Es sind Tränen der Freude, der Rührung, der Aufarbeitung, die den beiden Frauen immer wieder in die Augen steigen. Hedi Baumann und ihre Tochter Silvia Weidmann sind voll überschäumender Gefühle, wenn sie an ihre Familiengeschichte denken. «Es ist einfach unglaublich, diese Freude», sagt die Neftenbacherin Hedi Baumann und schüttelt den Kopf. Sprachlos. Überwältigt.

Da war der verschwundene Vater von Hedi Baummann, das ewige Geheimnis. Da sind Verwandte in Polen, die sie vor drei Jahren über Facebook fand und neu hinzugekommen sind nun Halbgeschwister in Frankreich, die sie Anfang Dezember dank ihrer Tochter und mithilfe der TV-Sendung «Happy Day» treffen durfte.

Ein Brief gibt eine Spur

Aber von Anfang an: Die heute 76-jährige Hedi Baumann wuchs ohne Vater bei ihren Grosseltern im Zürcher Oberland auf. Zeitlebens hatte sie sich nach einer Vaterfigur gesehnt, sich ausgemalt, er stünde eines Tages vor ihrer Haustür. Doch der Vater kam nie und Fragen zu seiner Herkunft wurden ihr von der Mutter verboten.

Als Hedi Baumann über 50 Jahre alt war, erhielt sie von einer Tante verschiedene Dokumente und erfuhr daraus, dass ihr Vater ein internierter Pole gewesen war (siehe Zweittext rechts). Unter den Papieren war auch ein alter Briefumschlag mit einer Adresse aus der polnischen Stadt Debno.

Lange Zeit machte Baumann nichts mit diesen Informationen. Vor drei Jahren dann fand ihre Tochter über die Facebook-Seite von Debno Verwandtschaft, die sie einige Monate später besuchten. «Es war sofort eine Herzensverbindung da», sagte Hedi Baumann damals nach ihrer Rückkehr.

Suche ohne Erfolg

Die polnischen Verwandten erzählten Baumann von ihrem Vater, der schon 1962 im Alter von 49 Jahren verstorben war. Er war herzkrank, wie sie heute weiss. Und sie erzählten, dass er in Frankreich eine Familie gegründet hatte. Mit dieser Information machten sich Mutter und Tochter auf die Suche nach den französischen Halbgeschwistern. Dabei schalteten sie auch die Überraschungssendung Happy Day vom Schweizer Fernsehen ein. «Die starteten sofort eine Recherche», erzählt Weidmann.

Gleichzeitig versuchte sie selbst, mehr über die verschollene Familie in Erfahrung zu bringen. «Aber ohne Erfolg. Wir kamen nicht weiter.» Auch «Happy Day» brach die Suche nach einem halben Jahr ab. Die Frauen beschlossen, mit ihrer Familie in Polen glücklich zu sein und die Sache ruhen zu lassen.

«Wir hatten dort so viel Liebe gefunden, dass wir damit zufrieden waren», sagt Weidmann. Auch ihre Hedi Baumann gab sich zufrieden. «Ich hatte immer grossen Respekt davor, was wir mit unserer Suche auslösen», sagt sie. «In Polen wurden wir herzlich empfangen, aber vielleicht wollen andere gar nichts von uns wissen.»

Die Cousine in Polen liess aber nicht locker. Sie schlug Weidmann vor, ihre Suche auf einer polnischen Facebook-Seite für vermisste Personen weiterzuführen. Also postete sie dort wieder den Briefumschlag mit der Adresse in Debno. «Aber ohne grosse Hoffnungen.»

Tragische Kindheit

Doch über mehrere Ecken erhielt sie schliesslich sechs französische Adressen mit dem Nachnamen des Grossvaters, Roczniak. Ein Vorname stimmte auch überein: Ein Halbbruder von Hedi Baumann war wohl gefunden.

Einfach anrufen wollte Weidmann aber nicht. Darum schrieb sie dem Verwandten einen Brief. Er meldete sich per Mail zurück und bestätigte, der gesuchte Halbbruder zu sein: «Aber es ist kompliziert», schrieb er – ganz ohne Freudentaumel.

In diesem Moment schaltete Weidmann «Happy Day» wieder ein. Das Ziel: Eine Zusammenkunft der weit verstreuten Familie. Die Mutter informierte Weidmann nicht. «Ich wollte sie überraschen, als Dank für alles, was sie schon für die Familie getan hat.»

Ganz so einfach war die Sache aber nicht. Am Telefon erzählte der aufgespürte Halbbruder, dass er und seine Geschwister als Kinder aus unbekannten Gründen fremdplatziert wurden – jedes an einem anderen Ort. Misshandlungen und traumatische Erlebnisse prägten ihre Kindheit. Darum habe er nicht zu allen Geschwistern Kontakt. Er gab Weidmann jedoch die Adresse eines weiteren Bruders: Nicolas.

Facebook-Seite blockiert

Diesen kontaktierte Weidmann schliesslich über seine Tochter. Denn die Zeit drängte. Hedi Baumann sollte an der Weihnachtssendung von «Happy Day» überrascht werden, die Dreharbeiten mussten also bald stattfinden. Und gleich mit dem Fernsehen an die Tür zu klopfen, erschien ihr unpassend.

Die französische Cousine war jedoch sofort offen für die Schweizer Familie und unterstützte den Austausch mit ihrem Vater. Dieser jubelte laut ins Telefon, als Weidmann ihn anrief. «Er konnte gar nicht mehr sprechen, bis schliesslich seine Frau übernahm.»

Dann ging alles schnell. «Happy Day» lud die polnische und die französische Familie in die Schweiz ein. Alles musste geheim bleiben. Dafür änderte Silvia Weidmann sogar das Passwort von Mutters Facebook-Seite, damit sich diese nicht mehr mit den Verwandten in Polen austauschen konnte. «Ich wies auch meine Kinder an, der Grossmutter ja nicht mit dem Facebookproblem zu helfen.»

Für insgesamt 19 Personen galt es express eine Unterkunft zu finden. Weidmanns Arbeitgeber, die Chefs des Gasthauses Sonne in Seuzach, halfen mit Hotelzimmern zum Freundschaftspreis. Weidmann lockte ihre Mutter am 1. Dezember nach Zürich an den Weihnachtsmarkt, wo Moderator Röbi Koller hinter einem Christbaum wartete und Hedi Baumann zu ihrem «Happy Day» einlud.

«Es hiess nur, dass sich meine Tochter bei mir bedanken möchte», erinnert sie sich. «An meine Halbgeschwister hatte ich zunächst nicht gedacht.» Erst im Gespräch mit Röbi Koller wurde ihr klar, dass es um ihre Halbgeschwister geht – und ihren Bruder Nicolas durfte sie dann in die Arme schliessen.

Schon jetzt haben Hedi Baumann und Silvia Weidmann Pläne mit den neuen Verwandten geschmiedet. Die Familiengeschichte geht weiter.