun. «Die Polizei brauchte bloss einen Anlass, um eine Razzia durchzuführen, weil sie unter starkem öffentlichem und medialem Druck stand.»

Unter Druck sieht sich auch ein Teil der Muslime, die am Freitag vor der An’Nur-Moschee anzutreffen waren. Von allen Seiten werde gefordert, dass die Verantwortlichen der Moschee Rede und Antwort stehen. Wer jedoch mit den Medien spreche, müsse unabhängig von seinen Äusserungen mit negativen Konsequenzen rechnen. «Du könntest deinen Job verlieren und von der Polizei beobachtet werden», sagt ein junger Muslim.