Bau- und Zonenordnung
«Vernichtung von Wohnraum», statt Verdichtung

Gemeinderäte der FDP und CVP beklagen den künftigen Wegfall eines Wohngeschosses. Das Erdgeschoss liegt zuweilen nur 10 Zentimeter unter dem Boden und wird daher nicht zu den Vollgeschossen gezählt.

Michael Rüegg
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Das Erdgeschoss, das eigentlich ein Untergeschoss ist: Die Stadt will es künftig nicht mehr erlauben.

Das Erdgeschoss, das eigentlich ein Untergeschoss ist: Die Stadt will es künftig nicht mehr erlauben.

Keystone

Wie viele Geschosse hat ein Mehrfamilienhaus in einer Bauzone für zweigeschossige Wohnbauten? Achtung, das ist eine Fangfrage: In der Stadt Zürich lautet die Antwort in der Regel: vier. Denn zum einen wäre da das Dachgeschoss, das allerdings eine geringere Wohnfläche aufweist als die übrigen Etagen. Als Zürcher Besonderheit gilt das Untergeschoss, das in der Regel als Erdgeschoss in Erscheinung tritt. Es liegt zuweilen nur 10 Zentimeter unter dem Boden und wird daher nicht zu den Vollgeschossen gezählt.

Selbst dann nicht, wenn die Wohnungen dieselben Grössen und Grundrisse aufweisen wie in den übrigen Geschossen.

Dieses «Zürcher Untergeschoss» ist dem Amt für Städtebau ein Dorn im Auge. Mit der kürzlich aufgelegten revidierten Bau- und Zonenordnung (BZO) will der Stadtrat der Erstellung solcher tiefer gelegter Erdgeschosse einen Riegel schieben.

Sie sollen zwar nicht verboten werden, doch müssen sie künftig überwiegend unter der Erde liegen, was den Gebrauch als Wohnung ausserhalb von Hanglagen verunmöglicht. Als Argument führt der Stadtrat an, dass daraus wenig attraktive Wohnungen entstünden. Fotos von «schlechten Beispielen» bringt er in seinem Bericht zur BZO-Revision.

Über die Aussichten, faktisch ein Stockwerk zu verlieren, echauffieren sich nicht nur FDP und CVP. Auch Architekten zeigen wenig Verständnis für die Pläne der Stadt. Einer davon ist Alexander Maier. Gestern rechnete er Journalisten auf seiner Baustelle in Zürich Wiedikon vor, was der Verlust des «Zürcher Untergeschosses» bedeuten würde.

«Ich könnte kein einziges Haus mehr so bauen, wie ich es getan habe», sagt Maier. Die Witikoner Wohnung, die Maier als Beispiel nimmt, liegt praktisch ebenerdig, umfasst 100 Quadratmeter Wohnfläche und wird nach der Fertigstellung 2150 Franken pro Monat kosten. Hätte Maier ein Wohngeschoss weniger bauen könne, wäre der Mietpreis teurer.

Im Durchschnitt lägen die Mieten im Gebäude um 600 Franken höher. Statt 22 Wohnungen wären es noch deren 16, bei gleicher Grösse des überbauten Areals. Insgesamt, so schätzt Maier, würden damit rund 7 Millionen Quadratmeter Wohnfläche vernichtet.

Maier, der betont, keiner Partei anzugehören, konnte die städtische FDP und CVP für sein Anliegen gewinnen. Die Parteien werden in einer gemeinsamen Einwendung an den Stadtrat ihre Standpunkte darlegen. Der Erhalt des «Zürcher Untergeschosses» ist eine davon. Für den BZO-Entwurf haben die Parteien keine lobenden Worte übrig: «Die BZO ist kein grosser Wurf», sagt CVP-Präsident und Gemeinderat Markus Hungerbühler.

Und FDP-Ratskollege Michael Baumer spricht gar von einem «Ballenberg» - er befürchtet, dass Zürich zum Freilichtmuseum verkommen wird. «Mit dem Raumplanungsgesetz und der Kulturlandinitiative haben die Stimmbürger klar gesagt: Wir wollen keine Zersiedelung», so Baumer. Entsprechend müsse in einer Grossstadt wie Zürich die Verdichtung möglich sein.

Als problematisch erachten Baumer und Hungerbühler, dass der vorliegende stadträtliche Entwurf bereits zur Anwendung kommt. So würden Baugesuche, heute schon nach den Kriterien der revidierten BZO beurteilt, obwohl diese noch nicht im Parlament behandelt worden sei. Dies betreffe etliche Projekte, die kurz vor der Erteilung der Bewilligung gestanden hätten - und nun nicht gebaut werden könnten.

Stadtrat soll rasch handeln

Kantonsrätin Carmen Walker Späh (FDP), die sich auch beruflich mit Baurecht befasst, will, dass der Stadtrat den entsprechenden Teil der BZO möglichst rasch wieder aussetzt. Auch Alternativen kämen für sie infrage, wie beispielsweise die Streichung von «Zürcher Geschossen» bei gleichzeitiger Aufzonung oder die Anhebung der Gebäudehöhe um ein halbes Geschoss.

Doch dem erteilt Stadtbaumeister Patrick Gmür in einem Brief an Architekt Maier bereits eine Abfuhr: «Aufzonierungen sollen nicht mehr mit dem Giesskannenprinzip, sondern sorgfältig im Rahmen von qualifizierten Verfahren erfolgen.» Mit anderen Worten: die Stadt will die Zügel fester in der Hand halten.
Für die Parteienvertreter und den Architekten ist der Fall jedoch klar: «Die BZO vernichtet wertvollen Wohnraum», wie Baumer es formuliert.